Schweiz

Wie die SBB Hunderttausende Fans lenken

12. Juni 2008, 10:19 – Von Andreas Valda

An Spieltagen bewegen die SBB 300'000 Fussballfans zusätzlich zum Pendlerverkehr. Lediglich zwölf Leute überwachen den Einsatz der Züge in der ganzen Schweiz.

An Bildschirmen wacht er über Fans und Züge von Basel bis Chiasso: André Spengler, Dispatcher im Operationscenter.
Beatrice Devenès An Bildschirmen wacht er über Fans und Züge von Basel bis Chiasso: André Spengler, Dispatcher im Operationscenter.

15 Uhr, der Berner Bahnhof ist überflutet vom Orange der holländischen Fans. Gegröle, Alkohol und Schlachtlieder. Trommeln heizen die Stimmung an. Das «Bum! Bum!» der Schläge dringt bis ins Innere des SBB-Operationszentrums am Rande des Bahnhofareals. Hier herrscht gedämpft-konzentrierte Stimmung an Pulten und Bildschirmen. Die Trommlerei ist für die Mitarbeiter der einzige Indikator dafür, was draussen passiert. Kein Fernseher, kein Internet. Das «Hirn der SBB», wie die Staatsbahn das Center nennt, ist ganz mit allfälligen Pannen, Verspätungen und Passagierströmen beschäftigt.

«Wenn die gewinnen, dann geht heute Nacht die Post ab», sagt Christian Ginsig, Sprecher des Operationszentrums. 40'000 Fans erwartet die Stadt. Hinzu kommen Italiener und Schweizer, die zu den Fanzonen in der ganzen Schweiz fahren. Dafür setzen die SBB täglich 225 Extrazüge ein, 175 im Regionalverkehr und 50 im Fern- und internationalen Verkehr. Zu den durchschnittlich 860'000 Reisenden pro Tag kommen rund 300'000 Fans dazu.

Streikdrohungen aus Paris

17 Uhr. Der Pendlerverkehr überschneidet sich mit dem Fanverkehr. Eine Streikwarnung liegt in der Luft: In Paris würden die Fluglotsen die Arbeit niederlegen. Was, wenn acht Flugzeuge mit je 150 Frankreich-Fans heute Nacht in Kloten stranden? «Wir prüfen die Möglichkeit, den nächtlichen TGV nach Paris doppelt zu führen», sagt Toni Häne. Steht eine Komposition bereit? Sind Lokführer und Personal aufzutreiben? Der Chef persönlich klärt am Handy diese Option. Die französische Staatsbahn (SNCF) habe provisorisch zugesagt. Selbst der Vorgesetzte, Paul Blumenthal, Leiter Personenverkehr, wird ins Bild gesetzt. Dem Schichtleiter ordnet Häne an, mit Kloten und Paris die Streik-Wahrscheinlichkeit zu klären.

18.15 Uhr. Eine Telefonkonferenz in alle Gastgeberstädte und Betriebsstellen. Genf meldet «très, très calme», Basel «relativ ruhig». In Liestal sei der Extraschnellzug 16.26 Uhr nach Zürich «einfach durchgefahren», ohne zu halten. Ein Bericht werde erstellt. Zürich meldet eine Viertelstunde nach Anpfiff des Spiels Frankreich - Rumänien «mässige Frequenzen» in den S-Bahnen. Die Sonderzüge seien nur zu 20 bis 30 Prozent ausgelastet gewesen mit «Verspätungen im Minutenbereich».

Zürich meldet «Einsturzgefahr»

Aufregung herrscht nur, weil die gigantischen Spielerfiguren in der Halle am Hauptbahnhof als «einsturzgefährdet» gelten. «Ein Statiker ist aufgeboten», beruhigt die Stimme aus Zürich, solange bleibe der Bereich gesperrt. Olten meldet «gute Abendpünktlichkeit». Die Wagenlenkung Zürich (die Einsatzstelle für Rollmaterial) bestätigt, der Sonder-TGV nach Paris könne im Falle eines Flugstreiks organisiert werden. Die Leitstelle Zugpersonal bittet um einen raschen Entscheid, damit das TGV-Personal sich vorbereiten kann. Dieser Bitte gibt Häne statt: «Wir entscheiden eine Stunde vorher.» Und er fasst zusammen: «Alles verläuft planmässig.»

«Puffer gerissen» in Lausanne

Ab 19 Uhr häufen sich dann die Probleme. Zug 129, ein Cisalpino von Genf nach Milano, steckt in Lausanne seit fünf Minuten fest: «Puffer gerissen», meldet der Zugchef telefonisch. Der Zug dürfe nicht weiterfahren, sagt Dispatcher André Spengler. Er lässt telefonisch sofort einen so genannten Visiteur alarmieren, der vor Ort eilt, um die Panne zu lösen.

Der Dispatcher ist während acht Stunden operativer Chef eines Viererteams. Es besteht aus einem Koordinator für Züge, einem für Ereignismanagement und einem für Ressourcen. Der Ereignismanager ist bei Bahnstörungen der «Anwalt» der Passagiere. Spenglers Team überwacht den Bereich «Mitte», von Fribourg bis Lenzburg und von Basel bis Chiasso. Daneben sitzen zwei Viererteams für die Bereiche Ost und West. Total koordinieren also zwölf Leute in drei Schichten den Personenverkehr in der Schweiz.

