Nationalrat träumt von Grand Prix-Rennen

05. Juni 2007, 20:22

Der Nationalrat will Formel-1-Rennen wieder zulassen. Obwohl Investoren fehlen und obschon der Bundesrat sagt, solche Vorhaben könnten in der Schweiz gar nicht rentieren.

Er gab den Anstoss: Der Aargauer SVP-Vertreter Ulrich Giezendanner.
Er gab den Anstoss: Der Aargauer SVP-Vertreter Ulrich Giezendanner.
Von Bettina Mutter, Bern

Transportunternehmer Ulrich Giezendanner liess sich im Nationalrat feiern, als wäre er ein erfolgreicher Popstar. Der Rat folgte der Bitte des Aargauer SVP-Nationalrats um «Wiederzulassung von Formel-1-Rennen in der Schweiz» und stimmte einer von der Verkehrskommission ausgearbeiteten Gesetzesvorlage mit 97 gegen 77 Stimmen zu. Demnach sollen in der Schweiz wieder Rundstreckenrennen zugelassen werden.

Der Entscheid fällt damit noch deutlicher aus als der Vorentscheid im Jahre 2004. Damals stimmten 88 gegen 75 Nationalräte dafür, Giezendanners Initiative solle weiter verfolgt werden, damit das Verbot von Rundstreckenrennen aus dem Jahre 1955 aufgehoben werden könne. 1954 fand in der Schweiz der letzte Grand Prix statt. Wenig später starben bei einem Rennen im französischen Le Mans 82 Menschen, worauf der Bundesrat solche Veranstaltungen in der Schweiz verbot.

Weniger Gesetze, mehr Freiheit
SVP, FDP und viele CVP-Vertreter stellten sich aber auf den Standpunkt, dieses Verbot sei heute überholt, weil doch die Sicherheit auf den Rennstrecken 50 Jahre später sehr viel besser geworden sei.

Obschon sich auch im bürgerlichen Lager längst nicht alle als Formel-1-Fans bezeichnen, bot ihnen Giezendanners Idee die Gelegenheit einer Demonstration gegen Grüne und Linke. Diese wollten ständig neue Vorschriften, bemängelte Giezendanner und erinnerte seine Kollegen, nun könne man dem gemeinsamen Grundsatz zum Durchbruch verhelfen: «Es geht um weniger Gesetze, und um mehr Freiheit». Gemeint sind zunächst Investoren, die künftig in Rennstrecken und Wettbewerbe investieren sollten – obschon etwa die Rennstrecke im Besitz der deutschen Stadt Hockenheim mit rund 30 Millionen Euro verschuldet ist und obwohl auch im belgischen Spa der Staat in die Tasche greifen musste, um defizitäre Rennveranstaltungen zu unterstützen.

In der Schweiz sind die Bürgerlichen hoffnungsvoll. «Es lässt sich rechtfertigen», beurteilte der freisinnige Zürcher Nationalrat Rolf Hegetschweiler die Aufhebung des Verbots. Wirtschaftliches Potenzial hätten nicht nur Formel-1- sondern auch Rundstreckenrennen. Zumal, ergänzte sein Aargauer Kollege Philipp Müller, sich «überflüssige Militärplätze» als günstigster Austragungsort anböten, weil diese ja «bereits verbetoniert» seien.

Der Solothurner SVP-Nationalrat Werner Wobmann geisselte deshalb das bestehende Verbot als «paradox und absurd». Er gab sich als Präsident des Schweizerischen Motorradverbandes zu erkennen und schilderte, wie er selbst als Rennfahrer habe erfahren dürfen, dass man auf Rennstrecken «richtig an seine Grenzen gehen kann». Giezendanner findet darum, die Schweiz hätte mit Rundstreckenrennen die Lösung für ihr akutes Raser-Problem. «Auf solchen Strecken können Raser ausgebildet werden», sagt er. «Dort können sie Aggressionen abreagieren».

«Ein komplett falsches Zeichen»
Linke und Grüne amüsierten sich darüber, ihre eigenen Argumente gegen die Tempostrecken verfingen jedoch nicht. Vergeblich sagte die linke Berner Nationalrätin Evi Allemann, das Vorhaben passe schlecht zum Slogan von Schweiz Tourismus, «Die Schweiz, ganz natürlich», und setze angesichts des Klimaproblems «ein komplett falsches Zeichen».

Auch Verkehrsminister Moritz Leuenberger mokierte sich über «die Wendigkeit» der Befürworter, die doch genau wüssten, dass solche Strecken «wirtschaftlich kaum tragbar» seien – was im übrigen auch der Bundesrat betont. Seine Kritik zählte aber nicht. Der Umweltminister spottete darum, die Bürgerlichen hätten schon Champagnerflaschen bereit, «die sie sich selbst über den Kopf giessen werden». Nun wird der Ständerat entscheiden, ob er das Verbot aufheben will.

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