Ausland - Tages-Anzeiger
05. Juni 2007, 22:05

Schlechte Klimaprojekte

Knapp 700 Projekte sind im Rahmen des Kyoto-Protokolls bisher in Entwicklungsländern lanciert worden. Was wie ein Erfolg aussieht, entpuppt sich nun als trügerisch.

Von Martin Läubli

Einen Meilenstein verkündete das Sekretariat der Uno-Klimakonvention UNFCCC in Bonn Anfang des Jahres. Es ist eine Windanlage im indischen Gujarat. Sie produziert im Gegensatz zu Kohlekraftwerken auf sauberem Weg Strom. Das Windkraftwerk soll Jahr für Jahr den Kohlendioxid-Ausstoss um gut 15 000 Tonnen verringern. Das Vorhaben gehört zwar zur Kategorie der Kleinprojekte. Trotzdem war es für das Uno-Klimasekretariat eine Pressemitteilung wert: Es ist das 500. «Klimaschutzprojekt», das im Rahmen des Kyoto-Protokolls beim CDM-Exekutivrat registriert wurde. Dieses Gremium ist zuständig, Vorhaben in Entwicklungsländern zu prüfen, die zum so genannten Clean Development Mechanism (CDM) gehören. «Dies ist ein Zeugnis dafür, was erreicht werden kann, wenn Länder zusammenkommen, um Lösungen für globale Probleme zu finden», kommentiert Yvo de Boer, Chef des Uno-Klimasekretariats. Die Bilanz der letzten zwölf Monate lässt sich zeigen: Das Kyoto-Protokoll ist erst seit zwei Jahren in Kraft, und vor einem Jahr waren weniger als hundert Projekte registriert. Seit Jahresbeginn hat der CDM-Exekutivrat weitere 185 Registrierungen vorgenommen. Die Uno schätzt, dass diese Projekte bis 2012 insgesamt eine Emissionsreduktion von 1 Milliarde Tonnen CO2 erbringen. Das entspricht dem jährlichen CO2-Ausstoss von Frankreich, Spanien und der Schweiz.

Ungenügend und doch akzeptiert
Doch nun wird das flotte Tempo arg gebremst. Eine bisher unveröffentlichte Studie bestätigt, was Experten seit geraumer Zeit mit Besorgnis vermuten: Zahlreiche registrierte Klimaprojekte, namentlich in Indien, erfüllen nicht den Standard, wie ihn das Kyoto-Protokoll vorschreibt.

Axel Michaelowa von der Beratungsfirma Perspectives hat eine Stichprobe von 52 registrierten indischen CDM-Projekten detailliert überprüft und dabei festgestellt: Die Projektentwickler der Hälfte der Vorhaben weisen in ihren Dokumentationen ungenügend nach, dass ihr Projekt nur dank dem Anreiz des CDM zu Stande kommt. Oder anders gesagt: Es fehlt der Beweis, dass das registrierte Projekt tatsächlich zu einer Reduktion der CO2-Emissionen führt.

Diese so genannte Zusätzlichkeit ist aber die wichtigste Voraussetzung für die Registrierung eines Klimaprojekts. Denn Unternehmen und Regierungen der Industriestaaten können ihre CO2-Reduktionsverpflichtungen, die ihnen das Kyoto-Protokoll auferlegt, teilweise erfüllen, indem sie in CDM-Projekte investieren. Dafür erhalten sie Emissionsgutschriften, mit denen sie auch handeln können. Das heisst: Wer in Entwicklungsländern die Emissionsreduktion vorantreibt, muss selbst die CO2-Emissionen entsprechend weniger stark senken. Es wäre aber ein Etikettenschwindel, wenn Industriestaaten Emissionsgutschriften für Projekte erhalten würden, die auch ohne das CDM-System realisiert worden wären. Die CO2-Emissionen würden in diesem Fall nicht zusätzlich reduziert. Im Gegenteil: Die Emissionsbilanz wäre unter dem Strich schlechter.

