Kommentar

02. September 2006, 08:00

Moral als Feigheit

Von Verena Vonarburg, Bern

Muslime sollen in der Schweiz nicht in schäbigen Hinterhöfen beten müssen, sie sollen ihr spezielles Fleisch essen und nach den eigenen Riten begraben werden. Und sie dürfen nicht Opfer pauschaler Verdächtigungen sein.

Das gebieten unsere Grundrechte und unser Gesellschaftsverständnis. Doch die Realität sieht anders aus: Je grösser die Angst vor Terror, desto mehr schlägt den Muslimen Misstrauen und Hass entgegen. Es ist deshalb Aufgabe der Kommission gegen Rassismus, gerade jetzt Diskriminierungen anzuprangern und Wege eines besseren Zusammenlebens aufzuzeigen. Doch was dieses Gremium um den Historiker Georg Kreis vorlegt, ist an Realitätsferne kaum zu überbieten.

Die Kommission tut exakt das, was sie ihren Kritikern vorwirft: Sie reduziert die komplexe Wirklichkeit auf simple und einseitige Botschaften. Die Mehrheit möge bitte Verständnis zeigen, möge besser auf die muslimische Minderheit zugehen und deren Bedürfnisse erfüllen, heisst es. Kein Wort von der kulturellen Anpassung der Muslime, die genauso wichtig ist.

Die Gefahren des islamistischen Fundamentalismus schiebt die Gruppe um Kreis gar als Randphänomene beiseite. Kein Zweifel: Die meisten Muslime in der Schweiz sind friedliebend, und viele sind aufgeschlossen. Doch auch hier leben einige, die Gewaltaufrufe und Hetze gegen westliche Gesellschaften per Internet verbreiten und lesen. Die Kommission versäumt es, alle Muslime sozusagen auf unsere Hausordnung zu verpflichten. Terror wie auch Genitalverstümmelungen, Zwangsehen und so genannte Ehrenmorde sind unvereinbar mit unserem Wertesystem.

Parallelgesellschaften entwickeln sich nicht nur wegen Diskriminierungen durch die Mehrheit, sondern auch durch verzücktes Idealisieren des Fremden, durch feiges Laisser-faire. Eine Minderheit ernst nehmen heisst sie mit ihren eigenen Problemen und Widersprüchen konfrontieren. Doch die Verfasser des Berichts ziehen es vor, im moralischen Gutsein zu schwelgen. Ihre Appelle sind egoistisch: Das ist reine Selbstbestätigung unter dem Deckmantel der Nächstenliebe.

Schweiz

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