Kino - Tages-Anzeiger
15. April 2008, 16:58 – Von Florian Keller

Sitzstreik auf der Parkbank

Nanni Moretti trauert im Film «Caos Calmo». Mit Berlusconi hat das diesmal nichts zu tun.

Die Krise einfach aussitzen? Das ist sonst nicht seine Art. Sein Land mag sich von einer politischen Sackgasse in die nächste manövrieren, und zwei Jahre nach seiner Berlusconi-Farce «Il Caimano» sitzt die Farce leibhaftig schon wieder in der Regierung. Aber Nanni Moretti, als Filmemacher eine moralische Instanz in Italien, ist eigentlich nicht der Typ, der sich deswegen ins innere Exil verabschieden würde. Stillhalten ist nicht sein Rezept.

Sokratiker der Leistungsgesellschaft

Und doch tut er genau das im Film «Caos Calmo», zu dem Moretti das Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman von Sandro Veronesi geschrieben hat. Da rettet er, als ganz normaler Held, eine wildfremde Frau vor dem Ertrinken, und als er dann nach Hause fährt, liegt dort seine eigene Frau tot im Garten. Statt zu trauern, tritt er nun sozusagen einen Sitzstreik an. Jeden Tag bringt der Witwer sein kleines Töchterchen Claudia (Blu Yoshimi) zur Schule, und weil er das Kind nicht mehr aus den Augen lassen will, wartet er draussen auf einer Parkbank, bis die Schule aus ist. In dem Konzern, wo er in der Geschäftsleitung arbeitet, lässt er sich nicht mehr blicken, und so besuchen ihn die Herren von der Firma halt im Park, um ihre Machtspiele vor einer grossen Fusion einzufädeln.

So wird dieser Mann zum Sokratiker der neoliberalen Leistungsgesellschaft: Die Parkbank ist sein Büro, ganz ohne Papierkram und immer gut gelüftet. Wie ein weltlicher Guru sitzt er unter den Bäumen und hört die Allerweltsklagen seiner Pilger ab. Da hält er nun still und hofft, dass ihn nicht hinterrücks die Trauer überfällt und sich sein Leben von selbst wieder einrenkt.

Dass dieser Mann schliesslich erst im rüden Sex mit einer Geliebten wieder zur Tat und zurück ins Leben findet, das hat man im Vatikan offenbar nicht gern gesehen. Dank der päpstlichen Erregung über die «vulgäre» Szene (ausserehelich und in höchst unchristlicher Position) brachte es «Caos Calmo» auch in der Boulevardpresse zu Schlagzeilen. Die schönere Pointe des Films ging darob gern vergessen, und die hat nun gar nichts mit Sex zu tun: Am Ende ist es nämlich das Töchterchen, das den Vater mit einem vernünftigen Wort zurück in den Alltag holt.

Das Rührstück elegant vermieden

Nanni Moretti spielt diesen Vater mit dem ihm eigenen, heiseren Understatement, und auch sonst ist «Caos Calmo» kein Film, der mit den Emotionen hausieren geht. Hier gibt es keine rosa «Kirschblüten» wie im gleichnamigen Film von Doris Dörrie, wo ein Witwer seine Trauerarbeit mit japanischem Ausdruckstanz leistet und zu einem Selbsterfahrungstrip nach Fernost aufbricht. Bei Dörrie sagt jedes Bild: Ich bin ein Kino der leisen Töne. Antonello Grimaldi dagegen erzählt sein «Caos Calmo» in einem wunderbar unaufdringlichen, aber auch trügerischen Plauderton.

Das alles hat zwar nicht die Tiefe von Nanni Morettis filmischer Trauerarbeit in «La stanza del figlio», aber berührend ist das dennoch, weil «Caos Calmo» dem Rührstück, das hinter jeder Ecke droht, elegant aus dem Weg geht. Aus dem Rahmen fallen höchstens die paar ausgesuchten Songs, die Grimaldi fast in voller Länge einspielt: Rufus Wainwright oder der «Pyramid Song» von Radiohead mag nicht die Musik sein, die man sonst vom italienischen Kino erwartet. Aber auch da hat sich der Regisseur bloss an den Roman gehalten.

Caos Calmo (Italien 2008). 105 Minuten. Regie: Antonello Grimaldi. Mit Nanni Moretti, Valeria Golino, Isabella Ferrari, Alessandro Gassman u.a.

Spielzeiten und -orte, siehe Übersicht im Züritipp.

© Tamedia AG  – Quellen: tagesanzeiger.ch – Agenturen  –  » Fenster schliessen