Deutlich weniger Borkenkäfer

11. Juli 2007, 22:58

Die fetten Jahre sind für den Borkenkäfer vorerst vorbei. Dabei haben Förster noch vor wenigen Wochen wegen des warmen Winters vor einer möglichen weiteren Käferplage gewarnt.

Ein Buchdrucker arbeitet sich durch ein Stück Rinde.
Ein Buchdrucker arbeitet sich durch ein Stück Rinde.
Von Martin Läubli

Er ist gefrässig, kein Schönling. Ein Schädling. Und keiner hat so einen schlechten Ruf wie er. Der Borkenkäfer, so gross wie ein Zündholzkopf, prägt das Geschehen im Wald wie kein anderes Insekt.

Zum Beispiel in Deutschland diesen Januar. Sturmwind Kyrill hatte über 40 Millionen Stämme, vor allem Fichten, geknickt. Für den Borkenkäfer bietet sich nun ein Schlaraffenland für die nächsten Jahre. «Das war vermutlich ein Grund, warum der Käfer auch in der Schweiz wieder mehr als sonst in den Medien kam», sagt Beat Wermelinger, Insektenspezialist an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf.

Zwar streifte Kyrill die Schweiz nur. Trotzdem wurde mancherorts vor einer Käferplage gewarnt. Förster und Waldbesitzer fürchten den Borkenkäfer wegen seiner Neigung, sich explosionsartig zu vermehren. «Borkenkäfer haben sich am heissen April warm gelaufen», hiess es in der Bündner «Südostschweiz». Ist es mindestens 16 Grad Celsius warm, schwärmen die Jungkäfer aus ihrem Winterlager aus. Tausende blieben Anfang April in den von den Forstdiensten aufgestellten Fallen hängen.

Voreilige Aufgeregtheit
Schon hatte der Zürcher Regierungsrat ein dringliches Postulat der Grünen, der SP und EVP entgegengenommen. Die Parteien forderten finanzielle Unterstützung, um dem Borkenkäfer den Garaus zu machen. Der milde Winter habe die Vermehrung begünstigt.

Für Beat Wermelinger waren diese Reaktionen zu voreilig. Der warme Winter habe kaum einen Einfluss auf den Ausflug der Käfer im Frühjahr gehabt. «Die Bäume sind im Allgemeinen im letzten Halbjahr gut mit Wasser versorgt worden. Es kommt auf den Juni an, wie trocken er wird», mutmasste der Wissenschaftler Anfang Juni. «Ein warmer Winter führt noch lange nicht zu einem Borkenkäferjahr.»

Der Käfer macht Schlagzeilen
Da braucht es ganz andere Verhältnisse. Nachdem im Februar 1990 der Sturm Vivian, einer jener grossen, zerstörerischen Sturmwinde des 20. Jahrhunderts, über Mitteleuropa gefegt war, zeigte der Borkenkäfer erstmals richtig, was in ihm steckt. Vivian hatte ganze Arbeit geleistet. Millionen Kubikmeter Fichtenholz lagen in den Schweizer Wäldern für den Buchdrucker (Ips Typographus), den häufigsten Borkenkäfer in der Schweiz, zum Frass bereit.

Der braune Winzling hatte die Schlagzeilen für die nächsten Jahre. «Werden Abermillionen Borkenkäfer im Wald überwintern?», fragte der Berner «Bund». «Borki beisst sich wieder durch!», titelte der «Blick». Die Zahl der Käfernester mit mehr als zehn befallenen Bäumen hatte sich innert drei Jahren auf 600'000 versechsfacht.

Einen bedeutend grösseren Schaden richtete Orkan Lothar 1999 an. Er hinterliess über zwölf Millionen Kubikmeter Sturmholz. Der Borkenkäfer vermehrte sich derart, dass bereits drei Jahre später weit mehr Käferholz anfiel als insgesamt nach Vivian. Der Hitzesommer 2003 trieb die Käferzahl weiter hoch. Die Konsequenz: Über zwei Millionen Kubikmeter Käferholz. Das entspricht fast der Hälfte der durchschnittlichen jährlichen Holznutzung.

Sinkender Befall auf hohem Niveau
Seither gibt es bedeutend weniger Befallsherde und Käferholz in den Schweizer Wäldern, doch der Fichtenwald leidet noch immer unter der Entwicklung nach Lothar. Im letzten Jahr beklagten die Schweizer Waldbesitzer 750'000 Kubikmeter Käferholz; das ist immer noch bedeutend mehr als nach Vivian.

