Schweiz

Studie: Bio ist nicht besser

18. Oktober 2005, 22:59

Biomilch ist nicht besser als herkömmliche, sagt eine Studie der Universität Bern. Mag sein, antworten die Biobauern, aber die tiergerechte Haltung rechtfertige den Aufpreis trotzdem.

Weidende Milchkühe in Heiligkreuz im st.gallischen Seetal.
Weidende Milchkühe in Heiligkreuz im st.gallischen Seetal.
Von René Lenzin, Bern

168 Millionen Liter Biomilch gingen 2004 über die Schweizer Ladentische. Das sind 460'000 Liter pro Tag. Bei einem Mehrpreis von knapp 20 Rappen pro Liter haben sich Konsumentinnen und Konsumenten den möglichst naturnahen Milchkonsum also jeden Tag fast 100'000 Franken kosten lassen.

Alles für die Katz, meinen nun Forscher der Universität Bern. Denn «Schweizer Biomilch ist nach bisherigem Wissen der herkömmlichen Milch schlicht gleichwertig, nicht mehr und nicht weniger.» So lautet das Fazit aus einem wissenschaftlichen Vergleich von biologischer und integrierter Milchproduktion (IP). Will heissen: Biomilch ist zwar teurer, aber «besser als konventionelle, wie es der Konsument erwartet, ist sie nicht».

Probleme mit Hochleistungskühen

Für die Kühe kann die biologische Produktion gemäss der Studie sogar nachteilig sein. Und zwar, weil die meisten Biobauern genauso wie ihre herkömmlich produzierenden Berufskollegen so genannte Hochleistungskühe im Stall und auf der Wiese hätten. Diese bräuchten aber Kraftfutter und Vitamine, um den Energieverlust zu decken, der ihnen durchs Melken entsteht. Doch diese Futterzusätze sind gemäss den Richtlinien für die biologische Produktion nicht erlaubt. Daher könne es bei biologischer Fütterung «unter Umständen zu Energiedefiziten» kommen, sagt Jürg Blum, Mitautor der Studie.

Verboten ist den Bioproduzenten auch der vorbeugende Einsatz von Antibiotika. Das führt laut Studie dazu, dass bei Biokühen die nicht akuten und daher von Auge nicht erkennbaren Entzündungen des Euters leicht häufiger auftreten als bei ihren Artgenossinnen aus IP-Haltung. Daraus leiten die Forscher gar eine Gefährdung für die Konsumenten ab: «Infektionen des Euters bergen das Risiko, dass die Keime auch in die Konsummilch gelangen könnten.»

Entscheidend ist die Tierhaltung

Für Bio Suisse, die Vereinigung der Schweizer Biolandbau-Organisationen, bringt die Studie nichts Überraschendes zu Tage. Tatsächlich unterscheide sich Biomilch bezüglich Geschmack und Aussehen nicht von herkömmlich produzierter, sagt Pierre Coulin, bei Bio Suisse für die Milchvermarktung zuständig. Aber das sei nicht der springende Punkt für die Konsumenten, denn Biomilch kaufe man, «weil die artgerechte Haltung und Fütterung der Tiere stimmen». Dafür sei der Mehrpreis gerechtfertigt.

Coulin bestätigt auch, dass Hochleistungskühe für die biologische Produktion nicht geeignet sind. Bio Suisse empfehle den Bauern daher, keine hoch gezüchteten Rassen zu verwenden. Aber zwingen könne man die Bauern natürlich nicht, auf andere Rassen umzusteigen.

In Abrede stellt Coulin hingegen, dass Biomilch zu einem erhöhten Gesundheitsrisiko für die Konsumenten führen könne. Denn die Konsummilch werde streng kontrolliert, und wenn eine Kuh akut krank sei, dürften die Tierärzte auch bei den Bioproduzenten Antibiotika einsetzen.

Bund sieht kein Gesundheitsrisiko

Gestützt wird diese Haltung vom Bundesamt für Veterinärwesen. Das Problem der Euterentzündungen sei bekannt, sagt Franz Geiser, aber «ein Gesundheitsproblem gibt es nicht, weil genügend Kontrollen durchgeführt werden». Auf Nachfrage relativieren auch die Berner Forscher ihren Befund: Das schweizerische Kontrollsystem sei «im internationalen Vergleich sehr gut», sagt Mitautor Marcus Doherr. Probleme bei der Biomilch gebe es allenfalls für die Haltbarkeit, aber nicht für die Gesundheit der Konsumenten.

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