Schweiz - Tages-Anzeiger
19. März 2008, 20:41 – Von Beat Bühlmann

Wenn Senioren zum Verkehrsrisiko werden

Immer häufiger wird Rentnern der Fahrausweis entzogen. Oft zu spät, weil die Hausärzte überfordert sind. In Biel prüfen nun Neurologen die Fahrtauglichkeit von Senioren. Ein Modell?

Adolf Dreier, Jahrgang 1930, fährt seit 58 Jahren Auto. Mit seinem Einverständnis hat ihn der Hausarzt bei der Bieler Neurologie angemeldet, um seine Fahrtauglichkeit abzuklären. «Das war mir recht», sagt Dreier. Beim Test in der Arztpraxis habe er etwas viel Zeit gebraucht, um Koordinationsaufgaben zu lösen. So kam Dreier zu «Le Drive», wie das Kompetenzzentrum zur Abklärung der Autofahrtauglichkeit im Alter heisst. Es ist das erste dieser Art in der Schweiz und hat «Modellcharakter», wie Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen (Astra) sagt.

Demenz rechtzeitig abklären

«Unser Test ist auf die Senioren zugeschnitten», sagt Filippo Donati, Leiter Neurologie am Bieler Spitalzentrum. Beim standardisierten Verfahren, das zwei bis drei Stunden dauert, geht es auch um Beweglichkeit und motorische Fähigkeiten. Im Vordergrund stehen aber neuropsychologische Abklärungen: geistige Flexibilität, Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, visuell-räumliche Verarbeitung - und nicht zuletzt um das frühzeitige Erkennen der Demenz.

Das ist im Hinblick auf die demografischen Veränderungen von besonderer Bedeutung: Während heute die Hälfte aller Rentnerinnen und Rentner - das sind 600'000 Personen - einen Fahrausweis hat, wird dieser Anteil mit den mobilen Babyboomern auf 80 Prozent steigen. Bei einer ohnehin stark wachsenden älteren Bevölkerung werden deshalb bis in 20 Jahren etwa 1,6 Millionen Seniorinnen und Senioren mit dem Auto unterwegs sein. Im letzten Jahr stieg die Zahl der Ausweisentzüge bei über 70-Jährigen mit 17 Prozent bereits am stärksten (siehe Kasten).

Hausarzt oft befangen

Die Alten sind zwar trotz vieler Schlagzeilen nur zu einem kleineren Teil für die Strassenunfälle verantwortlich. «Doch ab 80 steigt das Unfallrisiko markant, sodass sich strengere Kontrollen aufdrängen», sagt der Bieler Chefarzt Filippo Donati. Heute müssten Senioren eigentlich ab 70 Jahren alle zwei Jahre vom Hausarzt auf die Fahrtauglichkeit geprüft werden. In der Praxis funktioniert das aber schlecht. Zum einem ist der Allgemeinmediziner mit solchen Abklärungen oft überfordert, zum anderen vielfach persönlich befangen. «Wer seinen Patienten ein Leben lang begleitet, neigt eher zum Gefälligkeitsgutachten», sagt der Neuropsychologe Jan Roloff. «Mit unserem Kompetenzzentrum sind wir in einer unabhängigen Position und können den Hausarzt aus der Schusslinie nehmen.»

Der Verzicht aufs eigene Auto sei für alle Rentner ein «enormer Einschnitt», sagt Roloff. Zum Teil würden sie bei drohendem Ausweisentzug denn auch ziemlich ausfällig reagieren. «Le Drive» empfiehlt etwa der Hälfte der Testpersonen, ihren Fahrausweis umgehend beim Strassenverkehrsamt zu deponieren. Viele merken bei den Abklärungen selber, dass sie besser nicht mehr Auto fahren sollten. Denn beim Reaktionstest vor dem PC lassen sich allfällige Mankos nicht mehr verschleiern. Im Zweifelsfall wird zusätzlich eine Fahrprobe mit einem speziell geschulten Fahrlehrer angeordnet.

So war es auch bei Adolf Dreier. Er sei «eher zu langsam» gefahren, sagte ihm der Experte. «Doch ich bin fahrtüchtig und darf den Fahrausweis behalten.» Das Verfahren, das rund 800 Franken kostet und von der Krankenkasse bezahlt wird, war für ihn «keine Schikane».

