Lysser verlangen Massnahmen

30. August 2007, 14:26

Die Hochwasserlage im Berner Seeland hat sich entspannt. In Lyss fordern die Einwohner, dass der Hochstollen für den Lyssbach schnell gebaut werde.

Ein Auto wurde in Lyss vom Wasser weggeschwemmt.
Keystone Ein Auto wurde in Lyss vom Wasser weggeschwemmt.

Nach dem Nachlassen der intensiven Niederschläge hat sich die Lage in den Hochwassergebieten am Donnerstag zusehends entschärft. Der Lyssbach, der am gestern Abend gegen ein Drittel der Gemeinde Lyss überflutete, kehrte wieder in sein Bett zurück. Auch der Pegel des Bielersees, der innert kurzer Zeit massiv angestiegen war, stabilisierte sich in der Nacht. Die Zuflüsse von Aare und Saane führten nicht sehr hohe Wassermengen mit sich und ein Teil des Wassers floss durch den Zihlkanal in den Neuenburgersee zurück, wie der Regierungsstatthalter von Nidau, Werner Könitzer, im Regionaljournal Bern, Freiburg, Wallis von Radio DRS sagte.

Mit dem Absinken der Pegel begannen die Aufräumarbeiten. Diese wurden in Lyss jedoch durch den nach wie vor sehr hohen Grundwasserspiegel behindert. Da viele Keller noch nicht ausgepumpt werden konnten und mehrere Schadensorte nicht zugänglich waren, war auch das Ausmass der Schäden nicht abschätzbar, wie Bernhard Müller von der Berner Gebäudeversicherung (GVB) auf Anfrage sagte. Vielerorts seien gerade erst die Reparaturen der letzten Hochwasserschäden vollendet worden. Zu den in diesem Sommer von der GVB bisher verzeichneten gegen 15'000 Schadensfällen im Umfang von total über 140 Millionen Franken dürften jedenfalls zahlreiche weitere hinzu kommen.

Forderungen an Politik

Gerade in Lyss haben viele Bewohnerinnen und Bewohner zum dritten Mal in diesem Sommer einen Hochwasserschaden erlitten. «Die gleichen Leute haben zum dritten Mal innert zwei Monaten die Keller voll,» sagte der Berner Regierungsrat Andreas Rickenbacher im Regionaljournal. Diese erwarteten nun natürlich vom Kanton, dass dieser sich überlege, wie es weitergehen soll.

Beschleunigt werden soll insbesondere der Bau eines Hochwasserstollens in Lyss, wie Fritz Ruchti, Präsident des Gemeindeverbands Lyssbach, auf Anfrage sagte. Die Genehmigung des Projekts sei in den kommenden Tagen oder Wochen zu erwarten. Jetzt müsse mit Bund, Kanton und Gemeinden ein schnellerer Finanzierungsmodus für den rund 35 Millionen Franken teuren Bau gefunden werden. «Lyss muss schnellstens geschützt werden», sagte Ruchti. Es gehe nicht, dass die Gemeinde jährlich Schäden von rund 100 Millionen Franken erleide. Er fügte an, in allen Gemeinden entlang des Lyssbachs seien in den vergangenen 20 Jahren viele Böden verbetoniert worden. Zudem werde auch das zweispurige Geleise der SBB in den Lyssbach entwässert. In diesem Sommer seien jetzt die Konsequenzen zu sehen gewesen.

Die Schäden in der Gemeinde seien katastrophal, sagte der Regierungsstatthalter des Amts Aarberg, Gerhard Burri. Sie seien «eindeutig» viel grösser als bei den zwei bisherigen Überschwemmungen von Lyss in diesem Jahr. Burri schätzt die Schäden auf Dutzende von Millionen Franken. Vom jüngsten Unwetter betroffen ist mindestens ein Viertel des Siedlungsgebiets der 11'000-Seelen-Gemeinde.

Besuch der Baudirektorin

Die bernische Bau-, Verkehrs- und Energiedirektorin Barbara Egger besuchte heute Vormittag Lyss. Der Kanton will im Verlauf des Tages Stellung nehmen zu den neusten Überschwemmungen im Seeländer Ort. Dort besteht seit vielen Jahren ein Projekt für einen Hochwasserentlastungsstollen.

Die Konsequenzen der Hochwasser waren zum Teil auch noch auf den Strassen und Schienen zu sehen. So bleibt die BLS-Strecke zwischen Neuenburg und Bern mindestens bis Samstag unterbrochen, da zwischen Ins (BE) und Kerzers (FR) die Geleise unter Wasser standen. Auch mehrere Strassen im Berner Jura und im Seeland waren nach wie vor wegen Hochwasser gesperrt.

Im Berner Seeland bleiben zahlreiche Bahn- und Strassenverbindungen unterbrochen. Die Bahnlinie Bern–Neuenburg bleibt zwischen Ins und Kerzers noch mindestens bis Sonntag gesperrt. Die Pendler im Morgenverkehr mussten in Ins und Kerzers auf Ersatzbusse umsteigen oder den Umweg über Biel in Kauf nehmen, wie ein BLS-Sprecher auf Anfrage sagte. Die Regenfälle hatten gestern die Geleise bei Ins unterspült. Es seien geologische Abklärungen notwendig. Im Berner Seeland bis in den Oberaargau fielen bis heute Morgen 45 bis 60 Liter Regen pro Quadratmeter – etwa die Hälfte der normalen Augustmenge. Grosse Schäden richteten die Unwetter auch in den Kantonen Solothurn und Aargau an.

Luzern: Einfamilienhäuser evakuiert

Die schweren Unwetter haben auch im Kanton Luzern zu Überschwemmungen und Erdrutschen geführt. Zahlreiche Feuerwehren standen im Einsatz. In Richenthal und Kaltbach mussten Einfamilienhäuser evakuiert werden. Betroffen waren rund 12 Personen, sagte der kantonale Feuerwehrinspektor Hans-Peter Spring auf Anfrage. In Richenthal wurden drei Häuser geräumt; teilweise wurden deren Keller mit Schlamm vewüstet.

In Kaltbach wurde ein Haus vorsorglich wegen drohender Rutschgefahr evakuiert. Alle vier Häuser konnten am Donnerstagmorgen noch nicht wieder bezogen werden. Auch andernorts im Luzerner Hinterland und im unteren Wiggertal traten gestern Abend Bäche über die Ufer. Es kam zu einzelnen Überschwemmungen sowie zu grösseren und kleineren Rutschungen. Laut Spring seien grössere Schäden aber ausgeblieben.

Die Glückskette sammelt auch für die Betroffenen des jüngsten Unwetters. Sie erinnerte an ihr vor zwei Wochen eingerichtetes Spendenkonto für Härtefälle. Darauf sind bisher 1,67 Millionen Franken eingegangen.

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