Schweiz

Die Schweiz im Ausnahmezustand

23. August 2005, 21:54

Die Unwetter in der Schweiz haben mittlerweile bis zu sechs Menschen das Leben gekostet. Weitere Personen werden vermisst. Mehrere Städte sind überschwemmt. Vielerorts warten Evakuierte darauf, in ihre Häuser zurückkehren zu können.

Nach dem Tod zweier Feuerwehrleute im luzernischen Entlebuch am vergangenen Sonntagabend sind in der Schweiz noch weitere Menschen den schweren Unwettern zum Opfer gefallen. Im Berner Oberland starb am Morgen eine junge Frau, als ein Wildbach ein Haus in Brienz zum Einsturz brachte. Eine Jugendliche wurde verletzt. Eine weitere Frau wurde am späteren Abend noch vermisst. Rund 20 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt, 500 Menschen wurden evakuiert.

Im Dorfbach von Dürnten im Zürcher Oberland wurde am Morgen ein zwischen Schwemmgut eingeklemmter toter Mann entdeckt. In Küblis (GR) wurde eine 72-jährige Spaziergängerin von einem umstürzenden Baum in die Landquart geschleudert. Sie ist seither vermisst.

Aus dem Walensee wurde am Morgen eine tote Person geborgen, wie ein Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen zu einem Bericht von Radio DRS erklärte. Ob der Fall im Zusammenhang mit den Unwettern steht, ist noch offen, weil unabhängig davon ein Vermisstenfall in der Region hängig ist.

Berner Oberland: Überschwemmungen und Evakuierungen
Das gesamte Berner Oberland wurde von den Unwettern arg in Mitleidenschaft gezogen. Brücken wurden weggerissen, zahlreiche Gebäude mussten evakuiert werden. In Meiringen steht der Talboden unter Wasser.

Die Lütschinentäler mit den Hauptorten Grindelwald und Lauterbrunnen blieben den ganzen Tag von der Umwelt abgeschnitten. Eine Luftbrücke wurde rege benutzt.

In Interlaken und umliegenden Gemeinden sind die meisten Strassen überflutet. Prekär ist die Lage auch im Frutigtal, im Diemtig- und im Simmental.

Berner Mattequartier: Leichte Entspannung
In der Stadt Bern ist der Aarepegel seit den frühen Morgenstunden leicht gesunken. Die Schäden in der Stadt Bern seien beträchtlich, sagte Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Zur Zeit sammelt die Gemeinde alle nötigen Informationen, damit allfällige finanzielle Sofortmassnahmen beschlossen werden können.
Obwalden, Nidwalden: Engelberg für Wochen abgeschnitten
In Engelberg , wo sich etwa 1500 Touristen aufhalten, wurden Bahntrassee und Strasse zerstört. Engelberg ist zurzeit nur auf dem Luftweg zu erreichen. Es ist die Rede davon, dass das für mehrere Wochen so bleiben könnte. Ausflüge sind nur bei medizinischen Gründen möglich. Ansonsten werden Helikopter in erster Linie für die Lebensmittel-Versorgung eingesetzt.
Aufregung wegen angeblichem Dammbruch
Für zusätzliche Aufregung sorgte die Meldung über einen Dammbruch im Gebiet Obermatt unterhalb von Engelberg. Die Nidwaldner Behörden lösten vorübergehend Flutalarm aus. Es stellte sich heraus, dass nur das Ausgleichsbecken eines Elektrizitätswerks übergeschwappt war.

Im Hauptort Sarnen ist die Lage ebenfalls prekär. Grosse Flächen stehen unter Wasser. Im Kantonsspital wurden Keller und Erdgeschosse ausgepumpt. In Giswil ist das Gebiet Diechtersmatt am stärksten betroffen. In Alpnach konnten rund hundert Evakuierte mittlerweile in ihre Häuser zurückkehren. Noch immer sind weite Teile des Kantons Obwalden ohne Strom.

Empfehlung: Trinkwasser zur Sicherheit abkochen
In Alpnachstad wurden in der Nacht aus Sicherheitsgründen rund 100 Menschen evakuiert. Auch in Sarnen mussten 25 Menschen ihre Häuser verlassen. Mit Blick auf die nächsten Tage könne von Entwarnung keine Rede sein, heisst es in der Mitteilung des Führungsstabs.

Sorgen bereitet auch das Trinkwasser. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, mit dem Trinkwasser sparsam umzugehen und das Wasser für den täglichen Gebrauch abzukochen. Viele Strassen in Obwalden sind gesperrt. Auch das Streckennetz der Zentralbahn bleibt ab Hergiswil in Richtung Obwalden gesperrt.

Schwyz: Lage inzwischen beruhigt
Auf dem Kantonsgebiet von Schwyz sind weiterhin mehrere Strassenverbindungen gesperrt, darunter die Autobahn A4 zwischen Goldau und Brunnen sowie die Axenstrasse.

In der Gemeinde Schwyz hat sich die Lage im Lauf des Tages allmählich beruhigt. Die Evakuierten konnten mit wenigen Ausnahmen in ihre Häuser und Wohnungen zurückkehren. Oberhalb von Schwyz rund ein Dutzend Hang- und Erdrutsche gezählt, die laut dem Gemeindeschreiber jedoch keine massiven Gebäudeschäden verursachten.

Luzern: Flutalarm für Industriegebiet
In Gisikon befürchtete der Gemeinderat eine Flutwelle. Am Reusswehr in Perlen stauen sich Hunderte von Tonnen Holz. Sollte das Wehr brechen, sei mit einer Welle von zwei bis drei Metern Höhe zu rechnen. Am Nachmittag wurde die Warnung zurückgestuft. Der Wasserdruck sei zurückgegangen, zudem werde das Holz entfernt und an einem Entlastungskanal gebaut.

