TagiTalk - Tages-Anzeiger
21. November 2006, 14:22

«Ich habe einen langen Atem»

Wie viel sollen Manager von börsenkotierten Schweizer Unternehmen verdienen? Sind Abgangsentschädigungen gerechtfertigt? Thomas Minder, Kleinunternehmer und Initiant der neuen «Volksinitative gegen die Abzockerei», beantwortete Ihre Fragen.

Den TagiTalk mit Thomas Minder moderierte Judith Wittwer

Moderatorin: Herr Minder ist eingetroffen. Der TagiTalk kann beginnen. Herr Minder, vielleicht zuerst eine Frage von Seiten des Tages-Anzeigers. Wir haben gehört, dass Ihre Abzockerinitiative eher harzig angelaufen ist.
Thomas Minder: Stimmt nicht. Die Initiative geniesst bei vielen Schweizer Bürgern grosse Sympathie.
Fröhlich, Marius, Albligen: Ihre Initiative ist sicher toll. Aber was konkret bringt mir kleinem Büezer diese Initiative?
Thomas Minder: Auch Sie sind über die Pensionskassen und die AHV Aktionär. Und haben grösstes Interesse, dass diese Schweizer Unternehmen nachhaltig und gut geführt sind.
Glauser Ernst Zumikon: Ihre Initiative will die Aktionäre in die Festlegung der Gehälter einbinden. Auch die MitarbeiterInnen sind Elemente des Systems Unternehmen. Nicht nachvollziehbare Gehälter beeinträchtigen deren Motivation und verursachen schwer abschätzbare Verluste. Wer trägt dafür die Verantwortung?
Thomas Minder: Stimmt. Die Mitarbeiter haben grösstes Interesse, dass ihre Unternehmung erfolgreich, langfristig und nachhaltig geführt ist. Der Verwaltungsrat trägt die Oberverantwortung.
Moderatorin: Warum soll dann der Verwaltungsrat nicht auch die Löhne der Geschäftsleitung festlegen? Nur beim Verwaltungsrat selbst besteht doch ein Kontrollproblem.
Thomas Minder: In grossen börsenkotierten Unternehmungen sind auch die Vergütungen bei Mitgliedern der Geschäftsleitung in den letzten Jahren exorbitant gestiegen. In diesen Unternehmen sind Mitglieder des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung oftmals zu nahe beisammen. Umso mehr als dass in diversen Unternehmungen das Doppeltmandat existiert.
Moderatorin: Sie lehnen das Doppelmandat ab.
Thomas Minder: Nein. Wir möchten, dass die Generalversammlung das Doppelmandat bewilligen oder ablehnen kann. Würden wir die Vergütungen der Mitglieder der Geschäftsleitung nicht über die GV bestimmen lassen, so würde sich zum Beispiel Herr Vasella eine Million als Verwaltungsmitglied auszahlen lassen und die anderen 29 Millionen als Mitglied der Geschäftsleitung.
Winistörfer, Karl, Zürich: Ihre Gegner, Herr Minder, behaupten, die Abzocker-Initiative sei bestes Marketing für Ihre Firma. Spüren Sie bereits eine Umsatzsteigerung?
Thomas Minder: Würde ich den Batzen in die eigene Firma investieren, so würde ich wohl mehr Umsatz generieren. Minder und Trybol AG verbindet man nun einmal mit ein und derselben Person. Das ist übrigens in vielen KMU's der Fall.
Moderatorin: Sie können aber nicht abstreiten, dass die Bekanntheit Ihrer Firma mit der Abzockerinitiative enorm gestiegen ist.
Thomas Minder: Das stimmt. Der Rummel war riesig und ich sollte mich bald möglichst um die Firma kümmern. Dies bin ich auch meinen Mitarbeitern schuldig.
Mühlemann, Reto, Horgen: Haben Sie eigentlich auch finanzielle oder andere Unterstützung aus der Wirtschaft für Ihre Initiative?
Thomas Minder: In erster Linie investiere ich selbst und die Firma Geld in diese Initiative. In den nächsten Wochen werden verschiedene politische Parteien und Organisationen ein offizielles Pressestatement erlassen - für oder gegen die Initiative. Diese Gremien brauchen Zeit um darüber zu befinden. Wir sind selber gespannt, wer uns ideologisch unterstützt und wer nicht. Dass die drei eher bürgerlichen Parteispitzen, SVP, CVP und FDP die Nein-Parole beschlossen haben liegt auf der Hand. Denn sie bekommen namhafte Beträge aus ihren Kreisen, welche wir attackieren. In Luzern unterstützt uns die FDP namhaft - das gefällt Herrn Pelli ganz und gar nicht. Wenn diese Parteien merken, dass man mit dem Initiativtext Wähler abholt, so werden die kantonalen und regionalen Gruppierungen nicht lange auf sich warten lassen.
Keller Simon, Basel: Als SVP-Mitglied bin ich gegen staatliche Eingriffe in die Privatwirtschaft. Ich finde, dass Sie den Wettbewerb zu stark unterbinden. Als Unternehmer sind Sie sicher auch für den freien Markt, oder?
Thomas Minder: Wenn Herr Vasella in nur sieben Jahren sein Gehalt verdreissigfacht hat und Herr Ospel in nur drei Jahren verdoppelt, so hat das nichts mehr mit Leistung zu tun. Ein weltweiter Markt für Topmanager existiert kaum. Umso mehr als dass diese schon nach kürzester Zeit wieder ausgewechselt werden. Die vielen Skandale in den letzten Jahren, wie CS, ABB, Rentenanstalt, Zürich Versicherungen, Swissair, Swiss, Adecco, UBS (Hedgefunds-Debakel) haben unserer Wirtschaft enorm geschadet. Wir vermissen ganz klar im Topmanagement das Malus, das heisst, dass bei einem Verlust, kleinem Gewinn oder schlechter Unternehmungsführung, die Gehälter herunter kommen sollen. Dies ist nicht der Fall. Und bei einer Nicht-Performance nehmen sich die Topshots noch eine Abgangsentschädigung. Dies ist höchst verwerflich und widerspricht jeglichem Verständnis eines freien und liberalen Marktes und einer langfristig ausgerichteten Unternehmungsführung.
Häberli Ruth, Trimbach: Letzte Woche habe ich Sie im 10vor10 gesehen. Allerdings ging es um die Marke Schweiz. Wie hängen diese beiden Themen zusammen?
Thomas Minder: Haben nichts miteinander zu tun. Ich mache mich auch stark, dass nur für Produkte, die in der Schweiz fabriziert werden, diese sich auch mit der Marke Schweiz auszeichnen dürfen. Es ist unglaublich, wie viele Produkte im Ausland fabriziert werden und sich mit der tollen und guten Swissness schmücken. Wenn da sich nichts ändert, so muss ich wohl schon bald die nächste Inititative starten.
Stauffacher, Marco, Wädenswil: Sind die Aktionäre nicht selber schuld, wenn sie in Unternehmen investieren, deren Manager Geld in grossem Stil abräumen?
Thomas Minder: Stimmt, die Aktionäre sind an der jetztigen Situation mitbeteiligt. Sie wären gut beraten, Abzocker, welche als Verwaltungsrat eine schlechte Performance abliefern, nicht mehr zu wählen. Und ihnen die Decharche zu verweigern. Wir möchten ja die Vergütungen nicht limitieren, sondern lediglich dem Aktionariat, als Besitzer der Firma, das Recht zu geben, die Gesamtsumme der Vergütungen für den Verwaltungsrat, die Geschäftsleitung und für den Beisitz abzunehmen. Der Aktionär ist mündig genug, dass er fähige Führungskräfte mit einem guten Salär in der Unternehmung behält.
Moderatorin: Für Ethos-Direktor Dominique Biedermann gehen Sie damit aber schon zu weit. Er will lediglich, dass die Aktionäre bei der Lohnpolitik mitreden können.
