Demut, Disziplin, Depressionen

01. Juli 2007, 21:35

Wie wird man Oberst, Industrieller, Parteiführer, Bundesrat? Christoph Blocher doziert in einem langen Buch über Chefs, Untergebene und Führungsprinzipien.

Blocher zitiert Albert Anker: «Siehe, die Welt ist nicht verdammt!»
Blocher zitiert Albert Anker: «Siehe, die Welt ist nicht verdammt!»
Von Constantin Seibt

Nur der Auftrag zählt. Dem Auftrag dienen die Chefs in Demut, die Untergebenen in wacher Disziplin. Misserfolge sind dabei schlimm genug. Aber Erfolge sind der wirklicher Grund zur Angst: Der Auftrag ist nun grösser geworden. Willkommen in der Welt von Christoph Blocher.

Alpträume nach Erfolgen waren keine Seltenheit im Leben des einst mausarmen Pfarrerssohns. Er schaffte es zum CEO, zum Chemiewerkbesitzer, zum Oppositionsführer, zum Multimilliardär, zum Bundesrat. Nun am Gipfel des Weges, gab er ein endlos langes Interview: über Angst und Haltung, Demut und Disziplin, über Erfolg und Führung. Dieses Interview - getauft «Das Blocher-Prinzip» - beinhaltet alles, was Blocher «zur Stütze der Jungen» über Führung mitteilen möchte: sowohl des Lebens, als auch von Untergebenen und vor allem von sich selbst.

Untergebene: Keine Fragen!
Blocher liebt «Grundsätzliches» - und auch seine Führungsprinzipien beruhen daher auf militärischen Mechanismen. Denn Krieg «ist die extremste Führungssituation: Es geht um Leben oder Tod.» So hat der Vorgesetzte wie in der Armee «klare Aufträge» zu formulieren. Der Untergebene hat diese nicht zu hinterfragen, sondern auszuführen. Ist der Auftrag falsch, so ist dies laut Blocher «das Problem des Vorgesetzten». Dieser trägt die Verantwortung. Doch in Blochers Industriebetrieb kann der Untergebene auch einen Antrag stellen - mit Begründung, was falsch ist, und Alternativen, was anders zu machen wäre.

Der Untergebene - Blocher schätzt Wörter wie «Mitarbeiter» nicht, da sie die «Verantwortung verschleiern» - darf dabei nur eins nicht: dem Chef während der Erfüllung des Auftrags Fragen stellen. Stellt dieser eine Frage, antwortet ihm Blocher kühl: «Stellen Sie einen Antrag!» Denn durch Anträge, so Blocher, «denkt der Untergebene für den Chef. Das ist Führung von unten!» Der Kitt zwischen Boss und Untergebenen ist «der Auftrag». Er ist wichtiger als beide zusammen: «Die Sache, nicht der Mensch» gehört in Staat, Familie, Unternehmen in den Mittelpunkt.

Gerade die «Demut» des Chefs, seine «völlige Unterwerfung unter die Sache» verbindet: «Der Untergebene realisiert, dass der Vorgesetzte auch (nur) ein Untergebener ist: Auch er - mein Vorgesetzter - hat einen Auftrag zu erfüllen!» Nur: Welchen Auftrag? Hier bleibt Blocher schwammig bis zur Extase. Wieder und wieder beschreibt er die «Depressionen» die «Einsamkeit» und «Hilflosigkeit», die «Angst zu Versagen» des obersten Chefs - «je höher man in der Hierarchie steigt, desto mehr geknechtet ist man!»

In hellen Farben malt er seine Qualen vor jedem grossen Entscheid, jeder politischen Rede, seine Sorgen nach jedem Sieg, der neue Verantwortung bringt. Doch dann, nach einem geheimnisvollen Ringen, ist «der Auftrag» wieder da, und der Held marschiert, in entschlossener Demut.

Vorbilder: Napoleon, Churchill, Rommel
Woher also bekommt der Chef den Auftrag? Blocher beantwortet es nicht. Und auch seine Vorbilder Napoleon, der «typische Foxterrier» Churchill und der deutsche General Rommel beantworten die Frage nicht. Gerade bei einem zweifelhaften Fall wie Rommel, der für Hitler kämpfte, fällt Blocher nichts ein als: «Es gehört zu den grossen Tragiken der Welt, dass dieser General für einen letztlich bösen und mörderischen Führer handeln musste und von diesem schliesslich auch umgebracht wurde.»

