Viele holen sich beim Partner HIV
02. Mai 2006, 23:46Die Hälfte der Ansteckungen mit Aids findet bei Heterosexuellen in festen Beziehungen statt - und zwar wissentlich. Schwule stecken sich wieder öfter an. Dies zeigt eine neue Studie.
Von Andrea Fischer
Das Resultat überrascht selbst den Leiter der Studie. «Ich hätte nicht gedacht, dass sich so viele in ihrer festen Beziehung mit dem HI-Virus anstecken», sagt Pietro Vernazza, leitender Art der Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen. Er sei davon ausgegangen, der grösste Teil stecke sich mit fremden Partnerinnen und Partnern an.
Doch die gestern veröffentlichten ersten Ergebnisse der so genannten CHAT-Studie (siehe Kasten) zeigen einen anderen Trend. Demnach finden HIV-Infektionen «selten bei anonymen sexuellen Begegnungen» statt. Nur 13 Prozent der Heterosexuellen haben sich auf diesem Weg angesteckt. Praktisch jede und jeder Zweite (49 Prozent) infizierte sich in der festen Beziehung. Die restlichen 38 Prozent steckten sich bei Gelegenheitspartnern an - will heissen bei jemandem, den man zwar kennt, der aber nicht der feste Partner ist.
Bei homosexuellen Männern ist der Trend weniger eindeutig. Hier war der feste Partner lediglich in 30 Prozent der Fälle die Quelle für die Infektion. Alle übrigen gaben an, sich das Virus entweder beim Sex mit einem Gelegenheitspartner (44 Prozent) oder bei einem anonymen Kontakt (26 Prozent) angeeignet zu haben.
Ansteckung erfolgt oft wissentlich
«Sollte sich dieser Befund bestätigen, dann muss er in die Prävention einfliessen», sagt Studienleiter Vernazza. Das Risiko, sich beim festen Partner anstecken zu können, müsse stärker betont werden. Dies ist umso dringender, als viele dieser Infektionen offenbar wissentlich stattfinden. Aus seiner Erfahrung in der Aids-Sprechstunde weiss Vernazza, dass «die grosse Mehrheit» der Betroffenen darüber informiert sei, dass ihr Partner bereits HIV-positiv ist. Und damit nicht genug: Ungefähr 20 Prozent hätten ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner. Von neu Infizierten höre er in seiner Praxis oft den Satz: «Ich habe dem nicht so eine grosse Bedeutung geschenkt.»
Zwar waren die Neuansteckungen bei den Heterosexuellen in den letzten Jahren rückläufig, nicht aber bei Männern, die mit Männern Sex haben. Im Jahr 2005 verzeichnete diese Gruppe gar einen markanten Anstieg von neuen HIV-Diagnosen (plus 34 Prozent). Die aktuellsten Zahlen aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) zeigen, dass sich dieser Trend auch im laufenden Jahr fortsetzt. Aus diesem Grund richtet sich ein Teil der neuen Stop-Aids-Kampagne, die heute startet, speziell an homosexuelle Männer.
Entscheidend für die Prävention ist die Frage, ob es sich bei dieser Zunahme tatsächlich um neu erworbene Infektionen handelt. Im Rahmen der CHAT-Studie wurde deshalb mit Hilfe eines neuen Laborverfahrens der ungefähre Zeitpunkt der Virusübertragung ermittelt. Die Zwischenergebnisse zeigen klar: Ein beträchtlicher Anteil der Infektionen bei homosexuellen Männern ist tatsächlich frisch und nicht älter als sechs Monate. Bei den Heterosexuellen liegt dieser Anteil deutlich tiefer.
Knacknuss Prävention
Für Roger Staub, Leiter der Sektion Aids im BAG, kommt dies nicht unerwartet. «Die Studie bestätigt unsere Vermutung, dass bei schwulen Männern seit kurzem die Post abgeht.» Noch sei es aber zu früh, konkrete Schlüsse für die Prävention zu ziehen. Genauere Hinweise erhofft sich Staub vom zweiten Teil der Untersuchung. Dabei sollen die neu Infizierten mittels Fragebogen und Interviews gezielt Auskunft geben über die genauen Umstände ihrer Ansteckung. Allerdings sei der Rücklauf dieser Fragebogen bis dato eher enttäuschend. Die Gründe dafür müsse man erst noch eruieren.
Es werde auf jeden Fall nicht einfach, die Prävention den neuen Gegebenheiten anzupassen, sagt Studienleiter Vernazza. Zum einen habe die Krankheit Aids längst ihren Schrecken verloren und das sei - aus Respekt gegenüber den Aidskranken - auch richtig so. Zum andern sei es problematisch, wenn Aids nur noch wie eine Salmonelleninfektion betrachtet werde - als etwas Einmaliges, das sich behandeln lasse und dann wieder verschwinde. Vernazza plädiert deshalb dafür, das Bild der Krankheit zu erneuern. Es gelte, darauf hinzuweisen, dass Aids nur mit einer lebenslangen Abhängigkeit von Medikamenten in Schach gehalten werden könne.
Kritisch äussert sich der Arzt auch über den Umgang der Justiz mit Infizierten. Wenn HIV-Positive wegen der Verbreitung einer lebensbedrohenden Krankheit bestraft werden, selbst wenn deren Partner über die Infektion im Bilde sind, sei dies kontraproduktiv für die Prävention. Denn so würden sich immer weniger Leute überhaupt testen lassen, um gar nicht zu erfahren, ob sie positiv sind.%perl>
Alle frisch Infizierten befragen
Im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) untersucht das Kantonsspital St. Gallen während eines Jahres die näheren Umstände von HIV-Infektionen. Basis dieser so genannten CHAT-Studie (CH = Schweiz, A = Aids, T = Transmission Survey) bilden alle positiven HIV-Tests zwischen dem 1. Juli 2005 und dem 30. Juni 2006. Von der Befragung der frisch Infizierten erhoffen sich die Fachleute gezielte Hinweise für die Prävention. Dies ist laut BAG umso wichtiger, als die Mittel für die Aidsaufklärung in den vergangenen Jahren knapper geworden sind. Darüber hinaus soll die Studie aufzeigen, ob es überhaupt möglich ist, durch die Befragung der Infizierten genauere Informationen zu erlangen. (afi)
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