Schweiz

Es kamen weniger Einwanderer aus Europa

17. August 2005, 12:32

Migrationswelle aus der EU? Von wegen. Ausgerechnet seit die Schweiz ihren Arbeitsmarkt für EU-Bürger mehr und mehr öffnet, geht die Einwanderung zurück.

Von Verena Vonarburg, Bern

Das hätte sichder SVP-Hardliner Hans Fehr nicht gedacht. Natürlich nehme die Einwanderung in die Schweiz weiter zu, sagt er auf Anfrage, «das ist doch klar».

Nein, nicht klar, sondern falsch. Seit 1. Juni 2004, seit die Schweiz ihre Türen für EU-Bürger noch weiter geöffnet hat, sinkt die Einwanderung. Von Juni 2004 bis Mai dieses Jahres sind – verglichen mit den 12 Monaten vorher – 2,7 Prozent weniger EU- und Efta-Bürger in die Schweiz gezogen. In den Jahren vorher seit der Jahrtausendwende war die Einwanderung aus der EU immer mehr oder weniger stark angestiegen. Gezählt sind in der neusten Statistik des Bundes übrigens alle aus dem Kerneuropa, die ein Jahr oder länger hier bleiben.

Gar um 3,9 Prozent abgenommen hat seit Juni 2004 die Zahl der Erwerbstätigen, die für längere Zeit aus der EU/Efta kommen, um hier zu arbeiten.

Nicht nur Hans Fehr, auch die Experten beim Bund waren im ersten Moment erstaunt über diese scheinbar paradoxe Entwicklung. Man erklärt sich das Ganze unterdessen mit der schleppenden Wirtschaftsentwicklung. «Das hat konjunkturelle Gründe», ist Kurt Rohner vom Bundesamt für Migration überzeugt. Oder andersherum: Ginge es der Schweizer Wirtschaft besser, kämen mehr Menschen aus der EU. Das sieht Daniel Veuve vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gleich: «Die Einwanderung hängt primär von der Nachfrage der Arbeitgeber ab.» Die vorliegenden Zahlen liegen laut Veuve noch im Bereich der üblichen Schwankungen. Daraus einen Trend abzulesen, sei zu früh.

Kurzarbeiter für den Bau

Und je nach Branche präsentiere sich das Bild ganz unterschiedlich. Bau und Landwirtschaft beispielsweise sind viel mehr an Kurzarbeitern interessiert als andere. Wer höchstens 90 Tage bleiben will, braucht übrigens gar keine Bewilligung mehr. Die Zahl dieser Kurzarbeiter ist zwar noch nicht gross, aber am Steigen, was Angst vor Lohndumping nährt (TA vom 11. August).

Vor der Abstimmung über die erweiterte Personenfreizügigkeit interessiert vor allem, aus welchen Ländern die heutigen Einwanderer kommen. Die Zahlen bestätigen, was sich im Alltag beobachten lässt: Die Zuwanderung aus Deutschland wächst massiv. Gegenüber dem Vorjahr haben sich seit Juni 2004 nicht weniger als 15 Prozent mehr Deutsche für ein Jahr oder länger niedergelassen. Portugiesen (–20,1 Prozent), Spanier (–16,0) und Italiener (–12,7) wandern eindeutig weniger ein als auch schon.

Wohlstandsgefälle nimmt ab

Aus den klassischen Exportländern von billigen Arbeitskräften zogen also offensichtlich weniger Personen weg als auch schon. Der Grund ist ökonomisch einfach herzuleiten. Der Wohlstandsunterschied zwischen der Schweiz und diesen Staaten nimmt ab, folglich schwindet auch die Attraktivität unseres Landes. Mit der Erweiterung der Freizügigkeit auf die neuen EU-Staaten im Osten täte sich für die Wirtschaft ein neuer Markt für Hilfskräfte auf.

Beat Bechtold, der mit Ökonom Franz Jaeger die möglichen Folgen der Erweiterung untersucht hat, findet seine Analyse durch die neuen Zahlen des Bundes bestätigt. Die Schweiz habe es mit einer «dualen Einwanderung» zu tun. Vor allem aus Deutschland kämen viele hoch Qualifizierte. Das belege auch der «extrem hohe Anteil von Doktoranden und Professoren» an seiner Universität St. Gallen. Tief Qualifizierte wiederum seien künftig weniger im Süden denn in Osteuropa zu finden.

1,5 Millionen Ausländer

Die Einwanderung ist übrigens auch von ausserhalb der alten EU-Staaten rückläufig. Und dies noch deutlicher: Von Juni 04 bis Mai 05 waren es 6,4 Prozent weniger. Dieser Trend bestätigt sich seit drei Jahren, und er entspricht den Zielen der Ausländerpolitik: Die Hürden für Bürger von so genannten Drittstaaten werden höher gelegt. Diese «Verlagerung Richtung EU/Efta» sei «gewünscht und richtig», sagt der freisinnige Nationalrat Philipp Müller, denn wer aus dieser Gegend komme, lasse sich einfacher integrieren.

Über eines dürfen die derzeit sinkenden Einwanderungszahlen aber nicht hinwegtäuschen: Alles in allem wächst der Ausländeranteil weiter, wenn auch weniger als auch schon. Ende Mai lebten gut 1,5 Millionen Ausländerinnen und Ausländer hier, gut 1 Prozent mehr als ein Jahr vorher.

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