Viele Kinder erben Armut der Eltern
23. Januar 2006, 23:16Die Fürsorgekosten sind 2005 weiter angestiegen. Mit Sorge registriert man in Sozialämtern, dass viele junge Klienten aus Familien stammen, die selbst auch Sozialhilfegelder bezogen.
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Daniel Schneider* war 18, als ihn seine Mutter aufs Winterthurer Sozialamt begleitete. Er hatte keinen Job und ohne Schulabschluss auch keine Aussicht auf Arbeit. Mit der Volljährigkeit erlosch der Anspruch auf Kinderalimente vom Vater. «Ich wusste nicht, wie durchkommen», erzählt der junge Schweizer, «zumal meine Mutter auch nicht auf Rosen gebettet war, sie konnte mir nicht helfen.»
Schneider ist kein Einzelfall: Knapp sieben Prozent aller jungen Erwachsenen (zwischen 18 und 26 Jahren) bezogen 2004 in Winterthur mindestens eine Zeit lang Fürsorgeleistungen. In Zürich waren es neun Prozent, in Basel gar über elf. Diese Quoten alarmieren die Leiter der Sozialämter: Sie sind deutlich höher als bei andern Altersklassen. Und vor allem sind sie in den letzten Jahren regelrecht in die Höhe geschnellt.
Häufig alleine zu Hause
Von einer «Verfestigung der Armut» spricht der Luzerner Stadtrat und Sozialdirektor Ruedi Meier: Jeder Dritte junge Erwachsene, der beim Sozialamt vorspricht, sei schon während seiner Kindheit zeitweise fürsorgeabhängig gewesen, schätzt er. Auf dieselbe Zahl kommt der Sozialgeograf Matthias Drilling, der die Situation von rund 1100 Sozialhilfeklienten in der Stadt Basel analysierte.
Daniel Schneider fühlte sich als Kind nicht unbedingt arm. Doch dass seine Mutter aufs Geld achten musste, war ihm früh bewusst: «Sie hatte schon zu beissen an ihrer Situation.» Die Geschichte, die er erzählt, haben Tausende anderer junger Menschen ähnlich erlebt: Die Eltern trennten sich früh. Nicht immer trafen die Alimente des Vaters ein - die allein erziehende Mutter war auf ihre Vollzeitstelle im Service angewiesen, zeitweise auch auf Alimentenbevorschussung. Der Junge sass im Schulalter oft alleine zu Hause, sah häufig fern und spielte lange und leidenschaftlich Fussball.
Als Jugendlicher zog er von der Mutter zum Vater in die Ostschweiz, von dort weiter ins Internat und vom Internat wieder zurück zum Vater. Aber wo er auch war, hatte er Probleme in der Schule: Keine Lust auf den Stoff, Streit mit den Lehrern. So brach er im letzten Schuljahr ab, überwarf sich bald darauf mit beiden Eltern und landete auf der Strasse. Mit 17 und einem Schuldenberg von mehreren Tausend Franken reifte die Erkenntnis, «dass es so nicht weitergehen kann».
Noch lange von Fürsorge abhängig
Die Schulden sind inzwischen abgetragen. Schneider arbeitet zurzeit im Einsatzprojekt «Move on» des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks. Aber um den Schulabschluss nachholen zu können, wird er noch längere Zeit auf das Geld der Fürsorge angewiesen sein. Und nur mit Schulabschluss hat er eine Chance, sich aus der Spirale der Armut zu befreien.
Vielen Jugendlichen fällt heute der Einstieg ins Berufsleben ohnehin schon schwer - mit schlechter Schulbildung und lückenhaftem Lebenslauf wird er fast unmöglich. Davon zeugt die hohe Jugendarbeitslosenquote; für 2005 betrug sie 5,1 Prozent bei den 15- bis 24-Jährigen, verglichen mit 3,8 Prozent in der Gesamtbevölkerung.
Doch gute Schulbildung hat gerade hier zu Lande mit dem Elternhaus zu tun: Die soziale Herkunft bildet einen entscheidenden Faktor für den schulischen Erfolg, ermittelte die Pisa-Studie. Das ist zwar in allen Ländern so, aber in der Schweiz ganz besonders ausgeprägt, wie ein Vergleich mit andern Industrienationen zeigte.
