Schweiz

«Heute mit der Expo 2020 beginnen»

27. Juli 2007, 22:17

Das Filmfestival Locarno feiert Jubiläum. Doch sein Präsident Marco Solari denkt schon weiter: Er schlägt zur Eröffnung des Gotthardtunnels eine Expo 2020 in Uri und im Tessin vor.

Tourismus-Präsident Marco Solari wünscht sich am Gotthard «ein grosses Projekt mit dem Ziel, dort einen respektvollen grünen Tourismus zu entwickeln».
Tourismus-Präsident Marco Solari wünscht sich am Gotthard «ein grosses Projekt mit dem Ziel, dort einen respektvollen grünen Tourismus zu entwickeln».
Mit Marco Solari sprachen Peter Hartmeier und Christina Leutwyler

Am kommenden Mittwoch beginnt das 60. Internationale Filmfestival von Locarno. Was dürfen die Besucher von der Jubiläumsausgabe Besonderes erwarten?

Das Filmfestival hat sich immer wieder durch Inhalt, durch Substanz ausgezeichnet, nicht durch Glamour. Die Identität dieses Festivals ist die «diversità», das Anderssein. Der künstlerische Direktor Frédéric Maire hat letztes Jahr für seine erste Ausgabe konsequent auf Inhalt gesetzt und damit Erfolg gehabt. Das soll auch beim 60. Festival so sein.

Die Filmfestivals von Cannes und Venedig trumpfen mit Stars auf. Nicolas Bideau, der Chef der Sektion Film im Bundesamt für Kultur, hat kritisiert, in dieser Hinsicht laufe in Locarno zu wenig. Wie sieht Ihr «Red Carpet»-Konzept aus?

Ein bisschen Glamour gehört dazu, aber er ist nicht die «raison d_être» des Filmfestivals. Wenn schon Glamour, dann intelligenter: Susan Sarandon, Ken Loach. Das sind Leute, die etwas zu sagen haben.

Nächste Woche gibt der Bund bekannt, mit welchen Beiträgen er in den kommenden drei Jahren die verschiedenen Schweizer Filmfestivals unterstützt. Bekommt Locarno vom Bundesamt für Kultur mehr als die bisherigen 1,2 Millionen Franken?

Für alle Festivals stehen 2,5 Millionen Franken zur Verfügung. Ich muss egoistisch dafür einstehen, dass Locarno mehr bekommt als bisher, auch wenn das den anderen weh tut. Nun beruht aber die ganze Schweiz auf tausend subtilen Gleichgewichten. Deshalb träume ich hin und wieder von einer speziellen «Lex Locarno». Denn dieses Filmfestival hat nicht nur einen kulturellen Zweck, sondern ist für die Schweiz insgesamt wichtig.

Wie viel also erwarten Sie vom Bund?

Wir gehen realistischerweise von 1,5 Millionen Franken aus. Es wäre aber mehr nötig.

Soll sich der Staat in der Kulturförderung auf gewisse Spitzenanlässe konzentrieren oder alle ein bisschen unterstützen?

Zunächst einmal: Kultur ohne Mäzene gibt es nicht. Das war schon immer so. Es gäbe keinen Borromini, keinen Maderno, keinen Fontana, keine Trezzinis, wenn es nicht Päpste, Könige, Zaren gegeben hätte, die damals bezahlt haben. Diese Rolle muss heute der Staat übernehmen.

Der schweizerische Staat hat immer etwas Mühe mit der Förderung des Elitären . . .

. . . Vielleicht weil er kein Staat ist, sondern ein Bund von verschiedenen Staaten.

Er unterstützt viele ein bisschen, um nicht Stellung nehmen zu müssen?

Dafür habe ich Verständnis. Ich erinnere daran, dass die 700-Jahr-Feier nicht zentral, sondern dezentral durchgeführt wurde. Auch der Entscheid, einen Neat-Tunnel durch den Lötschberg zu bauen, ist in dieser Logik zu sehen. Der Sonderfall Schweiz besteht aus Gleichgewichten. Da wäre es sehr unschweizerisch, sich auf eine Veranstaltung zu konzentrieren.

Locarno gibt jedes Jahr eine halbe Million für den Auf- und Abbau der provisorischen Infrastruktur aus. Wie lange noch?

Erstens: Gäbe es einen «Palazzo del Cinema», müssten wir zweifellos Miete bezahlen – und diese wäre nicht klein. Zweitens: Locarno verlöre einen Teil seines Charmes, wenn statt im offenen Spazio Cinema mitten im Sommer in einem geschlossenen Saal debattiert werden müsste. Dieser Palazzo ist nötig. Aber nicht für das Festival, sondern für die Zukunft des Locarnese als Tourismusregion.

Wer über die Homepage von Ticino Turismo ein Zimmer fürs Festival buchen will, muss nach Bellinzona oder Lugano ausweichen. Fehlt es im Locarnese an Hotelzimmern?

Ja.

Wie viele?

Eine Quantifizierung ist schwierig. Sicher ist: Es muss in allen Kategorien mehr Betten geben.

Wer soll in diese Hotels investieren?

Wir veranstalten im September einen Tourismustag, an dem ich einige provokative Fragen stellen will. Eine davon lautet: Tessiner Tourismus im Jahr 2020 – Touristen ohne Hotels? Es werden Vertreter der Banken und Hotellerie diskutieren.

Konkret: Das Hotel Reber in Locarno-Muralto wurde aus kurzfristigen familiären Überlegungen geschlossen.

Man kann kein Hotel mehr führen in der vierten Generation, wenn zwanzig Cousins ausbezahlt werden müssen.

Die Nachfrage nach Immobilien und der Druck auf die Hotellerie dürften steigen, wenn die Lex Koller aufgehoben wird, wie dies der Bundesrat will. Was halten Sie davon?

Schauen Sie sich um: Diese Gegend ist zu schön. Wer wollte hier kein Haus bauen! Die Immobilienpreise im Tessin sind tiefer als im benachbarten Italien. Doch das ändert jetzt rasch, weil die Grenzen aufgehen und das Tessin zur privilegierten Gegend für ganz Norditalien wird. Die Preise werden rasant steigen. Wenn der Quadratmeterpreis so 20’000 Franken erreicht, wird es wirklich schwierig, ein Hotel weiterzuführen.

Da müssten Sie als Touristiker doch gegen die Aufhebung der Lex Koller sein.

Luganos Zukunft liegt in der Zusammenarbeit mit der Dienstleistungsregion rund um den Mailänder Flughafen Malpensa. Da hat eine Lex Koller keinen Platz mehr. Sie wird langsam zum Anachronismus.

Der St. Moritzer Verkehrsdirektor Hanspeter Danuser fordert, der Zweitwohnungsverkauf im Engadin müsse gestoppt werden. Sonst gingen die Landschaft und die Hotellerie kaputt.

Er hat im Prinzip ja Recht, und ich würde das auch gerne sagen. Aber ich bin Realist. Beschränkungen werden langfristig nichts bewirken.

Die Kantone könnten flankierende Massnahmen ergreifen, zum Beispiel den Zweitwohnungsanteil beschränken.

Wenn es uns beruhigt, machen wir das. Aber im Tessin geht es nicht nur um Zweitwohnungen. Italiener suchen hier zunehmend auch Erstwohnungen.

Wie wird denn das Locarnese im Jahr 2020 aussehen?

Da kommen wir zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Das Tessin war und bleibt geteilt in Norden und Süden: geologisch, historisch, kulturell. Salopp gesagt: Das Sopraceneri ist die südlichste Region Mitteleuropas, das Sottoceneri die nördlichste Provinz des levantinischen Reichs. Das Sopraceneri hat nur eine Chance: Kultur, Grossevents, Tourismus. Alles andere ist reine Illusion. Das Locarnese muss sich überlegen, was es will. Ohne Hotels wird es zum Altersheim.

Aber es fehlen ja heute schon Hotelbetten.

Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Radisson, Accor, Mövenpick, Ramada oder wer auch immer kommt und Hotels baut. Das hat Ramada ja auch in Solothurn getan.

Was ist mit dem Tessin oberhalb von Bellinzona?

Das ist das vergessene Tessin. Es ist geschichtlich sehr eng mit der Deutschschweiz verbunden. Noch heute ist der grösste Fanklub von Ambri-Piotta in Uri. Diese Täler dürfen nicht aussterben. Sie brauchen ein grosses Projekt mit dem Ziel, dort einen respektvollen grünen Tourismus zu entwickeln.

Grüner Tourismus dank einem grossen Projekt?

2020 wird eines der grössten Bauwerke eröffnet, der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel. Das bedeutet eine Revolution. Natürlich verbindet er zunächst einmal Erstfeld mit Bodio, dann aber auch Zürich mit Mailand und vor allem das zusammenwachsende Mitteleuropa mit der dynamischen Mittelmeerregion. Jetzt sage ich ein Stichwort, bei dem alle aufschreien werden: Expo 2020. Das braucht es zur Eröffnung des Gotthardtunnels. Es genügt nicht, ein Band durchzuschneiden, wie man es beim Lötschbergtunnel gemacht hat. Das war Mittelmass.

Wie stellen Sie sich eine Expo 2020 vor?

Es muss gelingen, an den beiden Tunnelportalen in Uri und im Tessin etwas auf die Beine zu stellen, das eine europäische Dimension hat. Wir müssen heute mit der Expo 2020 beginnen. Es braucht ein Urkomitee von ein paar Leuten, die daran glauben. Das sind vielleicht auch 60-Jährige. Aber sie müssen etwas auslösen, das die nächste Generation verwirklichen kann.

Wen sehen Sie denn in diesem Urkomitee?

Aus Uri vielleicht Franz Steinegger – auch wenn er davon noch gar nichts weiss. Dann braucht es Sponsoren. Ich weiss schon, bei wem ich zuerst anklopfe.

Bei wem?

Das kann ich noch nicht sagen. Nur so viel: Ich denke an eine Institution, die auch historisch mit dem Gotthard verbunden ist. Wenn sich dann die Urner und die Tessiner Regierung begeistern lassen, dann wird Bern nicht mehr Nein sagen können. Und wenn eine Bundesrätin, ein Bundesrat mitzieht und alle begeistert, ist die Sache gewonnen.

Suchen Sie einen neuen Job?

Natürlich nicht.

Die Expo 02 war so angelegt, dass sie praktisch keine Spuren hinterlassen hat. Sehen Sie das für 2020 auch so?

Nein, nein – im Gegenteil. Ziel der Schweiz muss es auch sein, sich in Europa einzubringen und die Sensibilität für die Alpenregion, für die Berge, zu entwickeln. Der EU-Staat Ungarn etwa hat keine Beziehung zu den Bergen, da er ein Land der Ebenen ist. Die Expo 2020 muss zum Projekt der ganzen Schweiz werden. Die Sponsoren müssten jetzt beginnen, jedes Jahr einen Betrag auf die Seite zu legen. Bis 2020 käme eine stattliche Summe zusammen – eine Milliarde, anderthalb.

Mit wem haben Sie die Idee der Expo 2020 schon diskutiert?

Erstens hat meine Frau sie gut gefunden, das zählt. Ein zweiter, der sofort begeistert reagiert hat, war Mario Botta. Ich sage es noch einmal: Wir sind 60, wir werden die Expo 2020 nicht realisieren. Aber wir können den Grundstein legen.

Und wer hat noch positiv reagiert?

Ein Freund, Felix Ehrat.

Der Verwaltungsratspräsident der Banca del Gottardo . . .

. . . als Freund, nicht als Verwaltungsratspräsident. Voilà, das muss genügen für den Anfang. Wir dürfen die Idee jetzt nicht zerreden. Sie ist wichtig für das Tessin, für Uri, für die Schweiz.

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