Letzte Rauchschwaden über Solothurn
28. November 2006, 17:48Das Solothurner Stimmvolk hiess die schärfsten Antirauchbestimmungen der Schweiz gut. Ein Schriftsteller und ein Tabakhändler geniessen die letzten öffentlichen Züge.
Von Thomas Knellwolf, Solothurn
Nebel liegt über Solothurn. Im Kreuz sitzt der Schriftsteller Peter Bichsel und raucht. Der wohl bekannteste Beizengänger der Schweiz bedauert den «Untergang der Beizenkultur» und den «Sauberkeitsfanatismus», der auch im kantonalen Abstimmungsresultat vom Wochenende zum Ausdruck komme: «Wenn es so weitergeht, gibt es bald nur noch McDonalds und die totale Sterilität.»
In rund zwei Jahren werden sich die letzten Rauchschwaden aus den Restaurations- und Kulturbetrieben sowie aus allen öffentlichen Gebäuden des Kantons verzogen haben. Sich enervieren über den eidgenössischen Trend zu Tabakverboten mag sich Schriftsteller Bichsel nicht. Zwar setzte er sich sogar in seinen Jahren als Nichtraucher in den Zügen jeweils in die Raucherabteile. Der Geruch dort störte ihn weniger als die Penetranz von «27 verschiedenen Deodorants» bei den Nichtrauchern.
«Mich interessiert, woher die Militanz der Politiker kommt, die sich vehement für Rauchverbote einsetzen», sagt Bichsel und steckt sich die nächste Zigarette an. Nach amerikanischem Muster und mit «pseudoreligiösem Wahn» mache man über Rauchverbote eine Sozialpolitik, die nichts kostet.
Bichsel sieht die schweizerische Gesellschaft aber auch im Banne ihres alten Sauberkeitswahns: «Zuerst wollte man die Alkis aus der Öffentlichkeit weghaben und die Drögeler – und jetzt die Raucher.» Im Nichtraucherschutz sieht er ein Scheinargument: «Ginge es um die Gesundheit, müssten die Politiker das Autofahren verbieten, denn die Schadstoffe bedrohen die gesamte Menschheit.»
«Gemütlichkeit geht verloren»
Ähnlich sieht es Tabakhändler Fabio Lundgren, auch wenn seine Kritik am Kulturwandel ganz anders klingt: «Die Gemütlichkeit geht verloren, wenn die Raucher zu Hause bleiben.» Lundgren findet nach wie vor, dass Wirte frei entscheiden sollten, ob sie das Rauchen bei sich zulassen. Eine Zeit lang fürchtete der Zigarrenraucher gar, dass er künftig das Schaufenster seines Fachgeschäfts in der Solothurner Altstadt abdecken müsse. Der Rechtsdienst des Solothurner Gesundheitsdepartements hatte im Abstimmungskampf verlauten lassen, das vorgesehene Werbeverbot gelte auch dort. Fälschlicherweise, wie der kantonale Gesundheitsdirektor Peter Gomm nun sagt: «Schaufenster von Tabakläden sind vom Werbeverbot im Gesundheitsgesetz nicht betroffen.» Im Gegensatz zur Plakat- und Kinowerbung.
Die Kulturfabrik sieht es positiv
Weiter oben im Städtchen, auf Höhe der Kathedrale, drückt die Sonne durch den Nebel. Im Restaurant Baseltor feierte die Lungenliga am Sonntag ihren Abstimmungserfolg – im rauchfreien ersten Stock. In der Gaststube im Parterre wird gegessen und geraucht. Das Personal begrüsst das Abstimmungsresultat. Gabriela Hladikova, die serviert, sagt: «Der rauchfreie, erste Stock ist bereits jetzt mehr ausgebucht als das Parterre.» Vorgesehen ist nun im hinteren Hausteil einen Raucherraum einzurichten, was auf jeden Fall erlaubt bleibt.
Die Kulturfabrik Kofmel sieht sich durch das Abstimmungsresultat in ihrem Kurs bestätigt. Dort werden bereits jetzt keine Zigaretten verkauft. Bereits ab September 2007 sollen die Konzerte und Discos gemäss Geschäftsführer Pipo Kofmel rauchfrei werden. «Wir befürchten nicht, dass weniger Leute kommen», sagt er.
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