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Unter dem kalifornischen Strand gähnt der Abgrund

06. August 2008, 19:13 – Von Christoph Fellmann

Sie sind Kalifornier, und sie singen über Kalifornien: Brian Wilson und Randy Newman erzählen auf ihren neuen Platten von der Schattenseite des amerikanischen Traums.

Der menschliche Makel blüht unter Palmen: Randy Newman.
Pamela Springsteen/Warner Music Der menschliche Makel blüht unter Palmen: Randy Newman.

Der eine sang über das Mädchen, das mit Daddys Wagen und laut aufgedrehtem Autoradio über den Strand kurvte. Der andere davon, wie Lucinda, gerade von der High School abgegangen, vom Strandputzmobil überfahren wurde. Die Strände, an denen die Songs von Brian Wilson und Randy Newman spielen, könnten leicht identisch sein; bestimmt aber liegen beide vor Los Angeles.

Die Metropole und der Saum des südkalifornischen Pazifiks bilden die Kulisse für viele Songs der beiden Mittsechziger: Brian Wilson - einst kreativer Kopf der Beach Boys - und Randy Newman sind die grössten Songwriter Kaliforniens. Nicht nur, weil ihre Lieder so gut sind. Auch, weil sich der US-Bundesstaat ohne Songs wie «Surfin' USA», «Fun Fun Fun» oder «I Love L.A.» nicht mehr denken lässt. Ende Monat erscheint «That Lucky Old Sun», das neue Album von Brian Wilson. Bereits in den Läden liegt «Harps and Angels», es sind Randy Newmans erste neue Songs seit fast zehn Jahren.

Utopie einer surfenden Gesellschaft

Über Kalifornien zu singen, heisst, über die USA zu singen. Ist es doch, als strebe die Geschichte des Landes hier hin: Der «Golden State» war das Ziel der Pioniere, das Eldorado der Goldgräber und der Fluchtpunkt der in Dürre und Depression verarmten Farmer aus dem Landesinnern. «There is no more new frontier», heisst es bei den Eagles, «we've got to make it here» (Es gibt keine neue Grenze mehr / Wir müssen es hier schaffen).

Kalifornien ist der zum Territorium gewordene amerikanische Traum. In Hollywood und den neuen Goldgräberzentren des Silicon Valley wird er immer neu aufgeführt. Und am Strand. In «Surfin' USA» von 1963 haben Brian Wilson und die Beach Boys die Utopie eines Amerika entworfen, in dem jedermann am Meer und in Sandalen lebt und surft. 45 Jahre später ist Wilsons neues Album wieder eine Ode an Los Angeles, sein Meer und seine Nähe zu den mexikanischen Girls, und in den orchestralen Arrangements rauscht der alte Beach-Boys-Sound in höheren Tiden denn je. Bloss, die Leichtigkeit, die scharfe Gischt der alten Songs ist dahin. Die Chöre klingen wie einbalsamiert, und die ganze Beach-Boyness scheint etwas übertrainiert. Da musste jemand ziemlich viel Aufwand treiben, um sich noch am Strand zeigen zu können.

So beginnt Wilsons Album, von der B-Seite des amerikanischen Traums zu erzählen. Plötzlich fallen die Sonnenstrahlen nicht auf menschlichen Glanz, sondern auf seine Imitation, und man ahnt den Verfall, der darunter arbeitet. Doch es geschieht etwas ganz und gar Überraschendes: «That Lucky Old Sun» gerät nicht zu einer peinlichen, sondern zu einer ergreifenden Platte. Ob mit Absicht oder nicht: Diese neue Songkollektion ist so etwas wie Brian Wilsons Autobiografie - das Porträt eines nicht genügenden Kaliforniers.

Der geplatzte Poptraum

1966 nahm Brian Wilson den perfekten Poptraum in Angriff. «Smile» sollte das Album heissen. Es wurde nie fertig (beziehungsweise erst 2004 rekonstruiert). Wilson zerbrach an der Arbeit und an den Drogen, die er konsumierte, und geriet für Jahre an den Rand des Wahnsinns. Die Risse in «That Lucky Old Sun», sie sind der St.-Andreas-Graben in Brian Wilsons Psyche. Der Spalt zwischen dem Platz an der Sonne und dem Platz in der Verblendung; oder, wenn man so will, der Abgrund zwischen «Fun Fun Fun», dem Beach-Boys-Hit von 1964, und «Never Learn Not to Love», einer Single-B-Seite von 1968, die der spätere Massenmörder Charles Manson komponiert hatte, ein langjähriger Weggefährte der Band.

In «Forever My Surfer Girl», einem der schönsten Songs des neuen Albums, träumt sich Brian Wilson darum ins Jahr 1961 zurück, in ein Jahr der Unschuld und der Idylle, als er in den «ocean eyes» seines Mädchens schwamm. Die Nostalgie steigt auf diesem Album wie die Flut, Song für Song. Bis endlich Fetzen aus Brian Wilsons Leben wie Strandgut ans Ufer schwappen. «Ich tauchte, konnte aber nicht schwimmen», heisst es in der Ballade «Midnight's Another Day». Am Ende erkennt der Sänger seine Mission: «Love songs, pretty girls / Didn't want to end. / Trying to slow down the motion / So it could move us again.» So schön hat selten einer seine Nostalgie benannt.

