Protest gegen Nationalfonds
15. Mai 2007, 20:03Der Nationalfonds will Nutzen und Risiken von Gentech-Pflanzen untersuchen. Eine renommierte Risikoforscherin der ETH wird übergangen.
Wenn am 30. Juni der Nationalfonds über das neuste Nationale Forschungsprogramm orientiert, wird eine Forscherin fehlen. Angelika Hilbeck vom Institut für Integrative Biologie der ETH Zürich, eine international anerkannte Risikoforscherin in Sachen Gentechnik, wird beim NFP 59 nicht mitmachen. Dieses Forschungsprogramm will innerhalb der nächsten vier Jahre die «Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen» in der Schweiz untersuchen.
Hilbeck koordinierte eine Gruppe von Wissenschaftlern verschiedener Schweizer Forschungseinrichtungen, die noch offene Fragen rund um die Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen beantworten wollten: Was passiert beispielsweise mit Fremdgenen im Boden, wie gelangen diese von einer Pflanze zur nächsten, und können sich verschiedene Pflanzen unterschiedlich gut gegen diesen Genfluss schützen?
Die Anträge von Hilbeck und ihren Kollegen wurden vom Nationalfonds entweder rundweg abgelehnt oder finanziell derart beschnitten, dass die Forscher sie freiwillig zurückzogen. Wie selten ein Forschungsprogramm zuvor steht das NFP 59 im Zentrum des öffentlichen Interesses. Im November 2005 sprach sich das Schweizer Stimmvolk deutlich für ein fünfjähriges Moratorium der kommerziellen Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen aus. Das NFP 59 könnte nun Antworten auf die Ängste und Bedenken der Gentechnikkritiker geben. Noch ist nicht klar, wie das NFP 59 aufgebaut sein wird und welche Forscher mit wie viel Geld unterstützt werden. Sicher ist aber, dass die eingereichten Forschungsanträge den finanziellen Rahmen – 12 Millionen Franken – sprengten. Von den ursprünglich 92 eingereichten Forschungsskizzen kamen nur 39 in die nächste Runde. Die restlichen wurden bereits im vergangenen November abgelehnt.
Die Abwesenheit von Hilbeck und ihrer Gruppe beim NFP 59 irritiert – vor allem auch vor dem Hintergrund des jüngsten Entscheids des deutschen Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), der vergangene Woche bekannt wurde. Demnach darf in Deutschland der Gentech-Mais Mon810 der US-Firma Monsanto nur noch kommerziell angebaut werden, wenn die Folgen dieses Anbaus wissenschaftlich untersucht und begleitet werden.
In einem Schreiben an Monsanto hält das BVL fest, es gebe «berechtigten Grund zu Annahme», dass der Anbau für Mon810 eine «Gefahr für die Umwelt» darstelle. Mehrere wissenschaftliche Publikationen wurden als Begründung angeführt – darunter Veröffentlichungen von Hilbeck und Forschern, die eng mit ihr zusammenarbeiten. Bei Mon810 handelt es sich um so genannten Bt-Mais. Dank eines Gens des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis (Bt) produziert Mon810 ein Insektizid, das Schädlingsinsekten, wie etwa den Maiszünsler, bekämpfen soll.
In dem Schreiben erklärt das BVL nun, dass «Nichtzielorganismen höherer Nahrungskettenglieder» ebenfalls dem Toxin ausgesetzt seien. Und weiter: «Bei Bt-Pflanzen sind die Wirkung und die Verweildauer des in den Pflanzen gebildeten Toxins im Boden derzeit ungeklärt, bergen jedoch ein relativ hohes Potenzial für ökologische Folgen.» Die Wirkung des Toxins sowie die möglichen Wege des Bakteriengens soll nun im Fall von Mon810 ein Monitoring feststellen. Die deutschen Behörden berufen sich mitunter auf die Zürcher Forscherin, wenn sie von einer «Gefahr für die Umwelt» schreiben, die von dem betreffenden Gentech-Mais ausgehen würde.
Kreisläufe noch nicht verstanden
Der Schweizer Nationalfonds hingegen kann auf die Expertise von Hilbeck, die seit Jahren dagegen ankämpft, dass Risiken der Gentechnologie von vielen Befürwortern einfach unter den Teppich gekehrt werden, offensichtlich verzichten. Auf Anfrage erklärt der Nationalfonds lediglich, dass man viel Erfahrung mit Nationalen Forschungsprogrammen habe. Und man habe ein wissenschaftlich «ausgewogenes Programm» zusammengestellt. Dieses würde erlauben, die vom Bundesrat gestellten Fragen zu beantworten.Hilbeck und ihre Kollegen wollten im Rahmen des NFP 59 untersuchen, ob das Produkt eines in Kulturpflanzen eingebauten Bakteriengens auch dann noch aktiv ist, wenn es den Verdauungstrakt eines Schafes oder Schweines durchlaufen und mit dem Dung in den Boden gekommen ist. Weiter wollten sie herausfinden, was mit dem Genprodukt anschliessend im Boden passiert. Freilandversuche mit gentechnisch verändertem Mais hätten zusätzliche Erkenntnisse geliefert.
«Diese Kreisläufe sind noch nie in ihrer Gesamtheit angeschaut worden», sagt Hilbeck, man kenne heute lediglich Teilaspekte davon. «Wir hatten ein Team, dass wie kein anderes in der Schweiz diese Problematik in seiner Gesamtheit hätte anschauen können.» Alle erhobenen Daten hätten in ein Risikoanalyseverfahren einfliessen sollen, das die Forscher bereits in mehreren Ländern getestet hatten. Die Entwicklung dieses Verfahrens wurde mit rund zwei Millionen Franken von der Schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit und dem Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft unterstützt. Im Rahmen des NFP 59 hätte es nun in der Schweiz zur Anwendung kommen sollen – so die Vorstellung der Forscher.
Doch der Nationalfonds war offensichtlich anderer Meinung. Er hat damit eine international renommierte Risikoforscherin vom NFP 59 ausgeschlossen. Eine Wissenschaftlerin nota bene, die bei der Ausarbeitung der Ziele des Forschungsprogramms aktiv mitgearbeitet hat.
Willkürliche Ablehnungsgründe?
Hilbeck ist denn auch überzeugt, dass der Entscheid des wichtigsten Schweizer Forschungsförderers nichts mit Wissenschaft zu tun hat. «Offenbar wurde nach anderen Kriterien entschieden, die uns aber nicht mitgeteilt wurden. Mir ist es noch nie passiert, dass ein Projekt so abgeschossen wurde», sagt Hilbeck.In einem Protestbrief an den Nationalfonds erklärte sie bereits vor Monaten, dass die Ablehnungsgründe «willkürlich» seien und «aus dem Bauch heraus» kämen, was «kein besonders wissenschaftliches Urteil» sei. Andere Forscher wandten sich ebenfalls in Protestbriefen an den Nationalfonds. Darin heisst es etwa, dass beinah jeder Punkt im Ablehnungsschreiben entweder «nachweislich falsch» oder «wenig hilfreich vage» sei.
In zwei Wochen wird das NFP 59 nun der Öffentlichkeit präsentiert. Ob die Gewinner der Moratoriumsinitiative ebenfalls der Meinung sein werden, dass das Programm «ausgewogen» sei, scheint zum jetzigen Zeitpunkt zumindest fraglich.




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