Rassismus im Toggenburg
01. Dezember 2005, 02:04Monatelang ist eine Arztfamilie terrorisiert worden. Jetzt verlässt sie das Tal. Die beliebteste Erklärung: ein tragischer Einzelfall. Tatsächlich?
Von Hannes Nussbaumer, Unterwasser
«Voll geil!» Zwei Wörter in grossen Lettern auf einer grossen Tafel. Zwei Wörter wider das Vergessen. Damit die Erinnerungen an die schönsten Tage der jüngeren Geschichte Unterwassers nicht so schnell verblassen: an die Tage von Simi Ammanns olympischem Doppelsieg.
Für die lokale Gegenwart gilt die gegenteilige Devise: möglichst rasch vergessen. So hoffen jedenfalls die einheimischen Imagepfleger. Verständlich, wenn so kurz vor Saisonbeginn ihre Verheissungen zur Farce werden: «Wie Engel im Paradies» lebe man hier, verspricht das Plakat im Tourismusbüro Unterwasser.
«Wir machen euch das Leben zur Hölle», verspricht dagegen der Brief, der bei Jörg Michel eingetroffen ist. Es ist einer von fünf Drohbriefen, die Arztfamilie erhalten hat. Seit drei Jahren lebt Michel zusammen mit seiner afrikanischen Frau und den beiden Kindern in Unterwasser. Zweieinhalb Jahre herrschte Ruhe. Dann traf der erste Drohbrief ein. Aufgeschlitzte Reifen, gelöste Radmuttern und eine versprayte Hausfassade kamen hinzu. Letzte Woche teilte Michel der Gemeinde mit, er ziehe fort. Die Familie will sich in Südafrika eine neue Existenz aufbauen.
Omertà im Toggenburg?
Im Obertoggenburg herrscht Bestürzung: Am Samstag kamen über 500, am Montag 200 Einheimische an eine Kundgebung. Vor allem aber fragt man sich im Tal: Wer ists? «Es ist wie bei einem Puzzle», sagt der St. Galler Polizeisprecher Hans Eggenberger: «Einige Teile haben wir, doch es gibt noch Lücken.» Fest steht für ihn: «Die Täterschaft stammt aus der Region. Sie kennt die Verhältnisse gut.»
700 Menschen leben in Unterwasser, rund 2700 im Obertoggenburg. Kaum zu glauben, dass hier einer unbemerkt wüten kann. Das glaubt auch Jörg Michel nicht: «Wer so aggressiv schreibt, der redet auch so. Und das tut er nicht im Verborgenen. Es muss Leute geben, die diese Sprache kennen.» Auch Stephan Haller, Ex-Chefredaktor des «Toggenburgers» und heute Betreiber eines Medienbüros, meint: «Ich kann mir vorstellen, dass mehrere Personen wissen, wer hier sein Unwesen treibt.»
Doch wenn dem so ist: Warum vermochte der Täter bis heute unerkannt zu bleiben? Herrscht im Toggenburg die Omertà, das Gesetz des Schweigens? Nein, sagt Polizeisprecher Eggenberger, es gebe keine «Mauer des Schweigens». Das Problem sei vielmehr, dass es «nichts Hinterlistigeres gibt als eine Täterschaft, die anonym aus dem Hinterhalt agiert». Stephan Haller mutmasst, dass manche aus Angst schweigen würden. «Sie wissen: Der Täter wird früher oder später ins Tal zurückkehren. Und sie fragen sich: Was passiert dann mit mir?»
Es gibt derzeit sehr viel mehr Fragen als Antworten am Fuss der Churfirsten. Und sehr viel mehr Mutmassungen als Gewissheiten. Die Folge: Misstrauen kommt auf. Wissen die Berufs- und Vereinskollegen wirklich nichts, oder tun sie nur so? Ist es gar einer von ihnen? Oder ists der Nachbar? Sodann: Wütet der Täter einzig aus rassistischem Antrieb? Oder handelt es sich bei ihm, wie es auch Michel selbst nicht ausschliessen will, um einen Patienten, der sich missverstanden fühlt? Fakt ist: Dorfarzt Michel ist zudem Facharzt für Psychiatrie und behandelt daher auch Patienten mit psychischen Krankheiten.
