Schauplätze - Tages-Anzeiger
26. Juni 2008, 18:52 – Von Judith Wittwer

Fehlerhafter Notstrom führte zu Bildstörungen

Die Stromausfälle während des ersten EM-Halbfinals trafen die Fernsehsender wie ein Blitz. Nur die Schweizer und Al-Jazeera blieben verschont. Die Uefa will jetzt auf Nummer sicher gehen.

Kaiser Franz Beckenbauer brachte es nach dem dramatischen EM-Halbfinal zwischen Deutschland und der Türkei vor laufender Kamera auf den Punkt: Einen kleinen «Grimmi» habe man im Basler St.-Jakob-Park erlebt, sagte er in breitem Bayrisch. Dabei hatte ausserhalb des Stadions und ausserhalb der Schweiz noch eine viel grössere Spannung geherrscht. Drei Mal sorgte ein heftiges Unwetter über dem Internationalen Sendezentrum in Wien beinah weltweit für minutenlange Bildstörungen bei der Spielübertragung. Einzig das Schweizer Fernsehen und offenbar auch der arabische Sender Al-Jazeera waren nicht von den Ausfällen betroffen.

Mit jedem Blackout ging ein ungeduldigeres Raunen durch die deutschen Fanmeilen. Zwar verpassten die Zuschauer vor den Leinwänden keine Tore, weil der übertragende Sender ZDF relativ schnell auf das Signal des Schweizer Fernsehens umschaltete, das über eine Glasfaser-Direktverbindung zum Basler Stadion verfügt und deshalb ohne Unterbruch senden konnte. Den Sport-Fans in Deutschland bescherte die komische Kombination von Schweizer Bild und deutschem Ton jedoch eine Grenzerfahrung: ZDF-Sportreporter Béla Réthy kündigte per Telefon direkt aus dem Stadion den Führungstreffer von Miroslav Klose bereits vor dem leicht verzögerten Bild und sichtbaren Tor an. Hören statt Sehen - und die Erkenntnis: Ein Augenblick kann manchmal wie eine Ewigkeit wirken.

Uefa drohen Regressforderungen

Für den europäischen Fussballverband Uefa könnte die peinliche Panne Folgen haben. Kurz nach der Partie kündigte der verärgerte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz an: «Darüber wird noch zu reden sein.» Gemeint ist damit auch die Verpflichtung aller europäischen Sender - mit Ausnahme der Schweizer - auf das offizielle Uefa-Fernsehsignal aus Wien. Laut Angaben von «Spiegel Online» erwägen nun die betroffenen Rundfunkanstalten, Entschädigungen dafür zu verlangen, dass der Fussballverband seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist. Die Uefa garantiert eine unterbrechungsfreie Spielübertragung.

Uefa-Repräsentant Alexandre Fourtoy räumte heute vor den Medien ein, dass das Schutzsystem zur Erkennung von Stromausfällen fehlerhaft gewesen sei. So führten die kurzen Aussetzer nicht zu einer automatischen Umschaltung auf ein aus Generatoren bestehendes Notstromsystem. Da die Installation die Mikroausfälle von jeweils weniger als einer Millisekunde nicht erkannte, mussten die Computer im Kontrollraum neu gestartet werden. Dasselbe System war aber auch an der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland im Einsatz - ohne Probleme. Solche Mirkoausfälle sind laut Experten sehr selten.

Über mögliche Schadenersatz-Ansprüche mochte die Uefa gestern nicht sprechen. Zuerst wolle man für die letzten zwei Spiele eine reibungslose Übertragung sichern. Dazu hat der Verband im Internationalen Sendezentrum in Wien die Stromversorgung auf die vollständig unabhängige Generatoren-Anlage umgeschaltet, welche über ein eigenes Notstromsystem verfügt. Fussball-Krimis sollen also nur noch live auf dem Rasen stattfinden.

© Tamedia AG  – Quellen: tagesanzeiger.ch – Agenturen  –  » Fenster schliessen