Thomas Minder: Herr Biedermann steht zu 90 Prozent hinter unserer Initiative. Er sieht einen anderen Lösungsansatz. Wir sind der Meinung, es ist für den Aktionär einfacher, über die Summe der Gesamtvergütung abzustimmen, als über die Lohnpolitik. Die Lohnpolitik ist in vielen börsenkotierten Unternehmungen höchst untransparent - nicht einmal Profis wie Herr Biedermann sehen da durch, zum Beispiel CS.
Staffelbach, Regula, Kloten: Weshalb soll eigentlich ein Vasella oder ein Grübel nicht gleich viel verdienen wie ein Roger Federer?
Thomas Minder: Der Vergleich hinkt. Wenn Federer nicht gewinnt, verdient er null und nichts. Herr Vasella und Herr Grübel sind beides Angestellte der Unternehmung und haben kaum eigenes Vermögen in die Firma investiert. Wenn der Laden nicht läuft, dann bekommen sie im besten Fall eine Abgangsentschädigung, so zum Beispiel Herr Vasella von drei Jahresgehälter - 90 Millionen. Diese Summe können sie schon jetzt auf das Jahresgehalt aufrechnen. Derartige Abgangsentschädigungen sind höchst verwerflich. In welcher Verfassung sich die Firma befindet ist irrelevant. Die Mechanismen in gewissen börsenkotierten Unternehmungen, welche derartige Verträge genehmigen, sind krank. Herr Grübel macht sicher einen tollen Job. Er darf auch ein grosses Salär haben. Doch auch 35 Millionen sind für ihn zu viel. Der Aktionär soll entscheiden wie viel die Geschäftsleitung pro Jahr erhalten soll. Die Mitglieder verteilen dann diese Summe selbstständig untereinander.
Angelopoulos, Michael, Winterthur: Gibt es eigentlich auch Überlegungen in Richtung eines Salary Caps für Manager, also einer Obergrenze für Saläre, wie es das zum Beispiel teilweise im US-Sport gibt?
Thomas Minder: Die Initiative sieht keine Obergrenze für Vergütungen des Topmanagements vor. Wir wollen, dass der Aktionär ehrlich darüber befindet. Die Vergütungen in der Verfassung und Gesetz fest zu legen, unabhängig von der Branche wäre falsch. Lassen wir doch die Sportgehälter sein und widmen uns dem Initiativtext.
B. Muetter, Zürich: Herr Minder, wer sind Ihre Vorbilder?
Thomas Minder: Habe kein Vorbild. Mir imponieren richtige Vollblutunternehmer, welche ihr ganzes Vermögen in die eigene Firma investieren und somit auch klar das Malus kennen.
Glauser Ernst, Zumikon: Herr Minder, ich finde Ihre Initiative grandios und bewundere Ihren Mut. Das Wichtigste daran ist wohl, dass trotz aller Pros und Kontras damit landesweit eine Diskussion ausgelöst wird. Haben Sie die Kraft, bis zum Schluss durchzuhalten?
Thomas Minder: Ja, ich habe einen langen Atem. Wir haben zur Zeit nur ein Ziel, so schnell wie möglich die 100 000 Unterschriften zu erreichen. Wir kämpfen um jede einzelne Unterschrift.
Blumer Edith, Wädenswil: Bravo, ich finde es super, dass Sie diese Initiative lancieren. Gegen diese Abzocker-Schmarotzer muss man etwas unternehmen, denn der Bürger versteht die Millionenlöhne nicht mehr. Es geht dabei nicht um Neid, wie von diesen Herren immer wieder behauptet wird. Wo kann man die Unterschriftenbögen beziehen?
Thomas Minder: Über die Homepage www.volksinitiative-gegen-die-abzockerei.ch. Danken schon jetzt für jede einzelne Unterschrift. Die Initiative ist kein Selbstläufer. Wenn nicht jeder sich die Mühe nimmt zu unterschreiben und das Couvert abzuschicken, erreichen wir es nicht. Das wäre verherrend und würde bedeuten, dass man weiter abzocken kann, wie bis anhin.
