Einsam auf der Insel der Glückseligen

21. August 2006, 11:55

Die Schweiz versteht sich als Glücksfall der Geschichte. Doch das verklärte Bild macht blind für die Realität.

Von Helmut Stalder

Die Katastrophen des 19. und 20. Jahrhunderts zogen an der Schweiz vorbei, als sei sie nicht von dieser Welt. Politisch praktisch stabil seit 1848, sozial weit gehend befriedet seit dem Generalstreik 1918, verschont von zwei Weltkriegen - die Schweiz hat wenig Grund zur Klage. Warum blieben ihr die Verwerfungen der Geschichte erspart? Handelte sie besonders klug? Half jeweils der Zufall? Oder waltet ein gütiges Schicksal über dem auserwählten Volk? Die Geschichte der Schweiz, die scheinbar so bruchlos verlief, verleitet leicht zu einer verklärten Sicht.

Glück und Ideologie

Der Prototyp des Glücksfalls ist, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht angegriffen wurde. General Guisan legte das Deutungsmuster «Glücksfall» schon früh bereit, im Tagesbefehl vom 8. Mai 1945: «Nach fast sechs Jahren Krieg wurde in Europa der Befehl zur Einstellung des Feuers gegeben. (...) Die Armee hat ihre Hauptaufgabe, mit der sie im Herbst 1939 betraut wurde, erfüllt. Soldaten, wir wollen nun vor allem dem Allmächtigen danken dafür, dass unser Land von den Schrecken des Krieges verschont blieb. Eine wunderbare göttliche Fügung hat unsere Heimat unversehrt gelassen. Unsere Armee war und ist unser Schutz und Schirm.» Damit ist zweierlei gesagt: Die Schweiz überlebte unversehrt dank der Armee und dank dem Allmächtigen.

Dies traf die Gefühlslage der Zeitgenossen, die das Ende der Gefahr als Erlösung empfanden. Und die Rede von der «göttlichen Fügung» enthob das Land der unangenehmen Selbstbefragung: Man war davon gekommen, ohne Schuld auf sich geladen zu haben. Diese Sicht hielt sich lange, denn sie passte ins ideologische Schema des Kalten Krieges. Wer wie Max Frisch 1974 im «Dienstbüchlein» die Mythisierung anzweifelte, war ein Ketzer.

Rationalisierung im Nachhinein

Selbst grosse Historiker wie Edgar Bonjour prägten die Formel, die Schweiz habe «einfach Glück gehabt». Bis in die 70er- Jahre vermied es die Forschung, der Frage auf den Grund zu gehen. Nur langsam kam es zur Rationalisierung des «Glücksfalls», unter anderem durch die Historiker Jakob Tanner («Bundeshaushalt, Währung und Kriegswirtschaft», 1986) und Markus Heiniger («Dreizehn Gründe. Warum die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht erobert wurde», 1989). Beide stuften den militärischen Anteil zurück und hoben die wirtschaftliche Kooperation der Schweiz mit Nazi-Deutschland hervor.

Inzwischen wurde unter anderem durch die Bergier-Kommission ein ganzes Bündel von Faktoren ausgebreitet, die zur Verschonung geführt hatten. Die Sicht der Armee als alleinige Retterin ist nicht mehr haltbar, und Gottes Beitrag verflüchtigt sich. Tanner sagt heute, dass durchaus Glück im Spiel war, aber er bürstet es gegen den Strich: «Führt man Glück als Faktor ein, so kann man das auf göttliche Vorsehung beziehen oder mit dem viel prosaischeren Sachverhalt in Verbindung bringen, dass die Schweiz strategisch im ‹toten Winkel› lag und der durchaus beabsichtigte Anschluss von der Kriegsführung der Alliierten durchkreuzt wurde - sodass die Schweiz einfach Glück hatte, weil die Alliierten den Kontinent rechtzeitig befreiten.»

Man kann also die Kategorie Glück subversiv nutzen, um die ideologisch konstruierten Bilder zu knacken. Eine andere Verwendung wäre auch nicht mehr zeitgemäss. Als Deutungsmuster ist Glück überholt. Denn es ist, sagt der Basler Historiker Georg Kreis, «keine Kategorie der auf Erklärung bedachten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte». Inzwischen hat sich der Begriff Kontingenz eingebürgert. Er wurde mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann bekannt und meint die prinzipielle Offenheit der Geschichte: Der profane Zufall löst das Glück ab.

Dennoch prägt die Idee des Glücksfalls das Selbstbild der Schweiz - meist in der Form des «Glücks der Tüchtigen»: Da ist aus dem 18. Jahrhundert die Ikonografie der Alpeninsel, wo unverdorbene Menschen tugendhaft und edel nahe am glücklichen Urzustand leben. Da ist die im19. Jahrhundert aufgewertete Gründungsmythologie mit Tell und den Schwurbrüdern, die, wie es Schiller darstellte, als Hüter der Pässe im höheren Auftrag den Gotthardweg zum Heiligen Vater nach Rom bewahren. Und da ist in modernerer Form die Vorstellung vom «Sonderfall Schweiz», entstanden als liberale Kleinrepublik mitten im reaktionären Europa, sich tapfer behauptend gegen alle Fährnisse, unschuldig, harmlos, neutral, urdemokratisch und deshalb zu Recht vom Schicksal belohnt.