Das befallene Holz wäre eigentlich selbst für Möbelholz noch brauchbar. Doch fatal ist: Der Borkenkäfer schleppt einen Pilz ein. «Dieser verfärbt das Holz bläulich», sagt WSL-Biologe Beat Wermelinger. Käferholz eignet sich deshalb im besten Fall für Bauholz, das der Waldbesitzer für wenig Geld verkaufen muss.

In diesen Wochen fliegt die erste Generation der Borkenkäfer aus. Und WSL-Forscher Beat Wermelinger ist sich heute sicher: Die Borkenkäferpopulation wird dieses Jahr weiter zurückgehen, da die erste Generation auf Bäume stösst, die mit genügend Wasser versorgt und damit widerstandsfähig sind. Der Käfer sucht sich nämlich mit Vorliebe kränkelnde oder gestresste Fichten. Bäume im Saft meidet er. Bohrt sich der Borkenkäfer in die Rinde eines gesunden Baumes, wehrt sich dieser prompt mit einer Ladung Harz; der Eindringling ertrinkt in der klebrigen Masse.

Eifrig bohrt sich der Borkenkäfer indes in die Rinde schwächelnder oder frisch abgestorbener Fichten. Mit dem Hinterteil drückt er aus dem Rindengang das Bohrmehl, das der Käfer mit einem speziellen Pheromon markiert. Das ist der Lockstoff, der weiteren Männchen gute Wirtsbäume signalisiert und den Weibchen die Bereitschaft zur Paarung. Jedes Männchen begattet zwei bis drei Weibchen in der so genannten Rammelkammer. Diese nagen dann von dort aus weitere Gänge und legen jeweils 30 bis 60 Eier. Die schlüpfenden Larven fressen schliesslich Quergänge, an deren Ende sich die Tiere verpuppen. Nach wenigen Wochen schlüpfen die Jungkäfer aus.

Populationen können sich nach einem Windwurf während einer einzigen Generation verzehnfachen. Und nach extremen Hitzeperioden besteht die Gefahr, dass in einem Jahr drei Generationen ausfliegen. Es vergehen Jahre, bis die Zahl der Borkenkäfer so stark abnimmt, dass sich der angeschlagene Fichtenbestand wieder erholt.

Einige offene Fragen
Trotz den reichen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, ja Jahrhunderte - der Borkenkäfer hat noch nicht alle Geheimnisse preisgegeben. Offen ist zum Beispiel, welchen Weg das Tier auf sich nimmt, um neue Brutbäume zu finden. Die Forscher wissen nach wie vor noch nicht genau, unter welchen Bedingungen die natürlichen Feinde - räuberische Käfer, Fliegen Schlupfwespen, Spechte - die Vermehrung der Borkenkäfer bremsen können.

Sicher ist hingegen: Borkenkäferfallen, denen in den 1980er-Jahren grosser Erfolg bescheinigt wurde, sind in erster Linie zur Überwachung geeignet. Wirksam bekämpfen lassen sich die Käfer damit nur punktuell. Bei einer Käferplage, so zeigt die Erfahrung, hilft, wenn der Forstdienst frisch befallene Fichten rechtzeitig fällt und abführt. Die Förster können so den Käferbefall je nach Region um rund die Hälfte senken. Wo die Räumungsstrategie zwischen Waldbesitzern allerdings unterschiedlich ist, kann eine Pufferzone zwischen den Waldbeständen helfen. In der Praxis fehlt dazu aber häufig der notwendige Raum.

Auch wenn die paradiesischen Verhältnisse für den Borkenkäfer offensichtlich langsam zu Ende gehen, er wird, so sind sich die Experten einig, die Entwicklung der Schweizer Wälder auch in Zukunft mitgestalten. Die Holzvorräte nehmen von Jahr zu Jahr zu. Das Risiko für einen grossflächigen Windwurf steigt damit. Mit der Klimaerwärmung, glaubt man den Computermodellen, steigen die Temperaturen auch in den höher gelegenen Regionen: Die vor Lawinen schützenden Fichtenwälder sind dann auch nicht mehr vor dem Borkenkäfer sicher.

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