Moderatorin: Sind Sie durch die Initiative schon mit vielen neuen Leuten in Kontakt gekommen? Lustige Erlebnisse?
Thomas Minder: Das stimmt. Viel Bravos, aber auch ein paar hartnäckige Gegner, welche vor allem Establishment und bei der Economiesuisse zu finden sind. Herr Weyneth von der SVP hat am Samstag in Zürich unterschrieben, ohne zu diskutieren.
Moderatorin: Was für Reaktionen erhalten Sie von Ihren Unternehmer-Kollegen?
Thomas Minder: Wir glauben zu spüren, dass die KMU's hinter dem Initiativtext stehen. Sie sind das Rückgrad der Schweizer Volkswirtschaft. 99 Prozent aller Unternehmungen in der Schweiz sind KMU's. Unternehmer dieser Firmen kennen auch die rauen Zeiten und verzichten als aller erstens auf ihr eigenes Gehalt. In vielen grossen börsenkotierten Unternehmungen herrscht eine Selbstbedienungsmentalität, was die Vergütungen betrifft. In den Vergütungsausschüssen sitzen oftmals Kollegen und Freunde - die eine Hand wäscht die andere. Wir möchten das die Mitglieder des Vergütungsausschusses durch das Aktionariat gewählt werden. Dies ist ein ganz zentraler Teil der Initiative. Der Politfilz in der kleinen Schweiz ist enorm stark und die Initiative zielt auch in diese Richtung. In dem wir die Anzahl externer Mandate durch das Aktionariat festlegen wollen. Es kann nicht sein, dass Herr Vasella bei 30 Millionen Jahresgehalt noch in x-anderen gut dotierten Verwaltungsräten sitzt.
T.Müller, Zürich: Was hat dazu geführt, dass ausgerechnet Sie sich berufen fühlen, diesen Kampf zu führen?
Thomas Minder: Wir haben unter Herr Corti noch einen Grossauftrag bekommne, der aus den bekannten Gründen leider nie ausgeführt und bezahlt wurde. Als wir dann einige Zeit später erfahren haben, dass Herr Corti sich einen 5-Jahresvertrag und 12,5 Millionen vorab ausbezahlen lassen hat, ist für uns eine Welt zusammen gebrochen. Wir hätten das nie für möglich gehalten. Umso mehr, als er als "Topfinanzmann" die Liquidität im Griff gehabt haben müsste. Er wusste ja nicht einmal mehr, wie viel auf den einzelnen Konten liegt. Das Swissair-Grounding wäre vermeidbar gewesen.
Blumer Edith, Wädenswil: Weshalb verteilen Sie diese Bögen nicht auch via Zeitung?
Thomas Minder: Haben wir gemacht, in der ganzen Schweiz, kostet jedoch viel Geld.
Marc, Bern: Hilft Ihnen eine Partei oder andere grössere Organisation mittlerweile ? Oder hat Sie wenigstens kontaktiert ? Was halten Sie von Politikern, die seit Jahren über gleiche Ziele reden, Sie dann aber doch nicht konkret untersützen ?
Thomas Minder: Wird sich in der nächsten Zeit entscheiden, wer aktiv hinter dem Initiativtext steht. Die Farbe der Unterschrift ist uns egal.
Faton Gashi: Grüezi Herr Minder, Ihre Initiative ist super!
Thomas Minder: Merci, appellieren an alle Schweizer-Bürger und insbesondere an Tagi-Leser, die Initiative ebenfalls zu unterschreiben, um ein klares Signal zu senden, dass es so mit der Abzockerei auf der Teppichetage nicht mehr weiter gehen kann.
Moderatorin: Das ist ein guter Schluss für das Gespräch. Herzlichen Dank, Herr Minder für Ihre Antworten. Besten Dank fürs Mitmachen.

© Tamedia AG  – Quellen: tagesanzeiger.ch – Agenturen  –  » Fenster schliessen