Jungfrau-Drama: Aufstieg trotz erheblicher Lawinengefahr
04. Oktober 2007, 21:47 Von Daniel FoppaDie an der Jungfrau verunfallten Soldaten haben die tödliche Lawine höchstwahrscheinlich selbst ausgelöst. Dies stellten Experten fest. Nun wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.
«Wir wissen nun, was am 12. Juli an der Jungfrau geschehen ist», sagte der militärische Untersuchungsrichter Christoph Huber vor den Medien. An jenem Tag waren sechs junge Soldaten im Aufstieg zum Jungfrau-Gipfel rund tausend Meter tief in den Tod gestürzt. In den Medien wurde anschliessend auf Grund von Informationen der Armee und der Militärjustiz spekuliert, ob eine Lawine für das Drama verantwortlich war oder ein Mitreissunfall.
«Nach unserer Beurteilung ist der Absturz auf einen Lawinenniedergang zurückzuführen. Eine andere sinnvolle Erklärung gibt es nicht», sagte Jakob Rhyner vom Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF Davos. Die SLF-Experten haben im Auftrag des militärischen Untersuchungsrichters ein Gutachten erstellt. Noch am Unglückstag waren sie zur Absturzstelle geflogen worden, um den Schneeaufbau zu analysieren. Neben diesen Abklärungen sind auch Befragungsprotokolle in das Gutachten eingeflossen. Huber hat nun auf Grund der Ergebnisse des Gutachtens, die der Öffentlichkeit nur zum Teil präsentiert wurden, eine Strafuntersuchung eingeleitet. Es richtet sich gegen die beiden militärischen Bergführer, die die Soldaten geführt hatten. Dabei handelt es sich um einen Deutschschweizer und einen Romand. Beide sind im Besitz des zivilen Bergführerpatents und weiterhin für die Armee tätig. Im Fall einer Verurteilung droht ihnen eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Eine Ausweitung des Strafverfahrens auf militärische Vorgesetzte schloss Huber nicht aus.
Soldaten waren in einem Extremhang
Wie Rhyner ausführte, bestand am Unfalltag in der Jungfrau-Region eine «erhebliche» Lawinengefahr. Das ist die dritthöchste von fünf Gefahrenstufen auf einer internationalen Lawinenskala, wobei bei der höchsten Stufe üblicherweise ganz auf Touren verzichtet wird. Laut Aussagen von anderen Alpinisten sei den Soldaten am Vorabend des Unglücks in der Mönchsjochhütte von der Tour abgeraten worden. Eine 14-köpfige Gruppe brach am nächsten Tag dennoch auf zum 4158 Meter hohen Jungfrau-Gipfel. Bereits auf dem Weg zum Unfallhang passierten die Soldaten mindestens zwei Stellen, die über 30 Grad steil sind und damit bei erheblicher Lawinengefahr ein erhöhtes Risiko darstellen.
Der Unfallhang selbst ist zwischen 40 und 45 Grad steil. «Auf Grund der Steilheit und der Exponiertheit ist dies aus lawinentechnischer Sicht ein Extremhang», sagte Rhyner. Durch den Hang führen zwei Routen; eine im Direktaufstieg und eine am linken Rand entlang von Sicherungsstangen. Die Soldaten wählten den Direktaufstieg. Ein Überlebender hatte nach dem Unglück erklärt, man habe sich dazu entschlossen, weil der Weg zu den Stangen durch eine Neuschnee-Mulde geführt hätte. Der Aufstieg wurde von zwei Dreier-Seilschaften angeführt, anschliessend folgten die beiden Bergführer und danach der Rest der Gruppe.
Während des Direktaufstiegs kam es zum verheerenden Niedergang der Lawine, die gemäss den Experten «höchstwahrscheinlich» von den Soldaten selbst ausgelöst wurde. Diese Feststellung stehe nicht im Widerspruch zu den Angaben eines Überlebenden, der nichts von einer Lawine bemerkt hatte. «Es ist durchaus möglich, dass ein Lawinenniedergang von den hinteren Personen nicht als solcher wahrgenommen wird», sagte Rhyner. Auch der Umstand, dass nach dem Niedergang der Lawine drei Eispickel der Abgestürzten im Schnee steckend gefunden wurden, spreche nicht gegen die Lawine. «Ein Pickel kann den Schneemassen widerstehen», sagte der Experte. Anders sei das bei einer Seilschaft. «Ob man sich am Pickel festhalten kann oder nicht, entscheidet sich innert Sekundenbruchteilen. Das ist reine Glücksache».
Schuldfrage bleibt vorerst offen
Huber erklärte, dass auch nach der Eröffnung der Strafuntersuchung die Schuldfrage offen bleibe. Nun gehe es um die Beantwortung der Fragen, ob die Bergführer vor Ort situativ richtig gehandelt haben, oder ob sie spätestens am Rottalsattel hätten umkehren müssen. Zentral sei auch die Frage, ob die Verantwortlichen die Lawinengefahr im Unfallhang als solche hätten erkennen müssen. Gemäss Huber liefert das Gutachten klare Indizien zur Beantwortung dieser Frage. Näher dazu äusserte er sich nicht.




























