«40 Jahre Ökumene sind in Gefahr»

10. Juli 2007, 22:53

Der Vatikan beharrt darauf, dass die katholische Kirche die einzig wahre Kirche ist. Der Evangelische Kirchenbund reagiert enttäuscht und besorgt.

Gespalten? SEK-Präsident Thomas Wipf (r.) und die Bischöfe Grab und Müller.
Gespalten? SEK-Präsident Thomas Wipf (r.) und die Bischöfe Grab und Müller.
Von Daniel Foppa

Das heute von der vatikanischen Glaubenskongregation veröffentlichte Dokument «Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche» zieht eine scharfe Trennlinie zwischen der katholischen und der reformierten Kirche. Die «aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften» können nach katholischer Lehre nicht Kirchen im eigentlichen Sinn genannt werden, heisst es in dem von Papst Benedikt XVI. gut geheissenen Schreiben. Zwar hätten die protestantischen Gemeinschaften «einen kirchlichen Charakter und einen daraus folgenden Heilswert». Letztlich aber können sie sich nicht auf die «apostolische Sukzession» berufen. Damit ist die ununterbrochene Weitergabe des Bischofsamtes von den Aposteln bis hin zu den heutigen Bischöfen gemeint. Der orthodoxen Kirche wird im vatikanischen Schreiben immerhin der Rang einer «Teilkirche» eingeräumt.

In einer Medienmitteilung hält die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) fest, mit dem Dokument sei es «offenkundig, dass weder die reformatorischen Kirchengemeinschaften das Selbstverständnis der katholischen Kirche, noch die katholische Kirche dasjenige der reformatorischen Kirchengemeinschaften voll anerkennen können». Der Präsident der SBK, Bischof Kurt Koch, bezeichnet dies als «harte, aber realistische und ehrliche Feststellung». Gleichzeitig betonen die Schweizer Bischöfe den Willen, den Weg der Ökumene fortzusetzen.

Kirchenbund setzt auf die Basis
Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa reagierte «mit Befremden, aber ohne Beunruhigung» auf das Dokument. Weniger zurückhaltend äussert sich Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger». Er betont die Gleichwertigkeit der evangelischen Kirche und warnt vor einer drohenden «Ökumene der Abgrenzung».

Herr Wipf, ist das neue vatikanische Dokument ein Affront für die evangelische Kirche?

Ich würde eher von einer Enttäuschung sprechen – für ganz viele Menschen in der evangelischen und der katholischen Kirche. Obwohl das Dokument aus Sicht des katholischen Lehramtes nichts Neues verkündet, verstärkt es die Gefahr, dass die Ökumene der Öffnung durch eine Ökumene der Abgrenzung abgelöst wird. Das Schreiben sendet ein falsches Signal aus und bringt wesentliche Erfolge von 40 Jahre Ökumene in Gefahr.

Wie soll es Ihrer Meinung nach mit der Ökumene nun weiter gehen?

Es gibt eine gelebte Ökumene an der Basis. Diese wird auch durch das vatikanische Schreiben nicht aufzuhalten sein. Ökumenisch derart weit reichende Aussagen bedürften zudem einer stärkeren argumentativen Grundlage, als dies beim vorliegenden, fünfseitigen Dokument der Fall ist. Die Veröffentlichung des Schreibens erkläre ich mir als besorgte Antwort des Lehramtes auf die von uns mit den katholischen Mitchristen gelebte «Ökumene von unten». Der Vatikan fürchtet offenbar, dass sein Verständnis der Exklusivität der katholischen Kirche von der Basis nicht mehr geteilt wird.

Was sagen Sie aus theologischer Sicht zu diesem Exklusivitätsanspruch?

Es ist verfehlt, eine historisch gewachsene Kirche als endgültige und einzige Kirche zu definieren. Die katholische, die orthodoxe und die evangelische Kirche sind gleichwertig, und sie verändern sich ständig auf der Grundlage des Evangeliums. Ich stelle mit Sorge fest, dass sich die katholische Kirche durch den Rückzug auf sich selber aus der weltweiten Gemeinschaften der Kirchen ausschliesst.

Wie beurteilen Sie die Reaktion der Schweizer Bischöfe auf das Schreiben?

Ich bin von Bischof Kurt Koch freundlicherweise über die Publikation des Schreibens vorinformiert worden. Inhaltlich halten aber auch die Schweizer Bischöfe am Exklusivitätsanspruch fest. Wenn Kurt Koch schreibt, das Dokument sei kein Hindernis für die Ökumene, so muss ich ihm widersprechen.

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