Beim Cisalpino sind Verspätungen Routine
08. Oktober 2007, 18:49 Von René LenzinDie gute Nachricht: Es gibt Cisalpino-Neigezüge, die pünktlich sind. Und nun die schlechte: Sie sind Ausnahmen. Ein Selbsterfahrungstrip.
Montag, 3. September. Ganz Mailand beginnt nach den Sommerferien wieder zu leben. Ganz Mailand? Nein, die Cisalpino-Crew ist noch in den Ferien. Jedenfalls steht der 7.10-Uhr-Zug nach Zürich zur Abfahrtszeit nicht im Bahnhof. Um eine verspätete Ankunft kann es sich nicht handeln, weil hier der Ausgangspunkt der Fahrt ist. Irgendeinmal trudelt der CIS 156 dann doch noch ein mit dem Resultat, dass er mit 25 Minuten Verspätung in Lugano ankommt. Und das auf eine Fahrzeit von einer Stunde.
Dies war der Auftakt zu einem Monat voller verspäteter Züge. 15 Mal hat der Schreibende den CIS 156 im September benutzt, und nicht ein einziges Mal ist er zur fahrplanmässigen Zeit in Lugano angekommen. Die Verspätungen lagen zwischen zwei und 25 Minuten, aber nur vier der 15 Züge kamen innerhalb der Toleranzgrenze der SBB an (weniger als fünf Minuten Verspätung).
Auch wenn die notorischen Probleme der Pendolini nicht neu sind, ärgerlich bleiben sie allemal. Trost spenden könnten da die Worte des Cisalpino-Chefs: «In Italien ist ein Zug, der 15 Minuten verspätet ist, immer noch pünktlich», sagte Alain Barbey kürzlich in einem Interview. So gesehen, hätten tatsächlich «nur» noch drei von 15 Zügen Lugano zu spät erreicht. Aber selbst Barbey meint das nicht ganz ernst, will er doch «ein Schweizer Niveau an Pünktlichkeit» erreichen.
Jeder zweite hat Verspätung
Trost spenden könne sodann der Umstand, dass der CIS 156 noch längst nicht der Schlimmste ist. Sagt jedenfalls Sebastian Vassiliou, der seit Oktober 2006 eine Statistik aller Cisalpinozüge ins Internet stellt (www.cessoalpino.com). Der 26-jährige Informatikstudent fuhr regelmässig mit dem Pendolino von Lugano nach Zürich und fragte sich, ob Pannen und Verspätungen immer nur in den Zügen vorkamen, die er benutzte. Seine Erhebungen zeigen, dass die Züge Florenz-Mailand-Zürich und Triest-Mailand-Zürich die grössten Sünder sind. Der erste hatte im September 17 Mal mindestens eine Viertelstunde Ankunftsverspätung in Zürich, der zweite 16 Mal.
15,5 Prozent aller Neigezüge trafen im September zu spät am Endziel ein, sagt die Statistik weiter. Der Durchschnitt der Verspätung belief sich auf 32 Minuten. Nicht eingerechnet sind die fünf Pendolini, die nach Pannen gar nicht ankamen.
Die Verspätungsprobleme entstehen häufig in Italien. Auch das ist längst bekannt. Trost spenden könnte daher schliesslich die Aussicht, dass alles besser wird. «Ich habe schon gute Gespräche mit den Behörden in Italien geführt», sagte Barbey im besagten Interview jedenfalls hoffnungsvoll. Nur: Solche Gespräche wollen seine Vorgänger auch schon geführt haben, ohne dass sich etwas verbessert hätte. Kommt dazu, dass die neue Pendolino-Generation nicht wie ursprünglich geplant ab dem diesjährigen Fahrplanwechsel in Betrieb geht, sondern erst im Dezember 2008. Die Reisenden müssen also noch mindestens bis dann mit den pannenanfälligen aktuellen Neigezügen leben.
Herkömmliche Zugskompositionen sind weniger verspätungsanfällig, stellt Statistiker Vassiliou fest. Das bestätigt auch die tägliche Erfahrung auf der Strecke Lugano-Mailand. Allerdings halten diese Züge 20 Minuten in Chiasso für den Wechsel der Lokomotive und für die Zollabfertigung. Und sie haben ein um neun Minuten grosszügigeres Zeitbudget zwischen Como und Mailand, das sie in der Regel weidlich ausnützen. Häufig fahren sie von Monza fast im Schritttempo in den Mailänder Hauptbahnhof.
Der Regionalzug hat Vorfahrt
Bestens vertraut ist dem Pendler der Vorstadtbahnhof Greco Pirelli. Dort bleiben die Cisalpino-Züge öfter stehen, um einem Regionalzug die Vorfahrt für die Einfahrt in den Hauptbahnhof zu lassen. Eine Erklärung für den unvorhergesehenen Halt kommt dabei nie über die Lautsprecher, höchstens mal ein unwirsches «Aussteigen verboten!». Da lobt man sich doch das schweizerische Personal. Das hatte sich Anfang Monat für die 25-minütige Verspätung immerhin noch entschuldigt. Allerdings blieb es bei diesem einen Mal. Die weniger krassen Verspätungen gehören längst zur tristen Routine.
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