19.15 Uhr. «129 fährt», meldet der Zugchef. Spenglers Team staunt. Die Wagenlenkung Zürich organisierte in Lausanne blitzschnell eine Rangierlok. Der defekte Waggon wurde herausgepickt. Jetzt schaut Dispatcher Spengler voraus: 15 Minuten Verspätung, was heisst das für die folgenden Anschlüsse? Ein Bildschirm zeigt ihm die geschätzte Verspätung am Knoten Brig. «129 wird das einholen!»

21.15 Uhr. Erneut Telefonkonferenz. Das 0:0 in Zürich führt dazu, dass Fans rasch die Rückreise antreten. «S-Bahn zu 80 Prozent ausgelastet», meldet Zürich. Und es folgt die Entwarnung: «Der Statiker befand die Spielerfiguren für sicher.» Der Schichtleiter rapportiert, dass keine Streiks stattfinden und dass Kloten die Paris-Flüge bestätigt hat. Eine Doppelführung des TGV fällt also dahin. Die Aussenstellen melden «ruhig». Holland schiesst das 1:0. Die Trommelei dringt nun in doppelter Lautstärke herein. Am Telefon meldet sich «Amsterbern». Alle im Raum lachen. «Unsere Kundenlenker an den Perrons sind parat», so das Regionalzentrum Bern. Häne: «Wenn die Holländer gewinnen, fahren unsere Extrazüge vielleicht leer.» Die Konferenz endet.

22.00 Uhr. Die Dispatcher lösen laufend kleine Problemchen, die mit dem Fanverkehr aber nichts zu tun haben. Der Zug von Brüssel nach Chur ist 30 Minuten verspätet. Ein Ersatzzug ab Basel wird organisiert, um die Schweizer pünktlich zu befördern. Ein ICE von Stuttgart nach Zürich fährt nur «halbe Kraft voraus», meldet die Einsatzstelle der Deutschen Bahn aus Frankfurt, «mit grosser Verspätung». Der Dispatcher Ost beordert einen Ersatzzug für die Schaffhauser Kunden nach Zürich.

23.00 Uhr. Die Holländer haben 4:1 gewonnen. Eine holländische Speakerin macht sich im Operationszentrum bereit für Ansagen in Extrazügen. Bern vibriert. Die Zuglenker beantworten fleissig Fragen. Die Extrazüge sind bumsvoll. «Aber alle sitzen», sagt der Koordinator Ressourcen. Die Züge fahren pünktlich. Der reguläre Schnellzug nach Olten-Zürich verlässt Bern um 23.35 Uhr - drei Minuten verspätet. Ein Fan frotzelt, die SBB seien «auch nicht mehr, was sie früher waren». Der Intercity ist zu 120 Prozent voll, selbst in der 1. Klasse stehen über hundert Leute bis nach Zürich. «Das Risiko müssen wir hinnehmen», sagt Sprecher Ginsig. Jedes Resultat ändere die Auslastung. Auf ein Spielresultat zu reagierten, sei unmöglich. Die Italiener hängen in den Sitzplätzen wie tote Fliegen. Putzmänner in orangen Overalls leeren im fahrenden Zug die Abfallkübel. Ein Fan neckt: «Sind das jetzt alles Holland-Fans?»

Dispatcher Spengler geht heim. Sein Kollege übernimmt um Mitternacht die ganze Schweiz für die nächsten 4 Stunden. Bis um 2 Uhr stehen ihm sechs Reservezüge von Genf bis Zürich zur Verfügung. Die Nacht wird ruhig werden. Wenigstens halten den Dispatcher die Trommeln wach.

Kens im Barbie-Zug

Montagnacht, um 23 Uhr. Ich wurde vorgewarnt. Eine Lokomotive zieht drei grell beleuchtete Wagen. Darin sitzen zwei Dutzend Typen in schwarzen Anzügen und Krawatten. Sie hängen an Handys, vor Laptops, die Sitze in alle Richtungen geschwenkt wie Kens im Barbie-Wagen. Sind das Manager im Erstklasszug? Am Wagen steht Salon de luxe. Mein Informant: «Das war die französische Nationalmannschaft». Der Kurzzug ist nach 15 Sekunden vorüber. In Bern fährt er am Gleis 3 vorbei. Er werde nirgends halten bis Palézieux, wo die Insassen auf Busse umsteigen. Die französische Nati logiert am Mont-Pèlerin nahe bei Vevey. (val)

Schweiz

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Lokale Suche

Marktplatz

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Heizungsmonteur/in gelernt planova human capital ag, Bern

Zimmermann/Zimmerin planova human capital ag, Bern

Office Manager/in planova human capital ag, Region ohne PLZ

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Geschäftsführer / CEO MICRODUL AG, Zürich

Partner Scalis AG, Regensdorf

Geschäftsführer/in (80-100%) Amt für Jugend und Berufsberatung, Zürich