Die Temporärbüros als Profiteure
11. August 2005, 23:31Die Zahl der Temporärarbeiter aus der EU ist stark gestiegen. Das überrascht die Behörden und nährt die Angst vor Lohndumping.
Sie sprechen deutsch, sind tüchtig und - so die Befürchtung - billig. Temporärfirmen rekrutieren in Ostdeutschland offensiv Bauarbeiter, die in der Heimat wegen der horrenden Arbeitslosigkeit keinen Job finden. Die Schweiz bietet ihnen einen einfachen Ausweg: Seit einem Jahr können sie auf Grund der Personenfreizügigkeit während maximal 90 Tagen ohne Bewilligung hier arbeiten. Ihr Arbeitgeber muss sie dem Staat bloss noch melden.
Berichte über Lohndumping bei solchen Temporärarbeitern tauchen regelmässig auf. Der Bundesrat muss deswegen dem Parlament im nächsten Frühling einen Bericht über «die Missstände im Verleihbereich» abliefern. Bis Herbst verlangt der Bund von den Kantonen Zahlen zum Problem. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat sie aufgefordert, die Temporärfirmen in diesem Sommer besonders stark zu kontrollieren, um endlich Genaueres zu wissen. Einstweilen geht man auch beim Seco davon aus, dass die Mehrheit aller Lohnmissbrauchsfälle bei den Temporärfirmen vorkommen.
Zunahme um 48 Prozent
Schon jetzt - vor der Abstimmung über die erweiterte Personenfreizügigkeit vom September - zeigen neuste Erhebungen: Die Zahl der Arbeiter aus dem EU/Efta-Raum, die von Temporärfirmen angestellt werden, nahm deutlich zu. Recherchen des «Tages-Anzeigers» haben ergeben, dass solche Firmen im ersten Semester dieses Jahres 48 Prozent mehr EU-Kurzarbeiter gemeldet haben als im zweiten Halbjahr 2004. Die Zahl stieg von 5075 (Juni bis November 2004) auf 7513 (Januar bis Juni 2005), was in diesem hochsensiblen Bereich brisant ist.
Beim Bund ist man überrascht über den «relativ grossen Anstieg», wie Kurt Rohner vom Bundesamt für Migration sagt. «Diesen Bereich muss man auf jeden Fall gut im Auge behalten.» Das Meldesystem gilt seit Juni 2004. Zuvor benötigten Kurzarbeiter aus der EU eine spezielle Bewilligung, um in der Schweiz arbeiten zu dürfen.
Gewerkschaften seit langem besorgt
Die Gewerkschaften fordern seit langem schärfere Bestimmungen und Kontrollen der Temporärbranche. Es sei «zu erwarten gewesen, dass die Zahlen steigen», sagt Nico Lutz, Sprecher der Unia. Das habe auch mit dem Zeitdruck in der Baubranche zu tun. Weil Bauten in immer kürzerer Zeit fertig sein müssten, würden laufend mehr Temporäre angestellt - namentlich auch aus der EU. «Eine Entwicklung, die wir nicht unterstützen», so Lutz.
Charles Bélaz, Generaldirektor von Manpower Schweiz, sieht dagegen kein Problem. Der Baubranche gehe es erfreulich gut, weshalb die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitern steige. Sein Betrieb halte die Mindestlöhne «auf jeden Fall» ein. Hin und wieder könne zwar «ein Fehler geschehen», aber das sei selten. Im Übrigen seien nicht die Schweizer Temporärfirmen die Hauptsünder beim Lohndumping, sondern die ausländischen Firmen, die ihren Mitarbeitertross für ein paar Wochen in die Schweiz auf eine Baustelle einfliegen. Diese seien sehr schwer kontrollierbar. Auch solche Arbeiter brauchen nämlich seit 1. Juni 2004 keine Arbeitsbewilligung mehr.
Mehr als ein Drittel aller im ersten Halbjahr 2005 gemeldeten EU/Efta-Kurzarbeiter sind in der Baubranche tätig. Gut 20 Prozent arbeiten in den Bereichen Banken, Versicherungen und Beratung. 16 Prozent der EU-Kurzarbeiter sind von Temporärfirmen angestellt. Und knapp 10 Prozent arbeiten im Gastgewerbe.
«Im ersten Augenblick erschrocken»
Alle Branchen zusammengerechnet, ist die Zahl aller Kurzarbeitermeldungen ebenfalls deutlich gestiegen. Waren es in der zweiten Hälfte des letzten Jahres noch 39 975, so sind es in der ersten Hälfte dieses Jahres schon 47 043. Das sind knapp 18 Prozent mehr.
Darüber sei man «im ersten Augenblick erschrocken», sagt Kurt Rohner vom Bundesamt für Migration. Die Spezialisten beim Bund hätten dann aber beruhigt, als sich herausstellte, dass zwar mehr EU-Arbeiter kamen, diese aber während weniger Tagen arbeiteten als im Halbjahr zuvor: Von Januar bis Juni 2005 zählte der Bund gut 1,55 Millionen Arbeitstage, im letzten Halbjahr 2004 waren es 1,65 Millionen Arbeitstage.
Die Forderungen der Gewerkschaften werden übrigens eventuell erfüllt: Falls die Stimmenden am 25. September der erweiterten Personenfreizügigkeit zustimmen, sollen die Schutzmassnahmen gegen Missbräuche auch in der Temporärbranche ausgebaut werden.
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