Der neue TGV «des einen Freud, des anderen Leid»
04. Juni 2007, 16:56Bahnen und Medien bejubeln die neue schnelle Zugsverbindung von Zürich nach Paris. Schweizer Pendler hingegen sind über den TGV alles andere als erfreut.
Von Thomas Knellwolf, BaselBahnunternehmen und die schweizerische, französische und deutsche Presse überbieten sich zurzeit mit Superlativen, wenn sie von den neuen Linien des Train à grande vitesse (TGV) sprechen. Für viele Pendler in der Schweiz sind die schnelleren Verbindungen nach Paris, die ab dem 10. Juni verkehren, jedoch ein Ärgernis.
«Ich überlege mir zum ersten Mal», sagt eine Zürcherin, die seit Jahren in Basel angestellt ist, «an meinem Arbeitsort ein Zimmer zu mieten». Ein anderer bisheriger Zürcher Zugbenutzer steigt für die Fahrt von der Limmat an den Rhein aufs Auto um, obwohl er nicht gerne Auto fährt. Der neue TGV sei «des einen Freud, des andern Leid» – dies schreiben nicht etwa erboste Pendler in ihren Beschwerden-Mails, sondern die SBB. Künftig könnten «die Plätze knapp werden», warnt das Bahnunternehmen in einer Broschüre, die es in den Morgenzügen zwischen Zürich und Basel an die Passagiere bringt.
Weniger Plätze, mehr Passagiere
Die Platzknappheit ist vorprogrammiert. Denn der immer gut besetzte 7-Uhr-Intercity, der Zürich in einer Rekordzeit von 52 Minuten mit Basel verbindet, wird abgeschafft und durch den TGV ersetzt. Der TGV bietet trotz Zusatzwagen in der ersten Klasse zwölf Plätze weniger – in der zweiten Klasse gar fünfzig. Die spärlicheren Sitze machen sich mehr Fahrgäste streitig. Denn der neue Früh-TGV ist sowohl für Geschäftsleute als auch für Städtetouristen die attraktivste Verbindung in die französische Metropole. Sie gelangen neu in viereinhalb Stunden von Zürich nach Paris (von Basel sogar in dreieinhalb). Mit ihren obligatorischen Reservationen werden die Reisenden nach Frankreich den Pendlern die Plätze wegschnappen.«Damit Sie trotzdem bequem nach Basel pendeln können», trösten die SBB ihre Stammkundschaft in ihrer Broschüre, «haben wir alternative Zugverbindungen zusammengestellt». Nur bedeutet das nicht, dass die SBB täglich einen Ersatzzug auf die Schiene stellen. Vielmehr hat das Bahnunternehmen den Pendlern den Morgenfahrplan ohne den neuen TGV ausgedruckt.
Die alternativen Vorschläge bringen langjährige Pendler auf die Palme. Die 8-Uhr-Verbindung – die einzige gleich schnelle Alternative – ist ein deutscher ICE. Schon heute ist er täglich voll gepfercht mit Reisenden nach Frankfurt, Köln oder Hamburg und mit Urlaubern, welche die Billigflieger ab Basel-Mühlhausen benutzen. Der Zug kommt erst nach Arbeitsbeginn vieler Berufspendler in Basel an. Alternative 2 aus dem «Fahrplan zum Herausnehmen» verlässt Zürich um 7.34 Uhr. Mit ihr lernt man die Nordwestschweiz kennen, denn der Zug hält in Lenzburg, Aarau, Sissach und Liestal. Kehrseite der Medaille: Die Komposition braucht statt 52 Minuten eine Stunde und vier Minuten nach Basel und gilt als anfällig für Verspätungen.
Wer Alternative 3 wählt, lernt zusätzlich die Region Zürich kennen, denn der Zug hält auch in Oerlikon, Altstetten, Dietikon und Baden – und anschliessend in Brugg und Frick. Das Dumme daran: Der Zug verkehrt nicht ab dem Zürcher Hauptbahnhof, sondern ab dem Flughafen und braucht von dort nach Basel 22 Minuten länger als der TGV oder der ICE.
Abhilfe nur in Ausnahmefällen
Die Bahn verspricht Abhilfe – allerdings nur in Ausnahmefällen. «Während Messen und vor Feiertagen mit starkem Reiseverkehr können wir Extrazüge einsetzen», sagt SBB-Sprecherin Michèle Bamert. «Zudem haben wir die TGV-Reservation im Auge und reagieren allenfalls kurzfristig.»Dafür erhalten die Pendler von Basel nach Zürich bessere Verbindungen. In umgekehrter Richtung gilt: Wer früh von der grössten in die zweitgrösste Deutschschweizer Stadt zur Arbeit muss, der steht künftig in europäischen Spitzenzügen. Oder muss früher aus den Federn und braucht gutes Sitzleder in Schweizer Mittelklasse-Zügen. Der Trost der SBB für die Pendler besteht in einem Gutschein: für eine verbilligte TGV-Reise nach Paris.
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