Das Unglück sind die andern

Die Kehrseite: Wer sich selbst so glücklich schätzt und das noch als eigenes Verdienst empfindet, sieht die andern als Unglückliche, unterstellt ihnen Neid und sieht, was ringsum geschieht, in erster Linie als Bedrohung. Man wähnt sich auf der Insel der Glückseligen und zieht sich von der Welt zurück. Folgerichtig hielt sich die Schweiz lange von der Uno fern. Folgerichtig beobachtet sie die EU mit Misstrauen. Europa ist aus Schmerz geboren. Das Unglück des Weltkriegs lehrte die Nationen, dass sie ihr Glück in der Kooperation suchen müssen. Die kollektive Erfahrung von Leid ist der Ursprung der EU, ein Projekt, das zuallererst der Friedenssicherung dient. Die Schweiz hat eine grundlegend andere Erfahrung: Indem sie das Glück hatte, verschont worden zu sein, wurde sie um die Leiderfahrung gebracht. Sie redet sich ein, sie sei für ihr Glück nicht auf andere angewiesen; es lasse sich vielmehr bewahren, indem man sich draussen hält. Die Frage ist nur, ob es in der heutigen Welt drinnen und draussen noch gibt.

Das Glück der späten Geburt

«Man kann auch Glück haben, wenn man es gar nicht merkt, dass es einen trifft», sagt der Historiker Jakob Tanner. Dass Frankreich die Schweiz 1798/99 besetzt hatte, nahmen die Zeitgenossen kaum als Glück wahr. Auch nicht, dass Napoleon ihnen 1803 die Mediation diktierte. Im Nachhinein erwies sich das jedoch als Segen. Nicht nur, weil Bonaparte die Schweiz als neutrale Zone um die Alpenpässe bestehen liess. Sondern auch, weil er mit der Mediationsverfassung die zentralistische Helvetik beendete, ein Gefüge gleichberechtigter Kantone etablierte und die Werte der Französischen Revolution festigte.
«Der Einmarsch der Franzosen war ein Glücksfall, auch wenn dies von den meisten Historikern lange nicht so gesehen, sondern heftig bedauert wurde», sagt Tanner. Er war auch eine wichtige Voraussetzung für den Bundesstaat. «Dessen Gründung 1848 war ebenfalls eine Glücksstunde; hier wurde ein Entwurf realisiert, dessen Potenzial im Moment seines Werdens noch gar nicht so klar einsichtig sein konnte.»
Auch Alfred Escher kann man als Glücksfall sehen. Er verkörperte in der Frühphase des Bundesstaates für die Linke alles Übel des Kapitalismus, für die Konservativen alles Übel der Modernität und für die Demokraten den Despotismus. «In der Epoche selbst wurde er nicht als Glücksfall wahrgenommen, höchstens im eigenen Lager», sagt CS-Historiker Joseph Jung, der eine grosse Escher-Biografie verfasst hat. «Die Wertschätzung setzte erst nach seinem Tod ein, als er nicht mehr gefährlich war.» Er hatte mit Bahn, Kreditanstalt und ETH die wichtigen Strukturen für den Industrie-, Finanz- und Forschungsplatz Schweiz aufgebaut. «Es war ein Glücksfall, dass es damals einen Escher gab. Die Schweiz wäre sonst ein Bauernstaat geblieben», sagt Jung.
Jetzt, da Eschers Institutionen ihre Jubiläen feiern, wird die Nachhaltigkeit der Leistungen bewusst, und entsprechend wird er erst jetzt voll gewürdigt. Das liegt daran, dass Zeitgenossen eher den Preis von Neuerungen sehen, nicht den Ertrag in der Zukunft. Die Nachgeborenen hingegen erkennen vor allem den Nutzen und buchen frühere Kosten leichter ab.
So lässt sich auch der Generalstreik von 1918 – die schwerste soziale Krise der Schweiz – im Nachhinein als Glücksfall interpretieren. «Obwohl sich das Bürgertum damals mit Hilfe eines militärischen Aufgebots durchsetzen und die Arbeiterbewegung in die Niederlage zwingen konnte, steckte ihm fortan ein Generalstreiktrauma in den Knochen», sagt Tanner. «Zwei Jahrzehnte später hatte sich die Einsicht durchgesetzt, dass die gesellschaftliche Stabilität von sozialpolitischer Kompromissbereitschaft abhängt – eine Lektion, die man heute wieder zu vergessen neigt.»
Die Umwertung historischer Ereignisse im Nachhinein ist zweischneidig, wie immer, wenn etablierte Sichtweisen erschüttert werden. Man setzt sich einerseits dem Vorwurf aus, anerkannte «Wahrheiten» zu leugnen. Andererseits besteht die Gefahr einer relativistischen Versöhnlichkeit, die noch jeder Schandtat Gutes abgewinnen kann. (st)

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