Schweiz

Wirbel um erfundene Satansrituale

05. September 2006, 23:47

Drei Frauen beschuldigen ihre Eltern, bei Satansritualen Babys getötet zu haben. Die Thurgauer Behörden sitzen der monströsen Verschwörung auf.

Von Hugo Stamm

Die Geschichte enthält genügend Stoff für einen Psychothriller. Für die betroffenen Eltern sind die dramatischen Ereignisse aber keine Fiktion, sondern ein realer Alptraum. Ihre Töchter beschuldigen sie unter anderem des Mordes, des Kannibalismus, der Kindsmisshandlung und der Vergewaltigung.

Das Unheil begann 2001 in der christlich geführten therapeutischen Wohngemeinschaft Schnäggehuus in Hosenruck TG. Drei Bewohnerinnen hatten angeblich unabhängig voneinander Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse aus der Kindheit, die teilweise 20 und mehr Jahre zurückliegen. Sie behaupteten, ihre Eltern, viele Verwandte und Bekannte seien Mitglieder von verschiedenen satanischen Zirkeln und hätten sie schon als kleine Kinder sexuell missbraucht. Sie seien gezwungen worden, menschliches Herz und Hirn zu essen, Leichen zu zersägen, Köpfe zu spalten und schwangere Frauen aufzuschlitzen, behaupteten die drei psychisch schwer belasteten Frauen. Auch ihnen seien gewaltsam Kinder abgetrieben worden. Die drei verschiedenen Satanszirkel hätten mindestens 50 Babys und ähnlich viele Erwachsene bei den Ritualen ermordet. Die Kultmitglieder hätten auch Bewohner von Altersheimen entführt und umgebracht.

Die beiden Heimleiterinnen Regula Zürcher (51) und Susi Tschopp (55) nahmen die angeblich verdrängten persönlichen Erinnerungsbilder ihrer Patientinnen ernst. Die drei Insassinnen brachen darauf mit Unterstützung der Leiterinnen den Kontakt zu den Angehörigen ab; sie erklärten, weiter schreckliche satanistische Befehle aus dem Familienumfeld zu erhalten.

Eltern trotz Warnung angezeigt

Die Väter zweier Heimbewohnerinnen wurden mit den Vorwürfen konfrontiert, sie hätten ihre Töchter sexuell missbraucht. Von angeblichen satanischen Ritualen war damals noch nicht die Rede. Für die Familien, die vor dem Eintritt ihrer Töchter ins Schnäggehuus einen guten Kontakt zu diesen gehabt hatten, waren die Anschuldigungen ein harter Schlag. Ende 2003 zeigten die beiden Heimleiterinnen zusammen mit ihren drei Schützlingen die Eltern an. Sie ignorierten Warnungen, wonach die Erinnerungsbilder der drei Frauen absolut unglaubwürdig seien.

Das Thurgauer Untersuchungsrichteramt und die Thurgauer Polizei nahmen die Vorwürfe der Heimbewohnerinnen ernst. Ritualmässige Übergriffe seien bei den drei Frauen unverkennbar, protokollierte die Polizei. Dabei stützte man sich auch auf einen «Tatort»-Krimi, in dem satanische Rituale gezeigt worden waren. Beweise konnten die Untersuchungsorgane keine vorlegen. Trotzdem ermittelten die Beamten unverdrossen weiter. Auf ihren Antrag setzten St. Galler Polizisten Leichenspürhunde ein, die einen angeblichen Ritualplatz absuchten. Sie fanden nichts.

Die Berner Untersuchungsbehörden, die gegen ein im Kanton Bern wohnendes Elternpaar ermitteln mussten, brauchten keine Spürhunde, um die offensichtlichen Ungereimtheiten zu entlarven. Der Untersuchungsrichter kam zum Schluss: «Die Aussagen der betroffenen Frauen sind aus verschiedenen Gründen unglaubwürdig, und es finden sich keine konkreten Anhaltspunkte für eine strafbare Handlung.» Erfahrungen mit ähnlichen Fällen zeigten, dass «Opfer, die einen Missbrauch geltend machen, häufig in derartige religiöse Gemeinschaften eingebettet sind».

