Raser von «Gutachter zu positiv gesehen»
15. September 2007, 12:22Das Gutachten im Aargauer Autorowdy-Fall wird noch zu reden geben. Eine Expertin ruft aber auch die Richter auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen.
Mit Jacqueline Bächli-Biétry* sprach René Staubli
In Wohlen (AG) hat ein Mann die fast 15-jährige Tiziana Bertone totgefahren. Ein Verkehrspsychologe hatte empfohlen, ihm den Fahrausweis zurückzugeben, der ihm zuvor in zehn Jahren nicht weniger als sechsmal entzogen worden war. Da ist wohl etwas schief gelaufen.
Man muss einräumen, dass der Gutachter in diesem Fall den Mann zu positiv gesehen hat - wenn auch sicher nicht mit Absicht.
Wird Ihr Verband darauf reagieren?Wir werden überprüfen, wer die beiden Gutachten gemacht hat, und diskutieren, wie das passieren konnte. Dabei geht es nicht darum, jemanden fertig zu machen, sondern um Qualitätsverbesserung.
Ist der Vorwurf berechtigt, verkehrspsychologische Gutachten seien oft zu mild?Man hört das zuweilen - auch von der Zürcher Staatsanwaltschaft. Es ist jedoch nicht unser Auftrag, zurückliegende Delikte zu beurteilen. Wir müssen einzig die aktuelle charakterliche Fahreignung einer Person überprüfen. Konkret: Anerkennt sie ihr früheres problematisches Verhalten? Will sie sich bessern? Kann sie sich kontrollieren? Im äussersten Fall können wir empfehlen, jemanden für Jahre zu sperren. Wir tun das aber selten, denn es ist nicht unsere Aufgabe.
Was dazu führt, dass Rowdys ein Lippenbekenntnis ablegen und sich ins Fäustchen lachen, wenn sie den Ausweis wieder haben - wie im jüngsten Aargauer Fall.Wenn die Richter ihren Handlungsspielraum endlich ausschöpfen würden, könnte das unterbunden werden. Sie hätten diesem Mann unbedingt ein fünfjähriges Fahrverbot auferlegen müssen. Stattdessen wird der schwarze Peter meistens weitergereicht, um dann, wenn wieder etwas passiert, den Verkehrspsychologen die Schuld zuzuschieben.
Wie leicht ist es denn, einer Verkehrspsychologin ein X für ein U vorzumachen?Nicht so leicht, wie Sie denken. Wer wirklich einsichtig ist in sein Fehlverhalten, reflektiert das ganz anders als jemand, der eine Show abzieht. Wir führen bei einer Abklärung ein rund zweistündiges Gespräch. Danach folgen Tests, die zeigen, wie jemand unter Stress funktioniert; zum Beispiel, wenn es gilt, in einer Art Simulator nur so viel Gas zu geben, dass das Auto sauber auf der Spur bleibt. Dazu kommen Persönlichkeitsfragebogen. Dort läuft eine Lügenskala mit, sodass wir merken, wenn jemand manipuliert.
Wie viele verkehrspsychologische Gutachter gibt es in der Schweiz?In einer Untergruppe der Schweizerischen Vereinigung für Verkehrspsychologie sind 16 Gutachter organisiert. Wir treffen uns viermal jährlich, um schwierige Fälle zu besprechen und Arbeitsstandards festzulegen, die für alle gelten.
Wie viele Gutachten erstellen Sie pro Jahr?Zusammen mit einer Mitarbeiterin rund 350, davon 100 bis 150 in Raserfällen.
Hat ein Strassenverkehrsamt die Freiheit, Ihr Gutachten zu ignorieren?Ein Gutachten ist nicht bindend. Aber es ist unüblich, dass es nicht akzeptiert wird. Es handelt sich ja um eine Expertenmeinung, die das Amt eingeholt hat, um eine Massnahme abstützen zu können.
Wer fällt den Entscheid über die Dauer eines Führerausweisentzugs?Gutachter haben sich nicht zur Entzugsdauer zu äussern. Wir geben aber an, wie die Fahreignung einer Person wiederhergestellt werden könnte. Zum Beispiel durch Therapien, Verkehrsunterricht oder Lernprogramme. Am Ende entscheidet das Strassenverkehrsamt allein.
Wie sind Sie zufrieden mit der Arbeitsqualität der Verkehrspsychologen?Das Verantwortungsbewusstsein hat in den letzten Jahren zugenommen. Ich bin aber der Meinung, dass man es immer noch besser machen könnte.
* Jacqueline Bächli-Biétry ist Verkehrspsychologin. Sie arbeitet als Gutachterin für das Zürcher Institut für Rechtsmedizin und war Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Verkehrspsychologie.



























