Warten im Leerlauf wieder in Mode

15. Januar 2007, 21:28

«Beim Halten Motor abschalten» – der Slogan ist in Vergessenheit geraten. Die Polizei greift nur noch in krassen Fällen ein. Dabei bringt der kleine Dreh am Zündschlüssel erwiesenermassen viel.

Fussgänger und ein Auto warten am Bahnübergang in Interlaken.
Fussgänger und ein Auto warten am Bahnübergang in Interlaken.
Von Helmut Stalder

Früher hingen die Plakate überall: eine traurige Sonne über einer Abgaswolke, dazu die Aufforderung «Beim Halten Motor abschalten». Die simple Massnahme wurde bis in die 90er-Jahre stark propagiert. Automobilisten kassierten von Fussgängern strafende Blicke oder gar eine Busse der Polizei. Das hat sich geändert. Heute sieht man wieder oft Lenker, die bei laufendem Motor irgendwo warten. Und dass in der Kolonne vor der Ampel jemand den Schlüssel dreht, kommt erst recht selten vor. Dabei wären Lenker vom Gesetz her zum Abschalten verpflichtet, bei längerem Halt sowieso, aber auch bei kürzeren Stopps. Offenbar wissen viele dies nicht oder haben gemerkt, dass Polizisten nur bei schweren Verstössen den Bussenblock zücken.

Sinnvoll schon bei Kurzstopps

Der Streit, ob Motorabschalten bei Kurzstopps sinnvoll ist, hatte früher Züge eines Glaubenskriegs. Mittlerweile besteht kein Zweifel mehr. In Japan haben Testfahrten eindeutige Ergebnisse geliefert. Während 21 Tagen fuhren im August 2002 drei Autolenker die Insel ab – 3700 Kilometer. Einer liess den Motor bei Stopps im Verkehr laufen. Die zwei andern schalteten jeweils ab, einer manuell, einer automatisch. Diese beiden sparten im Vergleich zum andern deutlich Treibstoff, in Städten 13,4 Prozent, auf Überlandstrecken 3,4 Prozent. Im Schnitt waren es 5,8 Prozent.

Die Statistik lässt erahnen, wie gross der Spareffekt in der Schweiz wäre: Die gut fünf Millionen Motorfahrzeuge verbrauchten 2005 insgesamt 4,826 Millionen Liter Benzin und 2,067 Millionen Liter Diesel. Konsequentes Abschalten würde gemäss den japanischen Test rund 280 000 Liter Benzin und 120'000 Liter Diesel sparen. Etwa 970 Tonnen CO2 würden weniger in die Atmosphäre gelangen.

Früher sei Motorabschalten vor Rotlicht vor allem zur Luftreinhaltung propagiert worden, sagt Beat Wyrsch von der TCS-Abteilung Technik und Umwelt. Die Treibstoffersparnis habe man damals eher als Nebeneffekt gesehen. Dank dem Katalysator seien die Schadstoffwerte im Leerlauf heute kaum mehr messbar. Entsprechend müsse man nun mit der Treibstoffersparnis argumentieren. «Dass ein Motor kein Benzin verbrennt, wenn er nicht läuft, und dass dies Geld spart, leuchtet unmittelbar ein», sagt er. Und nach wie vor gelte: Unnötiger Verbrauch = unnötiger CO2-Ausstoss. Der TCS hat gemessen, dass ein durchschnittliches Auto im Leerlauf 0,017 Liter pro Minute verbraucht, also etwa einen Liter pro Stunde. Bei einer Fahrleistung von 15 000 Kilometern im Jahr stehe ein Auto etwa 50 Stunden vor Rotlichtern. Läuft dabei jeweils der Motor, verbraucht es sinnlos 50 Liter Treibstoff und entlässt 125 Kilo CO2 in die Atmosphäre.

Ahnungslose Fahrschüler

Gemessen wurde auch, ab wann das Abschalten mehr Treibstoff spart, als das Anlassen verbraucht: Spätestens nach 20 Sekunden lohnt es sich, bei gewissen Motoren schon nach Bruchteilen von Sekunden. Der TCS empfiehlt daher nach wie vor: beim Halten konsequent abschalten, beim Anlassen kein Gas geben. Sinnlos ist laut Wyrsch das Aufwärmen im Leerlauf. Der Motor erreiche die optimale Temperatur viel schneller, wenn man sofort losfahre.

