Ausland - Tages-Anzeiger
18. November 2007, 17:38 – Von David Nauer

«Gegen Putin? Wählen Sie Maria Gaidar!»

Sie ist das neue Gesicht der russischen Demokraten: Die 25-jährige Maria Gaidar kandidiert für die Duma – und attackiert den Kreml mit einer frechen Kampagne.

Als Maria Gaidar auf der Polizeistation sass, da war er auch dabei. Symbolisch zwar nur, als Porträt an der Wand. Doch Wladimir Putin gab der vorübergehenden Verhaftung seiner blutjungen Gegnerin gleichsam den Segen. Maria Gaidar hatte sich unmittelbar beim Kreml von einer Brücke abgeseilt und ein gelbes Plakat gehisst. «Gebt dem Volk die Wahlen zurück, Ihr Scheusale», stand drauf. Dann kam die Polizei. Wenn Putin über die Kremlmauer geblickt hätte, er hätte den Text lesen können.

Wirtschaftsliberales Grüppchen

Ein Jahr ist die Geschichte nun her, und jetzt sind Wahlen in Russland, Parlamentswahlen. Maria Gaidar kandidiert für die «Union der Rechten Kräfte», sie ist Spitzenkandidatin in Moskau. Ihre Partei sorgt in Küchengesprächen russischer Intellektueller regelmässig für Streit. Ein «wirtschaftsliberales Grüppchen von Putins Gnaden» nennen sie die einen; einen «Club der Oligarchen» die anderen. Manche loben die Partei als liberale, demokratische Kraft, als eine der letzten in Russland. Wahr ist, dass es in der «Union der rechten Kräfte» verschiedene Strömungen gibt. Einige Parteiexponenten halten sich mit Kritik am Kreml auffallend zurück. Maria Gaidar gehört nicht zu ihnen.

Ihre Kampagne ist frech und aggressiv – und sie zielt direkt ins Herz der Macht. «Sind Sie gegen Putin? Wählen Sie Maria Gaidar!», das ist der Slogan, den sie soeben gegen die Bedenken ihrer Berater durchgesetzt hat. Sie will nicht irgendwelche abstrakten Dinge kritisieren, sie will auf den Mann spielen. «Putin hat das heutige System geschaffen», sagt sie, «und das heutige System, das ist schlecht.» Es fehle an Mechanismen für einen geordneten Machtwechsel. Und jetzt, da der Präsident nicht mehr für eine weitere Amtszeit kandidieren darf, stehe das Land vor einer schrecklichen politischen Krise.

Gegen diese Krise, und gegen diejenigen, die sie heraufbeschwört haben, kämpft Maria Gaidar an. Es ist ein langer, ein schwieriger Weg, und er hat sie schon mehr als einmal in die Fänge der Staatsmacht gebracht. Im letzten Frühjahr zum Beispiel, als Moskau von tausenden Polizisten und Soldaten belagert wurde, weil ein paar Dissidenten im Stadtzentrum demonstrierten. Maria Gaidar kletterte auf ein Mäuerchen und rief: «Russland ohne Putin». Sie stand weniger als eine Minute dort, bis sie von kräftigen Polizisten abgeführt wurde. Die Repression ist längst Alltag geworden, und irgendwie, so scheint es, hat sich die junge Frau daran gewöhnt.

Lästig ist die harte Hand des Kremls trotzdem, besonders in Wahlzeiten. Die Zeitung von Maria Gaidars Partei wurde gerade konfisziert. Angeblich, um sie auf «extremistischen» Inhalt zu prüfen. Ein Flugblatt, das ihr Team verfasst hat, liess der Rechtsdienst der Partei gar nicht erst drucken: «Der Text verstösst gegen das Strafgesetzbuch, unter anderem gegen den Extremismus-Artikel», beschieden ihr die Juristen.

Der berüchtigte Papa

Dabei sieht Maria Gaidar gar nicht aus wie eine Extremistin. Adrett gekleidet, sorgfältig frisiert, unauffällig geschminkt – an einem Parteitag der Schweizer Jungliberalen würde sie nicht auffallen. Und auch ihre Ansichten sind andernorts staatstragende Werte: Die Macht im Land soll dem Volk gehören, sagt sie etwa.

Für ihr jugendliches Alter, und dafür, dass sie von den staatlichen Fernsehkanälen geschnitten wird, ist Maria Gaidar erstaunlich bekannt in Russland. Das liegt unter anderem an ihrem Familiennamen. Urgrossvater Arkadi Gaidar war ein berühmter Revolutionär, Grossvater Timur machte sich als Militärreporter einen Namen. Den meisten Russen aber ist ein anderer Gaidar in Erinnerung, Marias Vater Jegor. Er war der Architekt von Jelzins Reformpolitik, er hat aus Sowjetrussland eine Marktwirtschaft gemacht – mit allen Folgen, die dies für die einfachen Menschen hatte: Arbeitsplatzverlust, Armut, Niedergang. Das Image der Familie hat sich bis heute nicht davon erholt.

Maria will das ändern, sie gehört zu einer neuen Generation, nicht nur der Gaidars, sondern auch der Demokraten. Im Gegensatz zu vielen eher depressiven Vertretern der russischen Intelligenz suhlt sie sich nicht in ihrer eigenen Machtlosigkeit. Statt über den bösen Kreml zu jammern, greift sie an. Ein halbes Dutzend Kurzfilme hat ihr Wahlkampfteam schon produziert. Sie sind rasant geschnitten wie Videoclips: Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow wird als johlende Witzfigur karikiert, die Regierungspartei «Einiges Russland» kommt als ein Haufen Claqueure daher.

Witzig ist die Kampagne, doch Erfolg wird sie kaum bringen. Die «Union der Rechten Kräfte» kann bei den Wahlen vom Dezember maximal mit zwei Prozent der Stimmen rechnen. Für den Einzug ins Parlament braucht es sieben Prozent.

© Tamedia AG  – Quellen: tagesanzeiger.ch – Agenturen  –  » Fenster schliessen