Die kritische Grenze liegt bei 25 Schülern
13. September 2007, 21:45 Von Antonio CortesiDie Lehrer haben es schon immer gewusst. Jetzt gibt ihnen eine Studie Recht: Zu grosse Klassen drücken auf den Lernerfolg. Leidtragende sind dabei vor allem fremdsprachige Schüler.
Was ist die ideale Grösse für eine Schulklasse? Die Frage beschäftigt Pädagogen, Politiker und Eltern seit eh und je. Virulent ist sie aber erst geworden, seit die Behörden im Anheben der Klassengrössen ein Sparpotenzial entdeckten.
So auch im Kanton Zürich. Um Personalkosten einzusparen, hat die Bildungsdirektion vor drei Jahren die durchschnittlichen Klassengrössen um 1,5 Schüler erhöht – auf 19,7 an der Primar- und auf 18 an der Oberstufe. Die Gegenreaktion folgte auf dem Fuss. Angeführt vom damaligen Stäfner Schulpflegepräsidenten und heutigen SP-Nationalratskandidaten Daniel Jositsch, reichten Lehrer- und Schulpflegeverbände eine Volksinitiative «Gegen die Erhöhung der Klassengrössen» ein.
Schützenhilfe für Zürcher Initiative
Inzwischen hat das Volksbegehren, das im Februar an die Urne kommen soll, im Zusammenhang mit der Debatte um Jugendgewalt zusätzliche Brisanz erhalten. In grossen Klassen, monieren die Initianten, seien nicht nur die Lernbedingungen schlecht. Auch die disziplinarischen Probleme, somit das Gewaltpotenzial, nähmen zu. Dies sei vor allem dann der Fall, wenn die Schülerzahl über der Richtgrösse – im Kanton Zürich zurzeit 25 Schüler – liege. Laut den Initianten ist die Zahl von solchen übergrossen Klassen seit dem Sparbefehl explosionsartig gestiegen: von 150 auf 405.
Schützenhilfe erhalten die Initianten jetzt aus St. Gallen. Der Zürcher Bildungsforscher Urs Moser hat im Auftrag der kantonalen Erziehungsdirektion den Zusammenhang zwischen Klassengrössen und Schülerleistungen untersucht. Die Studie basiert auf Vergleichstest in den Fächern Deutsch und Mathematik, an der über 2500 Real- und gegen 6000 Sekundarschüler (8. Klassen) beteiligt waren. Die Ergebnisse:
Die Leistungen sind in Klassen mit mehr als 25 Schülern in der Tat signifikant schlechter als in kleineren Klassen – sowohl in Deutsch als auch in Mathematik.
Im Fach Deutsch sinkt dabei aber die Leistung fremdsprachiger Schüler drei Mal so stark wie jene der Deutschsprachigen. In Mathematik ist der Vorsprung der Schweizer Schüler etwas geringer.
In Klassen mit einem hohen Anteil von Fremdsprachigen leiden nur diese selber. Die Leistungen der Deutschsprachigen verschlechtern sich selbst in Klassen mit über 40 Prozent Fremdsprachigen bloss minim.
Von geringerer Tragweite als für Zürich sind die Ergebnisse allerdings für den Auftraggeber der Studie – im Kanton St. Gallen gibt es gerade Mal zwei Dutzend Klassen mit über 25 Schülern. Erziehungsdirektor Hans Ulrich Stöckling sparte deshalb heute nicht mit Eigenlob. Dennoch gebe es auch für ihn «eine Lehre aus dem Krieg». So müsse künftig bei der Klassenzuteilung konsequenter darauf geachtet werden, dass der Anteil Fremdsprachiger nicht zu gross sei.
Gängiges Vorurteil widerlegt
Zudem nahm Stöckling befriedigt zur Kenntnis, dass Klassen mit vielen Fremdsprachigen den Lernerfolg von deutschsprachigen Kindern kaum beeinträchtigten. Damit sei ein gängiges Vorurteil von Schweizer Eltern widerlegt. Allerdings, räumt Stöckling ein, sorgten sich diese Eltern zu Recht um das ungünstige soziale Klima in solchen Klassen: «Gerade in städtischen Agglomerationen kommt es dabei oft zu Ghettoklassen.»
Laut Urs Moser widerlegt die Studie aber auch die gängige Meinung «Je kleiner die Klasse, umso besser». Für den Lernerfolg wichtig sei nicht allein die Schülerzahl, sondern eine gesunde Durchmischung. Claudio Zingg, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich, geht noch weiter. «In allzu kleinen Klassen besteht die Gefahr, dass Kinder, die von der Norm abweichen, vorschnell stigmatisiert und sonderpädagogischen Massnahmen zugewiesen werden.» Zudem erhielten schwächere Schüler zwar mehr Zuwendung vom Lehrer, trauten sich dadurch aber selber zu wenig zu und gerieten in einen «Hilflosigkeits-Status».
Und eine Binsenwahrheit
Unbestritten ist, dass grosse Klassen die Lehrpersonen stärker belasten. Sie müssen mehr Aufsätze korrigieren und mit mehr Eltern in Kontakt stehen. Urs Moser erinnert aber auch an eine Binsenwahrheit: «Letztlich ist nicht die Klassengrösse, sondern die fachliche Qualifikation des Lehrers der entscheidende Faktor.» In anderen Worten: Ein schlechter Lehrer wird auch in kleinen Klassen wenig Erfolg haben.
Schweiz
Meistgelesen in der Rubrik Schweiz
«Woodtli, gönd ane und säged öppis»
Body Coach
-
Der BodyCoach hilft Ihnen, gesund und nachhaltig abzunehmen. Er stellt einen individuellen Ernährungsplan zusammen, erstellt Einkaufslisten, schlägt Rezepte vor und unterstützt Sie beim Training.