Der Einfluss der Heimleiterinnen auf die Bewohnerinnen sei sehr stark, stellte der Untersuchungsrichter weiter fest. Zudem seien die «Erinnerungen» an die Rituale bei allen drei Frauen erst im Heim aufgetreten. Auffällig seien auch die Ähnlichkeiten der Schilderungen. Es gebe sodann keine Vermisstmeldungen der vielen Erwachsenen und Kinder, die angeblich geopfert worden seien. Die Rolle des Heims sei «undurchsichtig und mehr als zweifelhaft», schrieb die Berner Kriminalpolizei und empfahl eine eingehende Prüfung. Mit Blick aufs Schnäggehuus heisst es: «Die Akten erwecken den Anschein, dass die drei Frauen, zumindest indirekt, manipuliert worden sind.» Eine Bewohnerin habe anfänglich selbst eingeräumt, ihre Erinnerungsbilder könnten erfunden sein.

Vermisste Kinder erkannt

Wie fragwürdig die Aussagen der angeblichen Opfer der Satansrituale sind, zeigt ein weiterer Vorfall. Um ihre Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, behaupteten zwei Heimbewohnerinnen, an der Tötung von zwei vermissten Kindern beteiligt gewesen zu sein. Doch auch in diesem Fall deckte die Berner Kantonspolizei die Widersprüche rasch auf. Die Erinnerung an die beiden angeblichen Morde sei «erst erwacht, nachdem die Betreuerin des Schnäggehuus beim Surfen im Internet auf die Seite der vermissten Kinder gestossen sei», schrieb sie in einem Bericht. Die beiden Leiterinnen bestreiten dies. «Die Bewohnerin erkannte das Bild des vermissten Kindes», rechtfertigt sich Regula Zürcher.

Die Eltern der drei Klientinnen sind nicht nur über die beiden Heimleiterinnen empört, sondern auch über den Vorstand des Vereins Sozialtherapeutische Wohngemeinschaft Schnäggehuus und besonders dessen Präsidentin Christine Hauri. «Diese sind für die verhängnisvolle mentale Manipulation und die Anschuldigungen meiner Tochter mitverantwortlich», erklärt eine Mutter. Die Eltern verstehen auch nicht, dass die Behörden nicht einschreiten. Der Kontakt zu ihren Töchtern wurde ihnen bis heute verweigert. Dabei bezeichneten beigezogene Experten die Kontaktsperre zwischen den drei Frauen und ihren Angehörigen als problematisch und nicht erforderlich.

Trotzdem belegte das Heim die Eltern mit einem Hausverbot. Der Kontaktabbruch sei mit der Opferhilfe, den externen Therapeuten und den Anwälten der drei Klientinnen abgesprochen worden, erklären die beiden Heimleiterinnen. Die drei Frauen leben weiterhin im Schnäggehuus oder in einer Aussenstation. Dabei hatte die Thurgauer Untersuchungsrichterin schon vor rund fünf Jahren eine Umplatzierung beantragt. Diese hätte die traumatisierten Frauen zusätzlich destabilisiert, rechtfertigen sich die Heimleiterinnen.

Ein Hohn ist für die Eltern auch, dass ein Gutachten, das die Thurgauer Heimkommission in Auftrag gegeben hat, dem Heim gute Noten ausstellt. Ein sechsköpfiges Expertenteam unter der Leitung des Psychiaters Thomas Knecht hatte die Sozialeinrichtung geprüft. «Das Heim geht gestärkt aus der unsäglichen Affäre hervor, doch unser jahrelanges Leiden hat noch immer kein Ende», sagt eine Mutter. Tatsächlich wollten die Untersuchungsbehörden die Verfahren einstellen, doch die Anwältinnen von zwei Heimbewohnerinnen verlangten zusätzliche Abklärungen.

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