Die Bürgerlichen wohnen häufiger auf dem Land
14. Oktober 2007, 20:12 Von René Staubli und Jean-Martin BüttnerVertritt das Parlament die Schweiz angemessen? Wir haben untersucht, wo und wie die Räte wohnen. Resultat: Die bürgerliche Mehrheit lebt weitab der grossen Städte.
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Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Bewusstsein und das Abstimmungsverhalten von Politikern prägen. Der wichtigste ist wohl die Parteizugehörigkeit. Eine grosse Rolle spielt aber auch, wo Politiker wohnen: auf dem Land oder in einem städtischen Umfeld? Wie sie leben: in einem Einfamilien- oder in einem Mehrfamilienhaus? In welches gesellschaftliche, kulturelle und finanzielle Umfeld sie eingebettet sind: mit einem hohen oder niedrigen Ausländeranteil, in einer eher reichen oder armen Gemeinde? Diese Fragen haben wir so umfassend wie möglich abgeklärt und dabei überraschende Facetten entdeckt.
In seiner Mehrheit vertritt das Parlament die ländliche Schweiz. Bei den Bürgerlichen ist das besonders ausgeprägt, während die Linken die Städte weit stärker repräsentieren. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass Städter eher rotgrün wählen und Bürgerliche es dort schwerer haben, gewählt zu werden.
Städtische Anliegen haben es schwer
Als eigentliche Landpartei erweist sich die SVP: 78 Prozent ihrer Volksvertreter kennen urbane Verhältnisse nicht aus der eigenen Wohnsituation. Umgekehrt können nur 27 Prozent der SP-Politiker den ländlichen Alltag aus eigener Erfahrung beurteilen.
Zum Vergleich: Unter den Stimmberechtigten wohnen 12 Prozent in grossen Städten mit mehr als 100000 Einwohnern, 15 Prozent in mittleren und kleineren Städten mit mehr als 10000 Einwohnern, 23 Prozent in Agglomerationen und 50 Prozent auf dem Land.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die fünf grossen Städte Zürich, Genf, Basel, Bern und Lausanne (mit über 100000 Einwohnerinnen und Einwohnern), prozentual zu ihrer Wählerstärke zwar angemessen im Parlament vertreten sind. Aber nur deshalb, weil so viele linke Volksvertreter aus den Metropolen kommen. In der Regel setzt sich im Bundeshaus aber die bürgerliche Mehrheit durch. Und deren Vertreter sind an ihrem Wohnort wenig konfrontiert mit kulturellen Spannungen, mit Lärm und starkem Verkehr, mit der Luftverschmutzung, mit steigenden Mieten und mit den Kosten, die Städte für das Umland aufbringen müssen. Entsprechend schwer haben es städtische Anliegen im National- und im Ständerat.
SVP-Räte schätzen Einfamilienhäuser
Drei von fünf Parlamentariern wohnen in Einfamilienhäusern. Vor allem bürgerliche Politiker schätzen das eigene Heim; dort leben 70 Prozent von ihnen. Auch hier steht die SVP an der Spitze: Nicht weniger als neun von zehn SVP-Parlamentariern wohnen in Einfamilienhäusern – wozu auch Bauernhäuser gehören. Die FDP liegt mit 60 Prozent im parlamentarischen Schnitt, während acht von zehn Grünen in Mehrfamilienhäusern wohnen.
Auch wenn nicht alle ihre Einfamilienhäuser besitzen und umgekehrt manche ihre Wohnung in Mehrfamilienhäusern gekauft haben, lässt sich tendenziell sagen: Die Minderheit der Eigenheimbesitzer ist im Parlament über- und die Mehrheit der Mieterinnen und Mieter untervertreten. Laut Schätzungen besitzen 35 bis 45 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer ein Eigenheim – also deutlich weniger als unter den Parlamentariern.