Der Sündenbock-Mechanismus
Sehr schnell und mit einem Ausrufe- statt einem Fragezeichen reagiert man im Tal dagegen auf den Verdacht, Rassismus sei im Toggenburg salonfähiger als anderswo. «Rassismus ist hier nicht verbreiteter», betont Unterwassers Gemeindepräsident Alois Ebneter. Der Fall Michel sei ein «tragischer Einzelfall».
Das sehen die beiden jungen Schwarzen entschieden anders. Sie leben in Wattwil, dort, wo die Hügel niedrig, die Ortschaften grösser und die Gedanken (ein bisschen) freier sind: Der Fall in Unterwasser? Es kommt wie aus der Pistole geschossen: «Überrascht uns überhaupt nicht.» Dann erzählen sie: Kaum eine Postautofahrt, auf der sie nicht angepöbelt würden, vorzugsweise von älteren Passagieren. «Man sagt uns: Geht doch zurück nach Afrika. Wir kommen ja auch nicht zu euch.» Im Bus herrsche darauf stets Stille. «Noch nie hat sich jemand für uns gewehrt.» Und übrigens: Es habe in der Region immer mehr junge Männer mit schwarzen Baseballjacken und aufgenähten Schweizer Kreuzen.
Peter Roth ist Musiker, war einst SP-Kantonsrat und lebt seit über dreissig Jahren im Tal. Er sagt: «Ich finde es heuchlerisch, wenn man jetzt mit dem Finger aufs Toggenburg zeigt.» Rassismus sei in den letzten 15 Jahren ganz allgemein «in» geworden. Dann folgt das Andererseits: «Im Toggenburg herrscht Angst vor der Zukunft. Wir leben vom Tourismus und von der Landwirtschaft. Beiden gehts nicht gut.» Man fühle sich als Armenhaus - und wenn Avenir Suisse dann noch empfehle, die Randregionen fallen zu lassen, sehe alles noch schwärzer aus. «Den Frust über diese Situation», so Roth, «projizieren die Toggenburger jedoch nicht auf die neoliberale Politik, sondern auf die Ausländer.» Roths Fazit: «Je ärmer das Tal, umso besser funktioniert der Sündenbock-Mechanismus.» Insofern, so Roth, «hat der Fall von Unterwasser eine politische und wirtschaftliche Einbettung».
Tatsache ist: Die St. Galler SVP, die vor den letzten Wahlen mit dem Slogan «Wir Schweizer sind immer die Neger» eine besonders griffige Sündenbock-Parole kreiert hatte, ist inzwischen die stärkste Partei im Toggenburg. Freilich: Nur schon der Gedanke, es könne einen «noch so dünnen Verbindungsfaden» zwischen der SVP-Politik und den Vorfällen in Unterwasser geben, sei «eine Zumutung», wettert SVP-Kreispräsident Robert Brem.
Möglich, dass dies nicht alle SVP-Wähler so sehen. Peter Roth sagt: «Ich staune einfach, wie viele SVP-Anhänger und-Sympathisanten an den Kundgebungen teilnehmen. Der Fall ist ihnen eingefahren. Insofern glaube ich, dass er eine reinigende Wirkung hat.» Eine Erinnerungstafel wie Simon Ammann wird Familie Michel wohl trotzdem nie erhalten. Jörg Michel wäre schon zufrieden, wenn der Fall nicht so schnell vergessen ginge, wie sich das manche im Tal wünschen. Er hoffe, dass der Fall die Bevölkerung sensibilisiert. Allein aus diesem Grund mache er auch «den ganzen Medientürk» mit.
Schweiz
- 10:20Raus aus dem Schweizer Steuerdschungel
- 10:18Das stärkste Erdbeben seit fast 50 Jahren
- 09:30Zweitwohnungs-Initiative: Berggemeinden fürchten Baustopp
- 06:33Maurer wegen Testbericht zu Jets unter Druck
- 18:38«Das Dublin-Abkommen wird immer stärker ausser Kraft gesetzt»
- 14:00SP setzt Bundesrat beim Weissgeld unter Druck





























