«Wenn zu Hause Waffen sind, ist das Risiko erhöht»

11. September 2007, 08:16

In Österreich hat ein strengeres Waffengesetz Menschen vor dem Tod bewahrt. Das zeigt die Studie des Wiener Psychiaters Nestor Kapusta.

Mit Nestor Kapusta* sprach Martina Frei

Weltweit nehmen sich rund eine Million Menschen pro Jahr das Leben. Daran erinnerten die Organisatoren des gestrigen Welt-Suizid-Präventionstags. Was die Tötung mit Schusswaffen betrifft, retten strengere Gesetze offenbar Menschenleben, wie eine aktuelle Studie aus Österreich ergab. Weil das Land EU-Weisungen folgen musste, trat dort im Juli 1997 ein restriktiveres Waffengesetz in Kraft. Unter anderem müssen Personen, die bestimmte Waffen erwerben wollen, nun zum psychologischen Test. Die Händler geben manche Waffen erst verzögert ab, nach einer «Abkühlfrist» von drei Tagen.

Herr Kapusta, Sie haben die Schusswaffensuizide in Österreich von 1985 bis 2005 untersucht. Was haben Sie festgestellt?

Die Zahl der Schusswaffensuizide ist deutlich gesunken. Auch die Zahl der Tötungen mit Schusswaffen ging zurück.

Die Gesamtsuizidraten in Österreich sinken aber seit längerem. Da scheint es logisch, dass es auch weniger Schusswaffensuizide gibt.

Das stimmt so nicht. Die Gesamtzahl der Suizide geht zwar seit 1986 gleichmässig zurück. Aber vor 1996 nahm der Anteil der Schusswaffensuizide steil zu, seither fiel er stetig ab.

Die verschiedenen Studien zu diesem Thema haben bisher jedoch teilweise widersprüchliche Ergebnisse geliefert.

Ja. Berücksichtigt man aber die Qualität dieser Studien, kann man unter dem Strich sagen, dass man Todesfälle verhindern kann, indem man die Verfügbarkeit von Schusswaffen einschränkt. Ich meine, die Evidenz ist eindeutig: Wenn zu Hause Waffen sind, ist das Risiko erhöht, dass die Waffe benützt wird. Und es gibt auch mehr Unfälle damit.

Waffenbefürworter wenden ein, dass Suizidenten auf andere Methoden ausweichen, wenn Sie keine Waffe zur Verfügung haben.

In unserer Studie haben wir keinen solchen «Switch» beobachtet. Ich wäre mit dieser Aussage auch vorsichtig. Betrachtet man alle Studien zu dem Thema, ist ein «Switch» weder bewiesen noch widerlegt. Man muss zudem bedenken, dass ein Suizidversuch mit einer Waffe meist tödlich endet. Bei anderen Methoden ist die Chance grösser, dass man noch rechtzeitig Hilfe erhält und mit dem Schrecken davonkommt.

Im Herbst wird der Nationalrat hier diskutieren, ob die Armeemunition künftig im Zeughaus verbleiben soll. Was empfehlen Sie aus Ihrer Sicht als Wissenschaftler?

Ich bin nicht für generelle Beschränkungen. Aber man sollte sich nüchtern überlegen, welche Massnahmen gesundheitsfördernd sein können. Wo Waffen leicht zu bekommen sind, helfen Einschränkungen, um Suizide und Tötungen zu verhindern. Eine Waffe ohne Munition etwa kann nicht viel anrichten. Das wäre also eine Möglichkeit. Beim Verkauf könnte man überlegen, die «Abkühlfrist» zu verlängern.

* Nestor Kapusta ist Psychiater an der Wiener Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie.

Schweiz

Bootsdrama auf dem Bielersee

Der Fall Jörg Kachelmann

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

Roger Schaeli bloggt aus der Wand

Weltwirtschaft für Dummies

Die Top-Themen im

Leichtathletik-EM in Barcelona

Top-Themen in

Countdown zur Leuenberger-Ersatzwahl

Die neue EU-Debatte

TA+: Bonus für die Leser

Debatte um Videobeweis im Fussball



© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten