Schweiz

Mitreisstheorie mit Widersprüchen

19. Juli 2007, 23:30

Lawinenexperte Werner Munter ist überzeugt: Die an der Jungfrau tödlich abgestürzten Soldaten haben die Lawine, die sie mitriss, selber ausgelöst.

Die Rekruten stiegen vom Jungfraufirn (links) auf, wurden auf dem Grat von der Lawine erfasst und stürtzten ins Rottal (rechts).
Die Rekruten stiegen vom Jungfraufirn (links) auf, wurden auf dem Grat von der Lawine erfasst und stürtzten ins Rottal (rechts).
Mit Werner Munter sprach Hugo Stamm

Für Sie als Fachmann besteht kein Zweifel, dass es sich beim Bergdrama am vorletzten Donnerstag um ein Lawinenunglück handelt. Was macht Sie so sicher?

Fotos zeigen, dass es einen Schneebrettanriss oberhalb der Seilschaften quer über den ganzen Hang gegeben hat. Die Leute waren zum Zeitpunkt der Auslösung unterhalb des Anrisses ungefähr in der Falllinie. Die Situation ist eindeutig: Die aufsteigenden Soldaten haben die Lawine selber ausgelöst. Diese hat sich in einen linken (östlichen) und einen rechten (westlichen) Arm geteilt. Alle vier Seilschaften standen wohl dort, wo sich die Lawine geteilt hat.

Warum haben sich die unteren zwei Gruppen retten können?

Bisher ist eine Tatsache noch nie ausgesprochen worden: Die beiden unteren Seilschaften haben ein riesengrosses Glück gehabt. Dank glücklichen Umständen konnten sie sich retten. Falls die Bergsteiger in der Falllinie aufgestiegen sind, hat der vorderste Soldat sich wohl einen Moment lang mit dem eingesteckten Pickel gegen die Schneemassen wehren und die unteren schützen können. Das ist wie ein Windschatten beim Radfahren.

Falls die Seilschaften nicht hintereinander hochgestiegen sind?

Dann sind die unteren beiden Gruppen wahrscheinlich in der Zone gestanden, wo sich die Lawine geteilt hat.

Weshalb zweifeln Sie nicht daran, dass es ein Lawinenunfall war?

Der Zusammenhang ist klar, es gibt keine Widersprüche bei der Lawinenthese. Ausgewiesene Lawinenexperten können nur zu diesem Schluss kommen. Bestätigt wird unsere These auch vom Bergführer, der gerufen hat: «Bleibt ruhig, das Schneebrett trifft uns nicht.» Die unteren beiden Seilschaften waren teilweise geschützt.

Und die Mitreisstheorie der Armee?

Es ist erst durch die Lawine zu einer Kettenreaktion gekommen und nicht durch das Stolpern eines Soldaten. Die Lawine hat also den Soldaten erfasst, und er hat das Gleichgewicht verloren. Die Mitreisstheorie der Armee ist voller Widersprüche. Es ist abenteuerlich zu glauben, dass alle 14 Soldaten gleichzeitig umgefallen sein sollen ohne Einwirkung der Lawine. Diese These will uns glauben machen, dass das Schneebrett sich spontan löste und die Gruppen überlebt haben.

Wie erklären Sie sich, dass drei Pickel bei der Absturzstelle der oberen Seilschaften gefunden worden sind?

Auch das ist kein Widerspruch. Die abstürzenden Soldaten haben die Pickel in die Unterlage gerammt, doch sie konnten sich nicht daran festklammern. Die Kraft reicht nicht aus, weil die Wucht der Schneemassen viel zu gross ist. Ein Kubikmeter Lawinenschnee ist 300 Kilogramm schwer. Der Schnee donnerte kubikmeterweise nieder. Die Pickel entwickeln aber kaum einen Widerstand und können so stecken bleiben.

Wie erklären Sie sich, dass der Überlebende Obergefreite Alain Perusset ausgesagt hat, er habe nichts von einer Lawine bemerkt?

Der Soldat war beim Lawinenabgang so sehr mit seiner eigenen Rettung beschäftigt, dass er nicht realisiert hat, was um ihn herum passiert ist. Er hat aber bestätigt, dass er hinterher die Abrissstelle gesehen hat.

Weshalb exponieren Sie sich mit diesem Interview?

Ich denke an die sechs jungen Bergsteiger, denen unterschoben wird, sie seien mit den Steigeisen gestolpert. Das finde ich sehr ungerecht. Die Toten können nicht mehr antworten, jetzt kann man ihnen alles in die Schuhe schieben. So kommt es mir vor. Auch die Angehörigen haben das Recht, die Absturzursache zu erfahren. Ausserdem geht es mir um die Wahrheit. Nur wenn die Wahrheit bekannt ist, können in Zukunft solche Unfälle verhindert werden.

Weshalb stellen sich Militär und der Bergführerverband vor ihre Leute?

Ich werde den unangenehmen Eindruck nicht los, dass sie versuchen, die Tatsachen zu beschönigen. Wobei es in einer ersten Reaktion begreiflich ist, dass sie ihre Mitglieder in Schutz nehmen. Doch angesichts der erdrückenden Hinweise auf die Lawine sollten sie ihre Haltung überdenken.

Können Sie sich vorstellen, weshalb die jungen Soldaten trotz erheblicher Lawinengefahr aufgestiegen sind?

Ich nehme an, dass der Gruppendruck sehr gross war. Mit 20 Jahren hatte ich auch eine derartige Übermotivation, dass mich niemand bremsen konnte. Die jungen Soldaten hatten vermutlich ein ähnliches Feu sacré. Wahrscheinlich waren auch die Bergführer selbst übermotiviert. Es ist sehr schwer, bei schönem Wetter wie am Unglückstag zu erklären: Wir steigen nicht auf.

Werner Munter

Der 66-jährige Bergführer Werner Munter gilt international als ausgewiesener Lawinenexperte. Er arbeitete von 1992 bis 2006 als Ausbildner und Prüfungsexperte bei den Bergführerkursen und als Mitarbeiter des SLF Davos. Ausserdem hat er bei Unfällen verschiedentlich als Gutachter gewirkt.

Munter hat eine neue Methode der Risikoeinschätzung bei Lawinengefahr, die so genannte Reduktionsmethode, entwickelt und mehrere Bücher geschrieben, darunter «Drei mal drei Lawinen».

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