Und so stellt sich mit einiger Brisanz die Frage, ob Armut wieder vermehrt von einer Generation zur nächsten übergeht. Zumal immer mehr Kinder von Armut betroffen sind. «Natürlich hatten wir auch früher einzelne Fürsorge-Dynastien, aber das Phänomen hat heute ein anderes Gewicht», antwortet Rolf Maegli, Leiter des basel-städtischen Sozialamts. «Wir stellen fest, dass jüngere Leute heute die schlechteren Chancen haben, aus der Armut herauszukommen», sagt Michael Hohn, der das Berner Sozialamt leitet. Und der Soziologieprofessor Ueli Mäder meint: «1970 hiess es, die neue Armut könne jeden treffen und daure nur kurz. Aber das war eine Verharmlosung.»
Laut Mäder liegt das Problem darin, dass selbst eine kurze Armutsphase das Selbstvertrauen der Kinder auf lange Zeit beeinträchtigt. Oder in den Worten des Stadtluzerner Sozialdirektors Ruedi Meier: «Kinder orientieren sich stark an ihren Eltern. Wenn diese die Erfahrung machen, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Existenz zu sichern, dass mithin ihre Stellung in der Gesellschaft eine schlechte ist, so nagt das nicht nur am Selbstvertrauen der Eltern. Auch die Kinder können wenig Selbstwertgefühl entwickeln.»
Hinzu kommt, dass Eltern, die physisch oder psychisch von der Existenzsicherung absorbiert sind, in der Regel weniger Ressourcen für die Erziehungsarbeit haben. Und schliesslich führt das Fehlen eines sozialen Netzwerkes dazu, dass die jungen Menschen ihre Zukunft weit gehend alleine planen müssen, wie Matthias Drilling in seiner Basler Studie aufzeigte. Bloss: Gerade solche Jugendliche haben häufig Mühe, Eigenverantwortung zu übernehmen und selbst Lebensstrategien zu entwickeln, sagt Ernst Schedler von den Sozialen Diensten Winterthur.
In den Sozialämtern versucht man mit aller Kraft, diesem Trend zur «Vererbung» der Armut entgegenzuwirken. In Zürich beispielsweise, so erläutert die Direktorin der Sozialen Dienste der Stadt, Rosann Waldvogel, richte man das Augenmerk speziell auf Familien mit Kindern und auf die Jungen. Das Sozialamt kann nebst dem materiellen Grundbedarf auch Massnahmen für die soziale oder berufliche Integration finanzieren. Konkret: Kindern ein Skilager oder den Flötenunterricht bezahlen, Jugendlichen einen Weiterbildungskurs oder eine Lehre ermöglichen. Gerade bei den Jungen, so Waldvogel, sei es das erklärte Ziel, intensiv auf eine längerfristige Perspektive hinzuarbeiten und zu vermeiden, dass sie in den nächsten Gelegenheitsjob ausweichen.
Während der Schulzeit intervenieren
Auch die Sozialämter von Basel, Bern, Luzern oder Winterthur begleiten ihre jungen Klienten besonders eng, zum Teil haben sie gar eigene Abteilungen für deren Betreuung geschaffen. Zudem lancierten die Städte selbst oder in Zusammenarbeit mit privaten Firmen eine Vielzahl von Projekten, die jungen Menschen Arbeitseinsätze ermöglichen.
Letztlich aber könnten die Sozialämter das Problem niemals alleine lösen, sagen deren Leiter unisono. Gefragt seien vor allem Massnahmen während der Schulzeit und unmittelbar danach. Walter Schmid, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos), plädiert dafür, dass man Schulabgänger ohne Lehrstelle sofort zu Gesprächen einlädt und nicht wartet, bis sie sich selbst bei der Berufsberatung oder dem Sozialamt melden: «Es klingt unpopulär, aber eine dichtere Kontrolle könnte hier einiges bewirken.» Auch Michael Hohn vom Sozialamt Bern findet, staatliche Institutionen müssten vermehrt schon während des 8. und 9. Schuljahres aktiv werden - mit schwächeren Schülern Ausbildungsmöglichkeiten oder Arbeitseinsätze für die Zeit danach planen.
Der Luzerner Stadtrat Ruedi Meier setzt noch früher an. Seiner Ansicht nach stellt sich immer virulenter die Frage: «Wie können wir Kinder aus einkommensschwachen oder ausländischen Familien bereits vor dem Kindergarten in eine anregende Umgebung - etwa eine Spielgruppe - einführen?» Nebst Deutsch, so ist Meier überzeugt, würden die Kinder dort lernen, in einem strukturierten Tagesablauf zu leben und wären so besser davor gefeit, später ganz aus dem Raster zu fallen.
* Name von der Redaktion geändert
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