«Nur ein Drittel der indischen Projekte machten eine Investitionsanalyse», sagt Axel Michaelowa, der als unabhängiger CDM-Gutachter für das Uno-Klimasekretariat arbeitet und am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich lehrt. So stellte sich zum Beispiel bei einem Grossprojekt in einem indischen Stahlwerk heraus, dass die Betreiber betriebswirtschaftlich profitieren, wenn sie an Stelle von Kohle die bei der Stahlproduktion anfallenden Abgase für die Stromgewinnung nutzen. Die Investition in die neue Anlage zahlt sich bereits nach kurzer Zeit aus, weil die Kosten für die Beschaffung von Kohle wegfallen. Das vom CDM-Exekutivrat akkreditierte Zertifizierungsunternehmen – es gibt derzeit weltweit siebzehn – sah ein Investitionsrisiko im Bau der Gasanlage, weil komplizierte technische Probleme zu lösen waren. «Die Lösung wurde schnell gefunden, weil die Technik seit Jahrzehnten erprobt ist. Die Technik hätte die Realisierung des Projekts nicht in Frage gestellt», sagt Axel Michaelowa. Ähnliche Mängel fand der Ökonom auch bei registrierten Windkraftanlagen. «In Indien haben Industrieunternehmen einen massiven Anreiz, Windkraftanlagen zu kaufen, da sie dafür Steuergutschriften bekommen und gleichzeitig ihre Stromkosten senken.»

Fragwürdige Zertifizierungsfirmen
In manchen Fällen lehnt der CDM-Exekutivrat Projekte ab, die nicht dem Standard entsprechen. «Doch werden auf jedes abgelehnte Projekt viele andere, ähnlich gelagerte Fälle akzeptiert», sagt Michaelowa. Für ihn besteht dringend Handlungsbedarf, sonst würden in Indien und auch anderswo weiterhin Projekte registriert, welche die Anstrengungen im weltweiten Klimaschutz in ein schlechtes Licht rücken.

Das grösste Problem sieht der Ökonom in den unabhängigen Zertifizierungsunternehmen, die für den CDM-Exekutivrat die Dokumente der Projekte prüfen. «Ein Zertifizierer, der eine positive Begutachtung eines Projekts ablehnt, verliert Marktanteile, und das kann er sich beim intensiven Wettbewerb um Aufträge nicht leisten», sagt Michaelowa. Bei zwei Drittel der untersuchten indischen Projekte haben die Gutachter der Zertifizierungsfirmen keine unabhängigen Daten geprüft, um die Zuverlässigkeit der Dokumente beurteilen zu können. «Vielfach werden die Kommentare der Projektentwickler für die Expertisen übernommen.» Die Uno müsse künftig die Expertisen in Auftrag geben und die Projektentwickler dafür zur Kasse bitten.

Dass es schwarze Schafe unter den Zertifizierungsunternehmen gibt, zeigt ein unveröffentlichter Uno-Bericht, der letzte Woche in der britischen Zeitung «The Guardian» zitiert wurde. Bei drei Gutachterfirmen – einer britischen, spanischen und einer deutschen – ordnete der CDM-Exekutivrat eine Untersuchung an. Ein Unternehmen schnitt dabei so schlecht ab, dass sich der Rat eine Suspendierung überlegt habe. Dabei blieb es allerdings. Das Problem sei nicht schwer wiegend genug gewesen, um eine der drei Firmen zu suspendieren, zitiert «The Guardian» Hans Jürgen Stehr, den Vorsitzenden des Exekutivrates.

Für Axel Michaelowa ist das eine unverständliche Reaktion. «Alle Zertifizierungsfirmen machen nach drei Jahren Erfahrung immer noch zu viele Fehler.» Einen Grund für die Zurückhaltung des CDM-Rats sieht er in der ungenügenden Rechtslage. «Vermutlich fürchtet sich der Rat vor Gerichtsfällen.»

© Tamedia AG  – Quellen: tagesanzeiger.ch – Agenturen  –  » Fenster schliessen