Randy Newman war nie ein Strandjunge (das hat er mit Brian Wilson gemeinsam, der in Wahrheit nie surfte). Seine Lieder sind, wenn schon, wie die Haifischflosse, die ums Surfbrett kreist. Und wenn auch Newman auf seiner neuen Platte als gealterter Herr auftritt, so nicht in eigener Sache: Er hat seine Stimme in früheren Songs einem Sklavenhändler geliehen, einem Vergewaltiger oder einem Stalker. In «Only A Girl» gehört sie einem dicken, alten Kalifornier, der sich wundert, wie er eine so junge Freundin erobern konnte, und der sich nur kurz fragt, ob es eventuell am Geld liegen könnte. Lieber greint er: «She's only a girl, but she's big time.»

Nein, der «kalifornische Albtraum», der Brian Wilsons deutscher Autobiografie den Titel gab, beschäftigt Randy Newman kaum persönlich: Er verdient gutes Geld mit Filmsoundtracks für Hollywood und hat 2002 für einen Song aus dem Disney-Trickfilm «Monsters Inc.» einen Oscar gewonnen. Randy Newman ist in seinen Songs nur selten der Biograf seiner selbst. Aber: Auch seine Figuren sind keine, die dem amerikanischen Selbstbild genügen. Es blüht der menschliche Makel, allzeit und überall. Newmans Charaktere entblössen sich vor dem Zuhörer, reden sich um Kopf und Kragen, hausieren mit kleineren und grösseren Perversionen, und das meist im Tonfall der Selbstgerechten.

Als Kalifornier, Jude und Südstaatler - er wuchs in New Orleans auf - ist Randy Newman eine Art Meta-Amerikaner. Dass er sich in verschiedenen Kulturen seines Landes auskennt, hilft ihm, von Song zu Song blitzschnell die Perspektive zu wechseln, die Rolle, den Erzählton. Er weiss, was die Kalifornier über die Rednecks im Süden denken, und was die Rednecks über die New Yorker Juden. Und er macht keinen Hehl daraus, dass dies meist grimmige Dinge sind. Es ist immer das eigene Leben, das gut ist: «My Life Is Good» war 1983 seine kleinbürgerliche Hymne auf das gute Gefühl, es geschafft zu haben.

Über die Jahre ist so aus einzelnen Vignetten, Songs und Porträts ein umfassendes Panorama amerikanischer Mentalitäten gewachsen. Jedes neue Album ist dazu eine höchst willkommene Ergänzung. «Harps and Angels» überzeugt fast durchwegs, ja, musikalisch ist es Newmans kräftigste und präziseste Platte seit langem: Über einem Fundament aus Blues und Rhythm 'n' Blues spannt er immer neue, immer neu trügende Orchesterarrangements auf, die virtuos das Gefühlskino von Broadway und Hollywood zitieren.

Ein paar Worte für George W. Bush

Zu einem fröhlichen Charleston begegnet man jenem Mann, der den Einwanderern zuruft, das Leben doch leicht zu nehmen («Laugh and Be Happy»). Boshaft und liebevoll zugleich widmet sich Newman auch dem Alten, der seine Erinnerung verliert, bloss nicht die an seine missliche Baseballkarriere («Potholes»). Und er ist die unheimliche Stimme in «A Few Words in Defense of Our Country»: Die USA hätten zwar momentan die schlimmste Regierung aller Zeiten, spricht sie über einem Orchesterchen, das klingt wie aus dem Automaten für Countrymusik; aber es sei nicht die schlimmste Regierung aller Zeiten auf aller Welt. Es folgt ein Monolog über die finstersten Regimes der Weltgeschichte, wobei das Orchester jeden Namen - «Hitler! Stalin!» - mit einem freudigen Tusch begrüsst.

Dies ist ein kümmerlicher Rest des amerikanischen Traums: Wir mögen versagt haben, aber andere haben noch mehr versagt. Es ist ein gemeiner, ein brutaler Song, und er dürfte kaum dazu beitragen, dass in den USA mehr Leute Randy Newmans Lieder hören. Die Popularität lag schon immer auf der Seite der Beach Boys, auf der Seite der mit offener Naivität verfolgten Utopie. Doch auch die kann implodieren, wie Brian Wilsons Beispiel zeigt. «It's the edge of the world / And all of western civilization», haben die Red Hot Chili Peppers über Kalifornien gesungen. Am Rand des Pazifiks bräunt sich der Westler zur Vollendung, ja. Doch wer auf der Kante lebt, kann fallen. Kann als Penner am Sunset Boulevard aufwachen, im Drogenentzug, im Sanatorium oder in Abu Ghraib.

Der amerikanische Traum ist eine Idee, die keine genauere Überprüfung aushält. Brian Wilson und Randy Newman erzählen davon; jeder auf die Weise, die er am besten beherrscht.

Randy Newman: Harps and Angels (Nonesuch/Warner); Brian Wilson: That Lucky Old Sun (Capitol/EMI).

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