Zwei Frauen gegen den Bären

12. Juli 2007, 17:52

Mindestens 19 Schafe hat ein Bär am Flüelapass bereits gerissen. Jetzt sollen ihm zwei vom Bund abgesandte Hirtinnen das Handwerk legen - mit Hilfe von speziellen Schutzhunden.

Von Antonio Cortesi, Flüelapass

Die Wolken hängen tief, die Bergflanken wirken bedrohlich, dazu wildes Schneetreiben mitten im Sommer - auf der Engadiner Seite des Flüelapasses herrscht für einen angriffigen Bären ideales Wetter. Und tatsächlich: Wieder hat das Raubtier Schafe gerissen. Am Dienstagabend bekam es die Wildhut sogar erstmals zu Gesicht. Sie konnte beobachten, wie der Bär in einem Legföhrenwäldchen jagte, bloss 200 Meter von der Herde entfernt.

Über 900 Schafe sömmern auf dieser Alp. Wie lassen sich die Nutztiere vor dem gefrässigen Wildtier schützen? Klar ist: Die ansässigen Hirten und deren Hunde schaffen das nicht mehr alleine. Die ausserordentliche Lage am Flüelapass ist deshalb ein Fall für für Riccarda Lüthi (32) und Kathrin Rudolf (31). Sie gehören zur «mobilen Eingreifgruppe» von Agridea, einer Beratungsstelle des Bundes, die ein Präventionsprogramm zum Schutz von Nutztieren entwickelt hat.

Nachhilfe für die Bergler
Die beiden Frauen stehen seit Anfang Woche auf der Flüela im Einsatz. Ihr Auftrag: Sie sollen die Kleinviehhalter, Alpbesitzer und Hirten im Abwehrkampf gegen den Bären unterstützen und sie in Sachen Herdenschutz instruieren. Eine zentrale Rolle spielen dabei drei mitgebrachte Hunde. Es sind Tiere der Rasse Maremmano-Abbruzzese. Die massigen Viecher, weiss und wollig wie die Schafe selber, sind nach dem Urteil von Fachleuten die tüchtigsten Herdenschutzhunde überhaupt. In ihrem Ursprungsland Italien sind sie seit Urzeiten gegen Wolf und Bär im Einsatz.

Kein leichter Job für die beiden eher zierlichen, aber unerschrockenen Hirtinnen im Dienste des Bundes. «Natürlich staunen die Älpler zunächst, dass ausgerechnet zwei junge Frauen einem Raubtier die Stirn bieten sollen», sagt die Biologin Riccarda, die ihre Diplomarbeit über Wildschafe in Zentralasien geschrieben hat. «Doch die Skepsis schwindet rasch, wenn die Leute merken, dass wir erfahren und kompetent sind.» Und Kathrin, in ihrem ursprünglichen Beruf Reisefachfrau, sagt: «Bei solchen Einsätzen zählt nicht das Geschlecht, sondern der souveräne Umgang mit der Gefahrensituation.»

Hunde kämpfen bis aufs Blut
Unerschrocken sind die beiden in der Tat. Ihre erste Nacht haben sie auf der gegenüber liegenden Talseite in einem Igluzelt verbracht, nahe bei der mit einem Elektrozaun eingepferchten Herde. Es war stockdunkel, eiskalt - und der Bär in den Träumen wohl allgegenwärtig. Geschlafen habe sie ohnehin kaum, sagt Kathrin. Immer wieder hätten die Hütehunde der beiden, vier Border-Collies, Alarm geschlagen. Doch passiert ist nichts.

Wichtigstes Ziel während der ersten Woche ist die Gewöhnung der Herde an die Maremma-Hunde. «Wenn sie den Schafen das Maul ablecken, ist die Integration geglückt», weiss Riccarda. Denn diese Schutzhunde sind auf Grund ihrer Wesensart vollständig auf die Herde, nie auf den Menschen programmiert. Sie bleiben rund um die Uhr mitten unter den Schafen und arbeiten völlig auf sich gestellt. Orten sie einen Angreifer, reagieren sie mit tiefem Grollen und Bellen. Kommt der Feind trotzdem zu nah, rennen sie aus der Herde heraus und greifen an - bis zum bitteren Ende.

Noch stossen die Maremma-Hunde nicht überall auf Akzeptanz. «Sie greifen oft auch die Tiere an, die sie eigentlich verteidigen sollten», kritisiert Duosch Städler, Präsident des Bündner Schafzuchtverbands. Zudem gehe die Anschaffung solcher Schutzhunde ins Geld. Im Unterengadin gibt es insgesamt 6000 Schafe, verteilt auf Dutzende von Herden. «Die Maremmani arbeiten aber nur effizient, wenn sie mindestens zu dritt sind. So viele Hunde können sich die wenigsten leisten.»

Hirten ist kein Sommerplausch
Die beiden Hirtinnen kennen diese Einwände. Gewiss könne es beim Spiel mit Lämmern zu Verletzungen kommen, sagt Riccarda. «Das geschieht aber selten.» Im Übrigen plädiert sie für eine «generelle Aufwertung des Hirtenberufes». Aus der Optik der Städter werde dieser oft als «Sommerplausch» romantisiert. Er sei jedoch gleichermassen hart wie anspruchsvoll. Wichtig seien profunde Kenntnisse in der Hundeerziehung, aber auch in der Kleintierzucht. So muss ein Hirte wissen, wie er kranke Schafe behandelt - etwa bei Gämsblindheit oder Klauenkrankheiten.

Kathrin und Riccarda leisten bereits seit vier Jahren solche Einsätze. Am Flüela werden sie noch so lange präsent sein, bis sich der Schutz vor dem Bär gut eingespielt hat. Oder bis sich das Raubtier selber aus der Gegend verzieht. Nützt alles nichts, so bleiben die Vergrämung mit Gummischrot und, als Ultima Ratio, der Abschuss. Letzteres geschieht erst, wenn sich der Bär auch gegenüber dem Homo sapiens angriffig zeigt. Das Exemplar am Flüela gilt aber als ausgesprochen menschenscheu.

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