Lief alles korrekt bei der Euro-08-Vergabe?
04. Juni 2008, 22:57 Von Thomas KnellwolfEin Papier der schweizerisch-österreichischen Kandidatur für die EM sah vor, «handfeste Vorteile» zu gewähren, um die entscheidenden Leute für sich zu gewinnen. Geld sei aber nicht geflossen, sagen die Beteiligten.
Brachten allein der wienerische Schmäh und die schweizerische Präzision die Fussball-Europameisterschaft in die Alpenländer? Gemäss den Verantwortlichen der siegreichen Doppelkandidatur war dies so. Die Spitzen der beiden Fussballverbände betonten stets, das Erfolgsrezept habe aus einem Mix aus österreichischem Charme und helvetisch perfektem Dossier bestanden. So hätten sie die Exekutive des Europäischen Fussballverbands (Uefa) vom Gemeinschaftsprojekt überzeugt.
Vor dem EM-Eröffnungsspiel von übermorgen Samstag werfen jedoch Dokumente, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, Fragen zur damaligen Kandidatur auf. Im «Lobbyingkonzept zur Kandidatur Euro 2008 Österreich-Schweiz» erwogen die Kandidaten, die «neutralen Mitgliederverbände» entweder «mit (fussball-)politischen Argumenten» zu überzeugen oder aber «mit handfesten Vorteilen» an Land zu ziehen.
Weniger Bemittelte «unterstützen»
Aus dem detaillierten Papier geht hervor, wie dies geschehen sollte: «Allfällige Bedürfnisse» der Landesorganisationen müssten «geprüft werden», heisst es. Und: «Gerade im Lichte der Solidarität, die sich bekanntlich auch die Uefa auf die Fahne geschrieben hat, bestehen sicher Möglichkeiten, weniger bemittelte Mitgliederverbände in irgendeiner Art zu unterstützen.»
Wo die Euro 08 über die Bühne gehen würde, entschieden letztlich nicht die Mitgliederverbände, sondern die von ihnen gewählte 14-köpfige Uefa-Exekutive. Deshalb nahmen sich die Schweizer und die Österreicher vor, die Entscheidungsträger einzeln zu besuchen. Die Treffen mit den Exekutivmitgliedern wurden auf das Frühjahr 2002 geplant. Vorgesehen war, dass vor Ort «die erwähnten Bedürfnisse (...) eruiert werden». Die Reisen seien «sorgfältig zu planen, um bei den Adressaten die richtige Reaktion hervorzurufen».
Auf dem Programm zur «Bekanntmachung der Bewerbung» standen schliesslich fast ein Dutzend Destinationen zwischen Island und Zypern. Verzichtet wurde auf eine Audienz beim damaligen Uefa-Präsidenten, dem Schweden Lennart Johansson, und beim Norweger Per Ravn Omdal. Beide waren durch ihre Herkunft der skandinavischen Konkurrenzkandidatur verpflichtet. Die EM austragen wollten damals ausserdem fünf weitere Bewerber: Bosnien-Herzegowina im Verbund mit Kroatien, Griechenland mit der Türkei, Schottland mit Irland und – einzeln – Ungarn sowie Russland.
Der Entscheid über die Vergabe war auf den 13. Dezember 2002 in Genf angesetzt. Entgegen der Planung fanden die Besuche erst kurz vor der mit Spannung erwarteten geheimen Abstimmung statt. Es flogen die Fussballverbandspräsidenten persönlich: der Schweizer Rechtsanwalt Ralph Zloczower und der österreichische Lotteriedirektor Dipl.-Ing. Friedrich Stickler. In der Reisediplomatie unterstützte sie der Schweizer Leiter der EM-Kandidatur, der Berner Fürsprecher Thomas Helbling. Helbling ist neuerdings Vizekanzler der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Der formelle Teil der Zusammenkünfte fand meist bei einem Empfang in der österreichischen oder schweizerischen Vertretung am jeweiligen Ort statt.
«Alles mit rechten Dingen»
Die Beteiligten beteuern, damals nie die Grenze des Erlaubten überschritten zu haben. Thomas Helbling bestätigt zwar den Auszug aus dem Lobbyingkonzept, der in der nebenstehenden Box zitiert ist. Energisch wehrt er sich aber gegen eine allfällige Interpretation, im Papier würden verklausuliert Schmiergeldzahlungen propagiert. «Unlautere Mittel hätten wir nie und nimmer eingesetzt», sagt Helbling. «Bei unserer erfolgreichen Kandidatur ist alles mit rechten Dingen zu und her gegangen.»
Helbling findet einzig, die zitierte Stelle sei «im Rückblick ungeschickt formuliert». Bei den Erwägungen im Konzept sei es darum gegangen, frühzeitig bei der Uefa-Exekutivwahl Kandidaten durchzubringen, die der österreichisch-schweizerischen Bewerbung wohl gesinnt gewesen seien. Die Stellen über «handfeste Vorteile» und «allfällige Bedürfnisse» bezögen sich auf die Möglichkeit, den «weniger bemittelten Verbänden» anzubieten, sie könnten Freundschaftsspiele oder ein Turnier gegen die Auswahlen Österreichs und der Schweiz austragen. Seines Wissens hätten solche Begegnungen aber nie stattgefunden.
Besuche sind inzwischen illegal
Ralph Zloczower sagt: «Für uns stand nie zur Diskussion, jemandem pekuniäre Vorteile zu verschaffen.» Auch sein österreichischer Kollege Stickler versichert, alles sei rechtens gewesen: «Mit Geschenken haben wir uns extremst zurückgehalten.» Man habe «Schreibwerkzeug» verschenkt, «aber nicht goldenes». Helbling erinnert sich: «Beim einen war es eine Guetslibüchse, der andere hat eine Schachtel Zigarren erhalten, der dritte ein paar Golfbälle. Dort, wo die Gattin beim Essen zugegen war (in den wenigsten Fällen), haben wir uns erlaubt, der Gattin ein Foulard zu schenken.»
Laut Zloczower hat der Wert der Geschenke ein paar Hundert Franken nicht überstiegen: «Wir wollten die Kandidatur keinesfalls kompromittieren.» Für die deutsche WM-Kandidatur 2006, so sagt der Schweizer Verbandspräsident, hätten Franz Beckenbauer und andere ähnliche Besuche durchgeführt. Inzwischen hat die Uefa solche Reisen verboten. Zloczower betont, dies sei erst nach der Euro-08-Bewerbung geschehen.