Das man beim Halten den Motor abschalten muss, ist auch bei den Lernfahrern aus dem Bewusstsein verschwunden. «Möglicherweise haben Neueinsteiger andere Vorbilder als vor zehn Jahren», glaubt Werner Waldmeier, Geschäftsführer des Schweizerischen Fahrlehrerverbands. «Dabei sollte es ab dem dritten Fahrzeug selbstverständlich sein. Es lohnt sich in der Regel ab 7 bis 8 Sekunden.» Die Fahrlehrer wiesen Neueinsteiger darauf hin. Umweltschonendes, verbrauchsarmes Fahren ist nämlich heute Prüfungsstoff. In der entsprechenden Verordnung werden die Regeln ausdrücklich genannt: «Verwenden des höchstmöglichen Ganges, frühzeitiges Hochschalten, Motor wo immer möglich abschalten, vor allem vor Bahnschranken und Ampeln.»

Ernst Reinhardt, Stellvertretender Geschäftsführer der Quality Alliance Eco-Drive, die Kurse für sparsames Fahren anbietet, kann nur den Kopf schütteln. Auch er hat festgestellt, dass Abschalten vor Ampeln, am Taxistand oder beim Warten aus der Mode ist. Ihm ist auch aufgefallen, dass wieder dieselben Ammenmärchen und Ausflüchte aufgetischt werden wie früher. Dass der Motor warm laufen müsse, dass die Klimaanlage oder die Heizung laufen müsse, dass die Zündung schneller kaputt gehe oder dass der Start viel zu lange dauere. Schlüsselfiguren sind für ihn die Prüfungsexperten in den Strassenverkehrsämtern. Sie müssten nachlässige Prüflinge durchfallen lassen. Im Alltag auf der Strasse liege es an der Polizei, den Regeln wieder Nachachtung zu verschaffen.

Bei den Rotlichtern schaut die Polizei lieber weg

Grundsätzlich müssen Lenker den Motor auch bei kürzeren Halten abschalten, «wenn das Wegfahren nicht verzögert wird». Und verboten ist das «unnötige Laufenlassen des Motors eines stillstehenden Fahrzeugs». Eine klare Handhabe bietet dies jedoch nicht.

Der weite Ermessensspielraum macht die Anwendung für die Kantons- und Gemeindepolizeien schwierig. Entsprechend greifen sie nur in eindeutigen Fällen durch. Martin Sorg von der Kapo Zürich zählt klassische Situationen auf: Motor vorwärmen, Heckscheiben heizen, im Leerlauf Eis kratzen, Navigator programmieren, Karte studieren, telefonieren. «Das wird nicht toleriert und zieht 60 Franken Busse nach sich.» Unter das Verbot «unnötiges Laufenlassen» fällt in der Regel auch, wenn man an Barrieren und Baustellen nicht abschaltet.

Kontrollen haben nichts gebracht

Anders bei Ampeln. Hier lässt sich trotz der Orange-Phase trefflich streiten, ob Abschalten «das Weiterfahren verzögert». Wechselt die Anlage in einem kurzen Rhythmus, rutscht die Kolonne jeweils nur ein paar Autolängen vor. Und je nach dem, wo man steht, kostet der Schlüsseldreh schon zu viel Zeit. «Bei Stop-and-go-Verkehr ist nichts zu machen», sagt Sorg. Statt Streitereien und Einsprachen zu riskieren, appelliert die Polizei an die Selbstverantwortung der Lenker und lässt bei Kolonnen vor Ampeln die Finger vom Bussenblock.

Die Stadtpolizei Baden wollte Anfang der 90er-Jahre «beim Halten Motor abschalten» auch vor Ampeln durchsetzen - und ist damit aufgelaufen. Ein beteiligter Polizist erinnert sich: «Wir mussten den Autofahrern einen Winter lang explizit vor Rotlichtern aufhocken.» Die Polizisten hätten immer gehofft, dass sie nicht dazu eingeteilt würden. Die Aktion habe nichts gefruchtet und nur die Leute wütend gemacht. Schliesslich gab das Kommando auf. «Die Aktion ist im Sand verlaufen», sagt der Polizist. (st)

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