Linke eher mit Ausländern zusammen
Mehr als die Hälfte aller Parlamentarier – nämlich 56 Prozent – wohnt an Orten mit einem unterdurchschnittlichen Ausländeranteil. Auch hier unterscheiden sich die Bürgerlichen deutlich von den Linken. Letztere kennen die Ausländerproblematik auf Grund ihrer Wohnsituation besser: 70 Prozent leben in Gemeinden mit überdurchschnittlichem Ausländeranteil. Bei den Bürgerlichen sind es lediglich rund 40 Prozent. Allerdings ist damit noch nicht gesagt, ob die Linken auch in Quartieren mit vielen Ausländern leben.
Klar ist aber: Überdurchschnittlich viele SVP-Volksvertreter wohnen in Gebieten mit einem unterdurchschnittlichen Ausländeranteil. Man kann also sagen, dass sie sich politisch intensiv mit einem Phänomen auseinander setzen, das ihnen – gemessen an ihrem Wohnort – eher fremd ist. Umso erstaunlicher ist, in welchem Mass die SVP die Ausländerpolitik dominiert.
Ebenso erstaunlich ist allerdings, wie wenig sich die Sozialdemokraten in diesem Thema hervorgetan haben, wo doch so viele von ihnen im Alltag damit konfrontiert sind. Die Detailauswertung zeigt, dass in keiner andern Partei prozentual so viele Vertreter in Orten mit hohen Ausländeranteilen von 31 bis 50 Prozent leben wie bei der SP. Der durchschnittliche Ausländeranteil in Schweizer Gemeinden liegt bei 20,7 Prozent (den Spitzenwert hält Renens VD mit 52,8 Prozent).
Räte leben an finanzschwachen Orten
Was die Steuern betrifft, stützen wir uns auf die so genannte Kopfquote. Dabei handelt es sich um den Bundessteuerertrag pro Kopf der Wohnbevölkerung einer Gemeinde oder Stadt im Jahr 2003, dem Datum der letzten Erhebung. Durchschnittlich lag die Kopfquote in der Schweiz damals bei 988 Franken. Sie reicht – um ein paar Wohnorte der Parlamentarier zu nennen – von 93 Franken in Romoos LU über 927 Franken in Chur und 1464 Franken in Genf bis 6976 Franken in Zumikon.
Je tiefer die Kopfquote, desto einkommensschwächer die Gemeinde. Diejenigen mit hohen Kopfquoten haben entweder eine überdurchschnittlich gut verdienende Einwohnerschaft oder aber einige Grossverdiener, welche die Quote in die Höhe treiben. Über die persönlichen finanziellen Verhältnisse der Parlamentarier gibt die Kopfquote keine Auskunft, wohl aber über das finanzielle Umfeld, in dem sie sich an ihrem Wohnort bewegen.
Laut unserer Auswertung leben zwei Drittel der Parlamentarier in Gemeinden mit unterdurchschnittlichen Kopfquoten (also unter 988 Franken). In solch einkommensschwachen Orten wohnen 70 Prozent der bürgerlichen und 57 Prozent der linken Kollegen. Einkommensstarke Gemeinden werden am besten von den Grünen und am schlechtesten von der CVP repräsentiert. Auch die Freisinnigen zieht es eher an einkommensstarke Orte, während SVP-Politiker sowohl in den einkommensstärksten als auch in den -schwächsten Gemeinden wohnen. Das hat unter anderem mit ihrer bäuerlichen Vertretung zu tun.
Ländlich ausgerichtet aus Tradition
Der Berner Politologe Werner Seitz sieht seine Erfahrungen durch die TA-Analyse bestätigt. Er leitete ab 1993 den Bereich «Wahlen und Abstimmungen» im Bundesamt für Statistik und führt dort seit 2004 die Sektion «Politik, Kultur, Medien». Seitz erklärt die ländliche Ausrichtung der bürgerlichen Parteien mit deren Ursprung: «Sowohl die CVP wie auch die SVP waren stets stark auf dem Land verankert.» Umgekehrt, sagt Seitz, «hatten die Rot-Grünen ihre Hochburgen traditionell in den Städten». Das alles bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Politik des Parlaments.
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