Schweiz

Das Genie Jay-Z im Zentrum der Energie

14. Juli 2008, 15:47 – Von Reto Baumann

Der Star war auch der Abräumer: Rapper Jay-Z sorgte am Openair Frauenfeld im Schlamm für das einsame Glanzlicht.

Star am Openair Frauenfeld: Rapper Jay-Z.
Keystone Star am Openair Frauenfeld: Rapper Jay-Z.

Als Jay-Z Ende des letzten Jahres seinen Chefsessel beim stilbildenden Rap-Label Def Jam räumte, war der Deal mit Live Nation schon eingefädelt. 150 Millionen Dollar war der weltgrössten Konzertagentur im April der Vertrag mit dem Rapper wert. Dafür tritt Jay-Z während zehn Jahren die Kontrolle ab über seine Musik, Tourneen und Fanartikel, seine Modekollektion und Nachtklubs. Er habe sich zu den Rolling Stones des Hiphop entwickelt, kommentierte Jay-Z, der in den letzten zehn Jahren zehn Nummer-1-Alben in den Charts platziert hat. Damit befindet er sich auf Augenhöhe mit Elvis.

Am Sonntagabend, zum Abschluss der Frauenfelder Regentage, lieferte der 38-jährige New Yorker einen weiteren Beweis, warum in ihn investiertes Geld gut angelegt ist.

Bereits das musikalische Crossover-Potenzial vieler Lieder ist beträchtlich. In Frauenfeld wurde am heftigsten mitgejohlt, wo die Gitarren zum Funk am lautesten bratzten, bei «99 Problems» etwa oder «Encore». Gemessen daran entpuppten sich die jüngsten Vorwürfe von Noel Gallagher an die Adresse der Veranstalter des britischen Glastonbury-Festivals als rein rhetorischer Natur. Der Oasis-Chefkomponist hatte sich beschwert, dass am Rockanlass mit Jay-Z ein Hiphopper als Zugpferd gebucht wurde. Der antwortete vor zwei Wochen keck mit umgehängter Gitarre und einer Coverversion der Oasis-Hymne «Wonderwall».

Souverän, gelassen, könnerhaft: Diese Attribute treffen auch auf Jay-Zs Schweizer Auftritt zu. Unterstützt von einem DJ, einer hervorragenden achtköpfigen Band und kurzzeitig von Zögling Memphis Bleek, rappte sich Shawn Carter mit heller, nasaler Stimme durch seine Stücke, zugleich dringlich und entspannt, weil er zwar immer wieder aufs Tempo drückte, aber oft nach dem Takt zum Sprechgesang ansetzte. Jay-Z kann schwungvoll verzieren und Akzente setzen, er ist ein hervorragender Reimstuckateur. Dabei entwickelt er in den besten Momenten eine unglaublich suggestive Kraft. Auf der Leinwand hinter der Bühne flackerten während der 75 Minuten dazu passend mehrfach grafische Bilder physikalischer Reaktionen, überblendet mit Aufnahmen des Rappers: Hier steht der Star jederzeit im Zentrum der Energie, hier sendet das Genie gleichsam aus der Glühbirne.

Jay-Z liess alle alt aussehen

Während die meisten anderen Hiphop-Veteranen des Wochenendes, von den Kifferbrüdern des Cypress Hill über den Gangster-Bärentänzer Ice Cube bis zu den Rap-Schattenboxern des Wu-Tang, nicht verbergen konnten, dass sie stark von den Zinsen leben, präsentierte Jay-Z auch sein altes Material frisch und stolz. Natürlich sitzt auch der Sound. Bei Jay-Z stehen keine Chardonnay- und Corona-Flaschen auf dem DJ-Pult wie 19 Stunden zuvor beim frohgemuten Wu-Tang Clan.

Angetrieben von unermüdlich vorwärtsstrebenden Schlagzeug und Perkussion, nahm das Konzert bei zwischenzeitlich kurzem Hänger immer mehr an Fahrt auf. Gerade weil die Spannung nicht in jedem Track aufgelöst wurde. In «U Don't Know» etwa schaukelten sich Soulbläser über reduziertem Beat immer weiter in die Höhe.

Der Fluss war auch einer der bildhaften Assoziationen. Auf «Is That Yo Bitch» folgen Takte aus Prodigys «Smack My Bitch Up», auf ein Bush-Porträt Bilder des vom Hurrikan Katrina versehrten New Orleans und eine Anklage ans damalige Krisenmanagement der Regierung, auf ein Obama-Bild Aufnahmen von Malcolm X und Martin Luther King, John F. Kennedy und Nelson Mandela, Vietnam und Polizeigewalt. Dazu rappte Jay-Z: «I'm like Che Guevara with bling on».

Bling – Glitzerschmuck – gabs auch zur Interpretation des Amy-Winehouse-Entziehungskurhits «Rehab». Der Totenkopf, der dem Rapper auf der Brust prangte, tauchte vor züngelnden Flammen verwandelt auf der Leinwand auf, besetzt mit 8601 Diamanten – es ist der berüchtigte «For the Love of God»–Schädel von Damien Hirst. Aus Elend mach Glam: Dahinter verbirgt sich das Grundprinzip der Tellerwäschersaga des Gauners und Schwindlers, der aufsteigt zum Halbmilliardär.

Storys aus der Gosse

Der gibt heute selbst einen hübschen Batzen für Kunst aus. Für die Wand ob seinem Cheminée hat er Platz reserviert für einen rauchenden Drei-Meter-Joint, ein Auftragsbild von Takashi Murakami. Dessen Werk tauchte in Frauenfeld auf im Video zu «Blue Magic». Darin wedelt Jay-Z in Zeiten des schwachen Dollars mit Euros rum und sagt in der Rolle des Gangsters: «Reagan hat mich zu diesem Monster gemacht.» Es zählt zu Jay-Zs Stärken, dass er nicht Romantik predigt, wo Material herrscht.

Trotzdem schafft er es, rechtschaffen zu klingen; besonders anrührend in «Hard Knock Life» mit dem gesampleten Kindergesang aus dem Musical «Annie», einer weiteren Geschichte vom Aufstieg aus der Gosse. Das gefällt auch Barack Obama. Der lobt den Ex-Dealer Jay-Z heute als grosses Talent und grossen Geschäftsmann. Der eindringlichste Erzähler des Genres ist dessen grösster Kapitalist. «This is black superhero music, baby», deklamierte Jay-Z am Sonntag zu jubilierenden Trompeten in «Roc Boys». Im selben Stück bedankt er sich auch bei seinen Kunden.

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