«Le Drive», seit dem Sommer 2007 in Betrieb, testet pro Woche zwei bis vier Senioren. Im Einzugsgebiet des Bieler Kompetenzzentrums sind allerdings 25'000 Personen im Alter von über 65 Jahren unterwegs. Und von diesen dürften zehn bis zwanzig Prozent - also bis zu 5000 Personen - beeinträchtigt sein, wie Chefarzt Donati schätzt. «Das ist eine Diskrepanz zur Zahl unserer Tests», räumt er ein, «ein Grossteil wird kaum seriös abgeklärt.»

Fahrausweis nur auf Zeit

Das Bundesamt für Strassen will deshalb im Rahmen von Via Sicura, das demnächst dem Bundesrat vorgelegt wird, die Fahrtauglichkeit der Älteren gründlicher prüfen, wie Thomas Rohrbach vom Astra erklärt. Zum einen sollen die Hausärzte verkehrsmedizinisch besser ausgebildet und die Mindestanforderungen verschärft werden. Zum anderen soll für strittige Entscheide häufiger ein Vertrauensarzt oder ein verkehrsmedizinisches Kompetenzzentrum wie «Le Drive» zugezogen werden. Doch könne es nicht darum gehen, «wegen spektakulärer Einzelfälle einen aufwändigen Kontrollapparat aufzubauen», sagt Rohrbach. Im Prinzip soll weiterhin der Hausarzt zuständig sein.

In den Kantonen regt sich Widerspruch. So möchte der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri die Prüfung der Fahrtauglichkeit «in aller Regel» dem Hausarzt entziehen und sie einem verkehrsmedizinisch geschulten Vertrauensarzt übertragen. «Der Hausarzt hat ein allzu enges Verhältnis zum Patienten und will nicht unbedingt den Bösewicht spielen», sagt Hauri. Der Kanton Zug hat deshalb fünf Vertrauensärzte für «schwierige Fälle» bezeichnet.

In kleinen Kantone könne das funktionieren, sagt der Aargauer Justiz- und Polizeidirektor Kurt Wernli. In grösseren Kantonen wie dem Aargau und den 30'000 Abklärungen pro Jahr sei das nicht machbar. Stattdessen sollen Rentner ab 70 nur einen befristeten Fahrausweis erhalten, fordert Wernli. Wer weiterhin Auto fahren will, müsste selber einen Antrag stellen - samt Arztzeugnis. Obschon der Schweizer Seniorenrat eine solche Regelung als Diskriminierung ablehnt, hält die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren an ihrem Vorschlag fest. Die heutige Regelung sei nicht griffig genug, sagt Wernli. «Es braucht einen Paradigmawechsel.»

Unfallrisiko steigt ab 80 markant

Die Zahl der Ausweisentzüge wegen Krankheit und Gebrechen stieg im letzten Jahr um rund ein Fünftel auf 2500, wie das Bundesamt für Strassen (Astra) heute mitgeteilt hat. Im Vergleich zu den total 72'000 Entzügen ist das immer noch bescheiden. Aber die Tendenz dürfte sich auf Grund der demografischen Entwicklung weiter verstärken. Zum Anstieg haben nämlich vor allem Seniorinnen und Senioren beigetragen. Allein bei den über 70-jährigen Lenkern stieg die Zahl der Ausweisentzüge um 17 Prozent.

Autofahrer über 65 Jahre verursachten 2005 knapp 1700 oder elf Prozent aller Unfälle mit Personenschaden. Gemessen am Bevölkerungsanteil von 15 Prozent sind sie also unterproportional an Autounfällen beteiligt.

Der Anteil der Unfälle mit Verkehrstoten verursacht durch Seniorenlenker liegt hingegen bei 16 Prozent, wobei die Folgenschwere vor allem bei über 75-jährigen Autofahrern zunimmt. Dabei sind die älteren Autofahrer selber am stärksten gefährdet: das Todesrisiko für die fragilen Rentner und Rentnerinnen ist im Strassenverkehr dreimal höher als für jüngere Verkehrsteilnehmer.

Auch wenn die Zahl der Unfälle mit zunehmenden Alter stark abnimmt, weil unter den Senioren ein kleinerer Anteil Auto fährt, steigt das effektive Unfallrisiko der älteren Lenker. Über 75-Jährige verursachen fast 60 Prozent, über 80-Jährige knapp doppelt so viele Unfälle wie die mittlere Altersgruppe. Laut dem Verkehrsmediziner Rolf Seeger leiden 48 Prozent der Personen, deren Fahreignung fraglich ist, unter Demenz und 24 Prozent unter einem verminderten Sehvermögen. (bm.)

© Tamedia AG  – Quellen: tagesanzeiger.ch – Agenturen  –  » Fenster schliessen