Bücher - Tages-Anzeiger
23. November 2007, 01:51 – Von Martin Ebel

Am G-Punkt und noch manch anderen Lustorten der Aufklärung

Das Leben des Bruders von Jean-Jacques Rousseau. Den kennen Sie nicht? Sie sollen ihn kennen lernen! Stéphane Audeguys Roman machts möglich.

Wer Aufklärung sagt, muss auch Dialektik sagen. Das wunderbare 18. Jahrhundert, in dem der Himmel des Geistes immerblau leuchtet, führte geradewegs in den Terror der Revolution. Gleich sollten die Menschen sein – und wurden es unter dem Fallbeil, dessen ausgeklügelte «humane» Apparatur auch eine Frucht der rasant sich entwickelnden mechanischen Künste war.

Der Vater des Philosophen Jean-Jacques Rousseau war Uhrmacher, und dieses Handwerk erlernt auch sein um sieben Jahre älterer Bruder François. Von dessen Lebensweg erfahren wir hier aus erster Hand: Denn was wir lesen, sind seine Memoiren. Fiktive Memoiren selbstverständlich. François Rousseau selbst ist keine Fiktion; er hat gelebt und kommt auch in den «Confessions» des weltberühmten Bruders mit ein paar Zeilen vor; er sei, heisst es da, von den Eltern vernachlässigt worden, schon früh auf moralische Abwege geraten und schliesslich von der Bildfläche verschwunden.

Stéphane Audeguy, ein Film- und Kunsthistoriker aus Tours, der in Paris lebt, hat also eine Lücke in der rousseauschen Familienbiografie geschlossen (eine Lücke, die allerdings niemand bisher schmerzhaft gespürt hat). Das Leben, von dem François Rousseau erzählen kann, ist nicht weniger bewegt als das von Jean-Jacques; es ist vor allem ein lustvolleres. Seine Darstellung ist dementsprechend weniger grüblerisch und sentimental, vor allem weniger selbstbezüglich als die «Confessions». Mehr als diesen ähnelt der hurtige Stil des modernen Ghostwriters dem des Spötters Voltaire.

1705 kommt François zur Welt, mit fünf hat er seine erste Erektion, bei der die Mutter helfend Hand anlegt, und 1794, bei Abfassung der Memoiren, liegt die letzte noch nicht lange zurück. Der Leser merkt schnell, worum es geht: Um die Freuden der körperlichen Liebe, denen François, mit einer längeren haftbedingten Unterbrechung, ausgiebig nachgeht. Libertinage hatte im 18. Jahrhundert eine erotische und eine intellektuelle Bedeutung; keine Frage, welche für den Helden die wichtigere war. Mit 14 entdeckt er, von einer schönen Rinderhirtin kundig unterwiesen, die Klitoris und verfasst sofort eine metaphysische Abhandlung, die aus der Existenz dieses Lustortes, sozusagen des G-Punktes der Aufklärung, die Nichtexistenz Gottes ableiten will. Dafür konnte man damals noch auf dem Scheiterhaufen landen; François erntet zu seinem Glück nur das schallende Gelächter seines Mentors, des Grafen von Saint-Fonds.

Durch Salons und Schlafzimmer

Die bunteste Zeit erlebt François erwartungsgemäss in Paris, der damaligen Welthauptstadt raffinierten Vergnügens. Er amtet als Hausmeister in einem Luxusbordell, erhält Zugang zu einer exklusiven Vereinigung von Freigeistern und stellt seine mechanischen Fähigkeiten und Eingebungen in den Dienst der Wissenschaft wie auch der Erotik. Er versucht den Verdauungsapparat des Menschen nachzubilden; sein «unermüdlicher Herkules», ein Sexroboter, ist allerdings Betrug; in seinem Innern verbirgt sich ein sexuell glänzend disponierter Zwerg.

So geht es munter durch die Schlafzimmer und Salons dieses frivol gezeichneten und natürlich überzeichneten Jahrhunderts. Dessen Nachtseiten unterschlägt Stéphane Audeguy keineswegs; er brandmarkt die mittelalterliche Strafpraxis ebenso wie die entsetzlichen Lebensbedingungen der armen Leute. Aber erst mit der Grossen Revolution trübt sich der Roman wirklich ein. Da wird nicht nur mechanisch exekutiert, sondern auch mechanisch abgeurteilt, und an die Stelle schlechter Institutionen tritt die Entfesselung der niedrigsten Instinkte durch gezielte Manipulation, eine nicht weniger absolute Herrschaft.

Dem Pöbel kann man jedes Opfer zum Frasse vorwerfen: Er frisst es. Er frisst auch Sophie, die letzte Geliebte des Helden und letzte Lichtgestalt des Buches, eine attraktive, mutige (und etwas anachronistische) Frauenrechtlerin. Und der Marquis de Sade, mit dem der Held einige Jahre in der Bastille geteilt hat, behält Recht mit seinem tiefschwarzen Bild des Menschen.

Dennoch ist dies ein hochvergnügliches Buch, vor allem für Liebhaber historischer Spaziergänge, für Kenner des Aufklärungszeitalters wie für jene, die es auf denkbar unangestrengte Weise kennen lernen wollen. Von einigen wenigen Unwahrscheinlichkeiten abgesehen (etwa der erstaunlichen Rüstigkeit noch des 89-Jährigen), ist dem Autor die literarische Maskerade staunenswert gelungen. Der Geist der Aufklärung blitzt in zahlreichen epigrammatischen Formulierungen auf. Tänzerisch und elegant bewegen sich Audeguys Sätze, als stammten sie wirklich von einem Zeitgenossen Voltaires und Diderots; ein Effekt, den die französische Kritik gerühmt hat und der in der deutschen Übersetzung notgedrungen etwas verblassen muss, wobei Elsbeth Ranke ihre Sache aber überwiegend gut macht.

Natürlich ist das Unterhaltung, aber Unterhaltung vom Feinsten. Allerdings muss nun keiner kommen und die Lebensgeschichten der fünf Kinder erzählen, die Rousseau ins Findelhaus gegeben hat. Auch wenn es die, wie seinen Bruder, wirklich gegeben hat.

Stéphane Audeguy: Das Leben des François Rousseau, von ihm selbst erzählt. Roman. Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke. Schirmer Graf, München 2007. 296 S., 32.80 Fr.

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