Stadt Luzern: Vierwaldstädtersee übergelaufen
In der Stadt Luzern ist der See über die Ufer getreten. Betroffen sind bislang der Schweizerhofquai, der Schwanenplatz, die Ufer der Reuss und das Würzenbachquartier. Der Krisenstab rechnet damit, dass das Hochwasser bis auf 435,25 Meter steigen und damit den Rekordstand aus dem Jahr 1910 erreichen könnte.

Probleme mit dem Trinkwasser
Die Behörden rufen zu sorgsamen Umgang mit Trinkwasser auf. In den Gemeinden Emmen, Rothenburg und Vitznau ist das Wasser noch immer verschmutzt. In den Gemeinden Ebikon, Buchrain und Dierikon wird das Wasser bereits knapp.

Laut Polizei werden seit dem Morgen in verschiedenen Gebieten vermehrt «Schadentouristen» gesehen. Sie behinderten die Aufräumarbeiten zum Teil massiv, so die Sicherheitskräfte.

St. Gallen: Evakuierungen in Weesen
Die heftigen Regenfälle haben auch im Kanton St. Gallen zu Evakuierungen geführt. In Weesen mussten aus Sicherheitsgründen mehr als 70 Menschen ihre Häuser verlassen und in Notunterkünften untergebracht werden. Die Wasserversorgung von Weesen ist ausgefallen, während sie in Benken gefährdet ist, wie die St. Galler Kantonspolizei mitteilt.

Die Bevölkerung von Schänis durfte in der Nacht ihre Häuser aus Sicherheitsgründen nicht verlassen. Verschiedene Strassen und Ortsdurchfahrten sind gesperrt. Mehr als 40 Feuerwehren standen im Dauereinsatz und mussten in den vergangenen 24 Stunden rund 280 Einsätze leisten. Das Ausmass der Schäden lässt sich noch nicht beziffern.

Im oberen Toggenburg und im Linthgebiet sind die Verkehrswege praktisch unpassierbar geworden.

Graubünden: Evakuierungen im Unterengadin und Prättigau
Das Prättigau und das Unterengadin sind am stärksten vom Unwetter betroffen. In Klosters wurden 70 Personen eines Altersheims evakuiert sowie weitere Bewohnerinnen und Bewohner der Häuser im überschwemmten Gebiet «Doggiloch». Dort wurde eine Hausteil weggeschwemmt. Die Bewohner wurden mit einem Helikopter herausgeflogen.

Ebenfalls mit einem Helikopter evakuiert wurden mehrere Personen von der Alp Novai oberhalb von Klosters. Auch in Susch im Unterengadin mussten rund 70 Personen ihre Häuser verlassen.

Sämtliche Zufahrten ins Unterengadin sind gesperrt.

Glarus: Leichte Entspannung
Im Kanton Glarus hat sich die Hochwasserlage am frühen Morgen leicht entspannt. Die Linth weist aber noch immer vor einen hohen Pegelstand auf und wird durch Feuerwehr und Zivilschutz überwacht, wie die Polizei mitteilte. Der Löntsch in Netstal ist bedrohlich angestiegen; die Anwohner bereiten sich auf eine allfällige Evakuation vor.

Das Industriegebiet im «Tschachen» in Schwanden konnte die Feuerwehr vor weiteren Überflutungen durch einen Bach schützen. In die Gebäude einer Textilfirma in Mitlödi drang jedoch Wasser ein. Südlich von Ennenda sind das Gebiet im «Fischligen» sowie das Quartier Rosengasse in Ennetbühl überflutet.

Evakuierungen in Mollis und im Klöntal
Im Riet in Mollis mussten die Bewohner und die Tiere eines Bauernhofs evakuiert werden. Auch die Bewohner eines Bauernhauses im Klöntal mussten ihr Haus verlassen und das Vieh ausquartieren.

Weiterhin gesperrt sind die Bahnlinie Ziegelbrücke - Linthal sowie zahlreiche Strassen. Über das Ausmass der Schäden konnten zunächst keine Angaben gemacht werden.

Aargau: Führungsstab gibt keine Entwarnung
Im Aargau hat sich die Hochwasserlage am Dienstag etwas entschärft. Wegen der hohen Wasserstände in den Seen und Flüssen der Nachbarkantone bleibe die Bedrohungslage jedoch bestehen, erklärten Vertreter des Kantonalen Führungsstabs (KFS).

Die Pegel der meisten grossen Flüsse sanken am Nachmittag, blieben aber nach wie vor sehr hoch. Insbesondere der Pegel der Reuss lag noch weit über dem Alarmwert. In Reuss und Aare erwartete der KFS wegen der starken Abflüsse aus Vierwaldstätter- und Bielersee zudem nur ein langsames Absinken.

Prekäre Lage in Windisch
Angespannt blieb die Lage in den Überschwemmungsgebieten im Reusstal und vor allem im Gebiet Wasserschloss bei Windisch, wo Aare, Reuss und Limmat zusammenfliessen. Viele Regionen blieben überflutet. In Wettingen droht das vom Wasser unterspülte alte Spinnereigebäude einzustürzen. Für den grösseren Teil der am Montag evakuierten Personen war eine Rückkehr in ihre Häuser noch nicht möglich. Insgesamt waren in den Gemeinden Oberrüti, Rottenschwil, Dietwil, Mellingen, Windisch, Döttingen und Wettingen 187 Personen sowie rund 290 Tiere evakuiert worden.

Schweiz

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Lokale Suche

Marktplatz

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate