Basels Trinkwasser in Gefahr
28. Dezember 2005, 22:14Im Untergrund der Gemeinde Muttenz liegt Chemiemüll, der die Trinkwasserversorgung Basels gefährdet. Ein Bürgerforum verlangt jetzt eine nachhaltige Sanierung.
Hexachlorethan, Nitrochloranilin, Dimethylaminophenazon, Isopropylbenzol, Crotamiton: Das sind nur einige der Substanzen, die in Grundwasserproben auf dem Areal der drei ehemaligen Chemiemüllgruben Margelacker, Feldreben und Rothausstrasse in Muttenz gefunden wurden. Rund 70 Chemikalien kamen im Grundwasser der Feldrebengrube zum Vorschein, etwa 15 im Margelacker und rund 80 am Standort Rothausstrasse. Viele davon sind nicht identifizierbar, für viele gibt es in der Altlastenverordnung des Bundes bis heute keine Grenzwerte. Sicher ist einzig: Sie gehören nicht in den Muttenzer Untergrund. Umso weniger, als in unmittelbarer Nachbarschaft eines der grössten Trinkwassergebiete der Region Basel liegt. Die Hardwasser AG gewinnt dort Trinkwasser, das rund 100'000 Menschen in der Stadt und der Region Basel beziehen.
Alte Deponien laufen aus
Vor der Eröffnung der Deponie Bonfol lagerte die Basler Chemie in den 1940er- und 1950er-Jahren in den drei Muttenzer Gruben mehr als 14'000 Tonnen Chemiemüll ab. Zum Vergleich: In Bonfol liegen rund 114'000 Tonnen. Die bisherigen Untersuchungen zeigen, dass die ehemaligen, seit langem zugeschütteten Gruben im Untergrund auslaufen. Unter Aufsicht des Kantonalen Amts für Umweltschutz und Energie führt ein aus Gemeinde- und Chemievertretern zusammengesetztes Lenkungsgremium die Untersuchungen. Zwei Messkampagnen im Boden der ehemaligen Gruben wurden durchgeführt.
Doch obwohl im analysierten Grundwasser an zwei der drei Standorte Konzentrationen einzelner Substanzen zum Teil auch über den Grenzwerten der Altlastenverordnung gemessen wurden, bestehe kein unmittelbarer Handlungs- und Sanierungsbedarf, beruhigten die offiziellen Stellen im vergangenen Februar. Sie taten das allerdings, noch bevor drei unabhängige Experten ihr Gutachten eingereicht hatten.
Diese kamen zu einem weit weniger günstigen Schluss: Vor allem sei das wesentliche Ziel, die Klärung des Abflusses des Grundwassers, an den drei Standorten nicht erreicht. Und «solange die Dynamik des Abstroms der Deponie Feldreben nicht bekannt ist, kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit eine Beeinflussung der Hardwasser-Versorgung ausgeschlossen werden», heisst es in ihrem Gutachten wörtlich. Erst auf Verlangen der drei Experten und unter dem Druck der Öffentlichkeit wurden die Ergebnisse der ersten zwei Messkampagnen inzwischen genauer ausgewertet. Die Ergebnisse sind aber bis heute nicht veröffentlicht worden.
Aus den dem TA vorliegenden Ergebnislisten wird klar, dass die gesundheitsgefährdenden Verschmutzungen mit allergrösster Wahrscheinlichkeit von den Chemieabfällen herrühren. Die an zwei Standorten gefundenen aromatischen Amine Dichloranilin und Trichloranilin zum Beispiel sind bekannte Leitsubstanzen der Chemieabfälle der Zeit und finden sich in vielen der ehemaligen Gruben, so auch in Bonfol. Besonders heikel ist unter anderem das Vorkommen der Blasenkrebs verursachenden Substanz Naphtylamin. Im Grundwasser nachgewiesen wurden auch reihenweise Medikamentsubstanzen, so etwa vom ehemaligen Sandoz-Schmerzmittel Optalidon, vom Geigy-/Novartis-Krätzemittel Eurax oder vom ehemaligen Ciba-Geigy-Kreislaufstimulierungsmittel Micoren. «Für die meisten Stoffe existieren keine Grenzwerte und oft fehlen auch Toxizitätsdaten», sagt Altlastenexperte Martin Forter, der sich seit Jahren mit der Entsorgungspolitik der Basler Chemie beschäftigt und die dem TA zugespielten Analysedaten bewertet hat.
Breiter Protest
Für den grünen Baselbieter Landrat Jürg Wiedemann, der diese Ergebnisse noch nicht kennt, ist klar, dass die Muttenzer Chemiemüllgruben wie diejenigen in Bonfol und Kölliken ausgehoben werden müssen. Zusammen mit mehr als 50 vorwiegend links-grünen Persönlichkeiten aus beiden Basler Halbkantonen, darunter auch den Nationalrätinnen Maya Graf, Susanne Leutenegger Oberholzer, Silvia Schenker sowie Nationalrat Rudolf Rechsteiner fordert er eine Garantie dafür, «dass unser Trinkwasser auch in Zukunft sauber bleibt». Im Januar will sich ein neu gegründetes «Forum besorgter TrinkwasserkonsumentInnen» mit konkreten Forderungen an die Öffentlichkeit wenden.
Die Projektleitung meldete deshalb wohl nicht zufällig am letzten Freitag, die Parteien hätten sich auf die Finanzierung der zweiten Etappe der Untersuchungen geeinigt. Diese sollen jetzt «zügig» durchgeführt werden, «damit die Entscheidungsgrundlagen für das weitere Vorgehen so bald als möglich vorliegen». Andreas Helfenstein - ebenfalls Forumsmitglied und SP-Landrat aus Muttenz - bleibt misstrauisch: «Die Projektleitung steht der chemischen Industrie viel zu nahe. Ohne öffentlichen Druck geht nichts.»




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