Weit mehr als die Herkunft seines «Auftrags» interessiert sich Blocher für den Erhalt der Hartnäckigkeit des Chefs. Er warnt vor «Eitelkeit», «gutem Leben» und «fernen Zielen». Und setzt als «Worst-Case-Denker» auf Pessimismus: auf stete Furcht und deren Überwindung durch «Krampf, Arbeit, Mühsal». Wie Churchill dürfe ein Führer keine Dankbarkeit erwarten: sondern neben Blut, Schweiss und Tränen als einzigen Lohn den Satz: «Auftrag erfüllt!»

Diese nichts erwartende, clevere Haltung erklärt, warum Blocher nicht in seinen langen, harten Kämpfen milde geworden ist. Und nicht nach den verführerischen Erfolgen: nach der ersten Milliarde, nach dem Kauf eines Schlosses oder nach der Wahl zum Bundesrat. Nicht vergangene Siege, nur neue Aufträge zählen.

Und den Mangel an Bitterkeit erklären Blochers leidenschaftliche Bekenntnisse am Ende des Buches: «Siehe, die Welt ist nicht verdammt» zitiert er seinen Lieblingsmaler Albert Anker. Und postuliert, dass alle - Schurken, Atheisten, ja sogar fromme Heuchler - der Gnade Gottes teilhaftig seien. «Keine Angst, es wird dir nicht mehr aufgeladen, als du tragen kannst! Du bist erlöst!»

Der Interviewer als Enkel
Das Buch ist in seiner Länge eine harte Lektüre. «Führen!», «Auftrag!», «Prinzipien!» wiederholen sich zweihundert Seiten lang. Den Ton es Buches kennt jeder Enkel - und der sonst so jeder Versuchung abholde Blocher ist hier der Versuchung alter Männer erlegen: einmal sämtliche Erfolge, Gedanken und Grundsätze aufzuzählen - und zwar in aller Ausführlichkeit.

Der Interviewer Matthias Ackeret ist der perfekte Enkel: unermüdbar liefert er Stichworte. Unermüdbar bleibt er höflich. Und unermüdbar geht er den interessanten, dunklen Punkten aus Opas Leben aus dem Weg. So lässt Ackeret Opa Blocher wieder und wieder von dessen «mutigster Entscheidung» erzählen: als der damalige EMS-Manager Blocher entschied, sich über den Hals zu verschulden und mit hohen Bankkrediten die Chemiefabrik zu erwerben, der es nicht gut ging. Und alles auf eine Karte setzte, um das Unternehmen und die Arbeitsplätze zu retten.

Nur: War das wirklich die Story? Immerhin war Blocher bei EMS als Schützling des Besitzers Chef geworden. Und gab seinen Förderern düsterste Zahlen. Und schliesslich den Rat, zu verkaufen. Der Manager Blocher suchte den Käufer persönlich. Und fand endlich einen anonymen Käufer - wie sich später herausstellte: er selbst. Dann, als er die Fabrik übernommen hatte, hellten sich die Zahlen im Nu wieder auf. Wie also genau lief diese Erfolgsstory? Ackeret fragte nicht nach.

Die grösste Leistung ist kein Thema
Kein Thema auf 200 Seiten ist auch Blochers vielleicht staunenswerte Managementleistung: Der Umbau der gemütlichen, trägen Gewerblerpartei SVP in den heutigen disziplinierten Kampfverband, der erstaunlich geschlossen die Interessen der Grossindustrie vertritt. Wie schaffte Blocher dieses beispiellose Kunststück in der behäbigen Schweiz? Eine Partei von einer derartigen auch inneren Rauheit zu bauen, mit einem standardisiertem Vokabular und einer Disziplin, die man zuletzt in der leninistischen Kaderpartei sah?

Kein Thema ist für Ackeret, dass bei Blochers Führungsprinzipien vorzugsweise zwei Nummern kleinere Kopien des Bosses entstehen: Die SVPler reden nun seit Jahren wie der Boss, nur etwas blasser. Und auch im Geschäft ist es nicht anders: Als in einem kurzen, abschliessenden Interview Blochers langjähriger EMS- und EJPD-Mitarbeiter Walter Eberle über «das Blocher-Prinzip» in der Praxis redet, sagt dieser in den gleichen Worten dasselbe wie sein Boss. «Züchten Sie Kopien?» wäre eine interessante Frage gewesen.

Matthias Ackeret: Das Blocher-Prinzip. Ein Führungsbuch. Meier+Cie. Schaffhausen, 2007. 208 Seiten, 39 Franken.

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