Autobahnnetz wird immer teurer
03. Januar 2007, 23:47Über die Neat-Kosten ereifern sich viele. Doch kaum jemand fragt, wie teuer das Autobahnnetz wird. Das verantwortliche Bundesamt gibt eine Antwort, die verblüfft und beschönigt.
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Infografik
- Autobahnnetz wird immer teurer
Wer Parlamentarier zu den Kosten der beiden Jahrhundertprojekte befragt, bekommt viel Kritik an den steigenden Neat-Kosten zu hören, aber nichts Konkretes zu den Kosten des Nationalstrassenbaus. Doch das Bundesamt für Strassen (Astra) rückt auf Anfrage eine verblüffende Zahl heraus: Es rechne fürs Autobahnnetz mit Endkosten von 40,5 Milliarden Franken, sagt Astra-Sprecher Michael Müller. 32 Milliarden Franken seien als bisherige Kosten bereits aufgelaufen, und bis zur Fertigstellung des Netzes kämen noch 8,5 Milliarden Franken hinzu.
Plötzlich nur noch 40,5 Milliarden
Die Antwort des Astra ist deshalb verblüffend, weil die Kosten des Autobahnnetzes in den letzten Jahren stets höher veranschlagt wurden als die nun genannten 40,5 Milliarden Franken. So gab das gleiche Bundesamt bei einer früheren Anfrage bekannt, bis Ende 2003 seien 52,76 Milliarden Franken für den Autobahnbau ausgegeben worden. Zuvor hatte der Bundesrat in seiner Botschaft zur Avanti-Initiative dem Parlament mitgeteilt, bis Ende 2000 seien 48 Milliarden Franken aufgewendet worden, und für die Fertigstellung des Netzes seien noch 18 Milliarden notwendig. Dies ergäbe Gesamtkosten von 66 Milliarden Franken.
Wenn nun das Astra die Endkosten bloss noch auf 40,5 Milliarden Franken beziffert, so deutet dies nicht etwa auf einen Preiszerfall im Strassenbau hin. Es zeigt bloss, dass das Astra neuerdings anders rechnet und die Kosten des Autobahnnetzes politisch schlauer darstellt. Es bezieht seine Prognose nämlich ausschliesslich auf den Neubau des Netzes, so wie es 1960 vom Parlament beschlossen wurde. Hingegen zählt das Astra die 24 Milliarden Franken nicht mit, die nachträglich in den Ausbau dieses Netzes gesteckt worden sind: zum Beispiel für den Lärmschutz, für Wildtierbrücken, zusätzliche Spuren, Tunnelsicherheit und Anpassungen an neue technische Normen.
Nach alter Lesart über 70 Milliarden
Solche Ausbaukosten waren freilich bisher in allen veröffentlichten Statistiken zur Kostenentwicklung im Nationalstrassenbau enthalten. Zählt man sie mit den prognostizierten Endkosten zusammen, beläuft sich der absehbare finanzielle Aufwand bis zur Fertigstellung des Netzes auf 64,5 Milliarden Franken. Hinzu kommen noch 5,5 Milliarden Franken, die der Bundesrat gemäss seiner Botschaft von 2005 zum Infrastrukturfonds zur Beseitigung von Engpässen investieren will - womit das Autobahnnetz bei seiner Vollendung ums Jahr 2020 70 Milliarden Franken gekostet haben dürfte.
Das Astra freilich lässt diese Rechnung nicht gelten. Sein Sprecher bezeichnet den Ausbau der Nationalstrassen als «Daueraufgabe, die über die Fertigstellung des Netzes hinaus wahrgenommen wird». Änderungen der Umwelt- oder Lärmschutzvorschriften sowie neue Sicherheitsstandards und technische Normen müssten auch künftig laufend in die Bauwerke einfliessen. Der Aufwand dafür dürfe nicht zu den Endkosten des Nationalstrassennetzes gezählt werden. Nur die 40,5 Milliarden Franken, die wegen der ursprünglich geplanten Autobahn-Neubauten anfallen, seien mit den Neat-Kosten vergleichbar.
Im Mittel zweieinhalbmal teurer
Bei der Neat sind freilich auch nachträgliche Projektverbesserungen etwa wegen erhöhter Sicherheits- und Technikstandards in den Kostenschätzungen enthalten. Würden sie ausgeklammert, fielen die viel diskutierten Neat-Mehrkosten deutlich geringer aus. Das für die Neat verantwortliche Bundesamt für Verkehr (BAV) nennt denn auch in einer internen Aufstellung eine andere Vergleichszahl: Es beziffert die Kosten des Nationalstrassennetzes auf über 76 Milliarden Franken. Es weist auch darauf hin, dass das Autobahnnetz erst mit grosser Verspätung gegen das Jahr 2020 fertig gestellt sein wird.
In der Tat war 1958, als das Volk das Autobahnnetz beschloss, mit einer Realisierung bis 1985 gerechnet worden - und mit Baukosten von 3,8 Milliarden Franken (siehe Kasten). Zum Vergleich: Die Neat wurde vom Volk 1992 für 14,9 Milliarden Franken bewilligt. Bis zum voraussichtlich ziemlich pünktlichen Bauabschluss dürften die beiden neuen Alpentransversalen nach heutiger Berechnung inklusive Teuerung 24 Milliarden Franken kosten.
Berücksichtigt man die Teuerung auch beim Autobahnbau, entsprechen die ursprünglich erwarteten Netzkosten heute etwa 15 bis 16 Milliarden Franken. Die Auskunft des Bundesamtes für Strassen, die Teuerung habe «den Grossteil der Kostensteigerung» ausgemacht, ist deshalb zumindest beschönigend. Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Nationalrats hat vor zehn Jahren 16 fertig gestellte Autobahn-Abschnitte untersuchen lassen und dabei festgestellt: Im Durchschnitt hat jedes Teilstück zweieinhalbmal mehr gekostet als bei der generellen Projektierung berechnet worden war.
Wie die Neat-Mehrkosten
Die Geschäftsprüfungskommission hielt damals fest, dass sich die Kostenexplosion nur zum Teil mit der Teuerung und dem immer häufigeren Bau von teuren Kunstbauten wie Tunnel und Brücken erklären lasse. Ausgelöst durch den GPK-Bericht hat der Bundesrat 1998 neue Richtlinien und Standards für den Autobahnbau erlassen. Die Umsetzung dieser Massnahmen hat laut Astra dazu geführt, «dass heute die Kosten für die Nationalstrassen nicht mehr aus dem Ruder laufen können».
Ein Blick auf die Kostenentwicklung seit dem GPK-Bericht von 1996 zeigt freilich, dass die mutmasslichen Endkosten des Autobahnnetzes weiter nach oben korrigiert werden müssen. Je nach Berechnungsart stiegen sie in den letzten zehn Jahren um die gleiche Grössenordnung wie die Neat-Kosten. Doch darüber ereifern sich Politiker und Medien nicht.





























