Schweiz

Es fehlt an Lehrstellen für Kinderbetreuerinnen

28. Oktober 2007, 20:20 – Von Andrea Fischer

In der Schweiz braucht es nicht bloss zusätzliche Krippenplätze, sondern auch mehr ausgebildetes Betreuungspersonal. Doch Lehrstellen für diesen Beruf sind ausgesprochen rar.

Als sie sich letztes Jahr entschloss, Kinderbetreuerin zu lernen, da wusste Caterina B., dass die Lehrstellensuche nicht einfach sein würde. Denn der Beruf ist bei jungen Frauen äusserst beliebt. Deshalb hat sie sich überall in ihrer Region bei Gemeinden und Krippen um eine Ausbildungsstelle bemüht. Ohne Erfolg. Inzwischen hat Caterina B. bereits die zweite Praktikumsstelle angetreten, in der Hoffnung, damit ihre Chancen auf dem Ausbildungsmarkt zu verbessern.

Ob ihre Rechnung aufgeht ist ungewiss, denn Lehrstellen sind rar. So meldeten sich jüngst 50 Interessentinnen auf das Internet-Inserat einer Tagesstätte im toggenburgischen Degersheim. Über 200 Bewerbungen verzeichnete die Kinderkrippe Wädenswil (ZH) bereits im letzten Herbst auf eine einzige Lehrstelle in diesem Jahr. Bei den städtischen Krippen von Zürich und Bern sind es jeweils mehrere Hundert für ein paar Dutzend Ausbildungsplätze. Wo immer man sich in der Deutschschweiz erkundigt, überall das gleiche Bild: Die Zahl der Lehrstellen für Kinderbetreuung deckt die Nachfrage bei weitem nicht.

Eine paradoxe Situation — gibt es doch seit Jahren eine grosse Nachfrage nach zusätzlichen Krippenplätzen. Somit wäre der Bedarf nach mehr ausgebildetem Personal gegeben. Und wie sich zeigt sind die Interessentinnen dafür auch vorhanden.

Schnell wachsende Branche

Wie ist das zu erklären? Bilden die Krippen zu wenig Nachwuchs aus? «Nein», sagt Ulla Grob, Geschäftsführerin des Verbandes Kindertagesstätten Schweiz (ehemals Krippenverband). Der Grossteil der Krippen engagiere sich in der Ausbildung. Mit Ausnahme der neuen Einrichtungen. Da die Aufbaujahre für Krippen kritisch sind, schreckten viele davor zurück, gleich von Anfang an Lehrlinge zu beschäftigen, sagt Marianne Ryf von der Informationsplattform Kinderbetreuung Aargau. Für SP-Familienpolitikerin Jacqueline Fehr ist das Phänomen «typisch für eine schnell wachsende Branche», zu der auch die familienexterne Kinderbetreuung gehöre. «Oft fehlt es am Anfang an ausgebildetem Personal.»

Insgesamt ist die Zahl der Lehrstellen in in den letzten zwei Jahren zwar deutlich gestiegen, gleichzeitig nahm aber auch die Nachfrage zu. Beides sei eine Folge der Neuerungen bei der Ausbildung, sagt Doris Zundel vom Sozialdepartement der Stadt Zürich. Seit Sommer 2006 können Interessentinnen nämlich direkt nach der obligatorischen Schule eine Lehre als Betreuerin beginnen. Früher mussten Schulabgängerinnen zuerst ein oder zwei Jahre Praktikum absolvieren, bevor sie eine Ausbildung antreten konnten. Nun drängten beide Gruppen gleichzeitig auf den Markt: Jene, welche direkt von der Schule kommen sowie jene, die bereits Praktikumsjahre hinter sich haben.

Der Hauptgrund des Problems sei aber ein finanzieller, sagt Ulla Grob vom Dacherverband der Kindertagesstätten. «Die meisten Krippen müssen sehr knapp kalkulieren, da bleibt kaum Spielraum für noch mehr Lehrstellen.» Kommt dazu, dass die Ausbildungstätigkeit nur in wenigen Fällen über die Subventionen abgegolten wird.

Die Kosten sind angeblich auch der Grund dafür, dass die Krippen am System der Praktika festhalten. Denn obwohl Praktika nicht mehr Bedingung sind für eine Ausbildung, «ist es faktisch noch immer so, dass man keine Lehrstelle bekommt, ohne vorher ein Praktikum zu absolvieren», weiss Nadine Hoch vom Netzwerk der St. Galler Kindertagesstätten.

Nicht selten werden Ausbildungswillige  wie auch im Fall von Caterina B.  mit der Aussicht auf eine anschliessende Lehre in ein Praktikum gelockt, und müssen am Ende aber feststellen, dass es die Lehrstelle gar nicht gibt. Und so wie Caterina B. reagieren viele: Sie hängen ans erste Praktikum ein zweites an. Manche gar mehrere, bis sie entweder unterkommen oder am Ende halt aufgeben.

Billige Arbeitskräfte

Während sich Krippenleiterinnen damit rechtfertigen, sie seien auf Praktikantinnen angewiesen, da ausgebildetes Personal zu teuer wäre, stösst dieses Vorgehen weit herum auf Kritik. «Manche Kindertagesstätten wollen bloss billige Leute beschäftigen, welche zwar nicht mitreden dürfen, aber volle Verantwortung tragen müssen», sagt der Direktor der Berner Berufsfachschule BFF, Niklaus Ludi. Und Doris Zundel vom Zürcher Sozialdepartement bestätigt: «Es herrscht ein gewisser Missbrauch beim Praktikantinnenwesen.» Fakt ist: eine Praktikantin kostet die Krippe 700 bis 800 Franken im Monat — so viel wie ein Lehrling im ersten Jahr. Mit dem Unterschied, dass Praktikantinnen keinerlei Anrecht auf Ausbildung haben.

Die Tatsache, dass das System der Praktika stark verbreitet ist, ist für Thomas Jaun vom Netzwerk Kinderbetreuung Schweiz der Beweis dafür, dass es schon heute zu wenig Kinderbetreuerinnen gebe. «Wenn aber Krippen nur mit nicht ausgebildetem, billigem Personal über die Runden kommen, dann haben wir hier ein strukturelles Problem.» Dass sich dieses in den nächsten Jahren irgendwann von selber erledige, daran zweifelt Jaun. Doch auf die Frage, wie das Problem denn zu lösen wäre, weiss derzeit niemand eine Antwort.

Schweiz

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Personalassistent/in planova human capital ag, Sumiswald

Sanitärmonteur/in gelernt planova human capital ag, Bern

Sanitärmonteur/in gelernt planova human capital ag, Bern

Lokale Suche

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

LEITER/-IN SEEFRACHT FISCHER Kaderselektion GmbH, Kanton Zürich

Traumjob Kalkulator/-in Rechsteiner Partners AG, Kanton Luzern

Leiter Bau-/Projektmanagement (m/w) Mercuri Urval AG, Kanton Zürich