Wohnen im Ausland Lehre in der Schweiz
04. November 2007, 23:33 Von René LenzinDie Schweizer Berufslehre zieht Jugendliche aus dem grenznahen Ausland an. Bisher hat der freie Personenverkehr die Zahl der Grenzgänger-Lehrlinge aber noch nicht ansteigen lassen.
Tessinerinnen und Tessiner begegnen der Personenfreizügigkeit mit besonderer Skepsis. Angesichts überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit und gut 35000 Grenzgängern ist hier die Angst vor Arbeitsplatzverlust und Lohndumping verbreiteter als in andern Regionen der Schweiz. Zumindest in einem Bereich scheint es aber nun eine Entwarnung zu geben: Entgegen dem allgemeinen Trend bei den Grenzgängern ist die Zahl der neuen Lehrlinge aus Italien 2006 zurückgegangen. 186 Lehrverträge haben Tessiner Unternehmen mit Jugendlichen aus angrenzenden italienischen Provinzen abgeschlossen, 18 weniger als im Vorjahr.
Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 478 laufende Lehrverträge mit Grenzgängern. Der Grossteil davon arbeitet in gewerblich-industriellen Berufen. An der Spitze lagen Elektromonteure (75), Maurer (66) und Automechaniker (41). Schwierig sei es für Italiener, Lehrstellen im kaufmännischen Bereich oder im Verkauf zu finden, sagt Marco Lafranchi vom kantonalen Amt für Berufsbildung. Denn in diesen Berufen seien in der Regel Deutschkenntnisse gefordert. Und für gewisse technische Berufe fehlten ihnen häufig mathematische Vorkenntnisse, die in der Schweiz zum obligatorischen Schulstoff gehörten, in Italien aber nicht.
Den Rückgang im Jahr 2006 kann sich Lafranchi nicht so recht erklären. «Vielleicht verlieren auch in Italien die handwerklichen Berufe gegenüber dem Dienstleistungssektor an Attraktivität», spekuliert er. Gestützt wird diese These durch einen kürzlichen Artikel des «Corriere della Sera». Allein in Mailand, schrieb die Zeitung, fehlten derzeit rund 40 000 qualifizierte Handwerker. Auch unter den Grenzgängern häuften sich die Lehrabbrüche, stellt Lafranchi zudem fest. Offenbar seien immer weniger Junge bereit, körperlich anstrengende Arbeiten zu verrichten.
Für Lehrlinge attraktive Ausbildung
Trotzdem bleibe die Lehre für beide Seiten attraktiv. Die jungen Grenzgänger kommen in den Genuss einer theoretischen und praktischen Ausbildung, wie sie in Italien nicht existiert. Und für Tessiner Arbeitgeber sind die Italiener interessant, weil sie meist praktische Erfahrung oder eine Zusatzausbildung mitbringen. Das komme daher, erklärt Lafranchi, dass sie mit 14 die obligatorische Schule abschlössen, aber nach schweizerischem Gesetz noch zu jung seien, um eine Lehrstelle antreten zu dürfen. Sparen können die Firmen mit italienischen Lehrlingen im Übrigen nicht, betont Lafranchi. Die Löhne seien in Gesamtarbeitsverträgen geregelt.
Die Pharma bildet Grenzgänger aus
In andern Grenzkantonen gibt es weniger Grenzgänger-Lehrlinge als im Tessin. 51 sind es im Aargau, wobei jeder Vierte in der chemischen Industrie arbeitet. Insgesamt machen Grenzgänger 0,3 Prozent aller Aargauer Lehrverhältnisse aus, wie Nic Kaufmann von der Bildungsdirektion mitteilt. Auch in Basel-Stadt schliesse vor allem die Pharma Lehrverträge mit Grenzgängern ab, sagt Christoph Marbach, Chef des kantonalen Berufsbildungsamts. Er schätzt die Zahl der Lehrlinge aus Deutschland und Frankreich auf 100 bis 150. Eine Zunahme als Folge des freien Personenverkehrs sei bisher nicht zu beobachten.
Zu diesem Schluss kommt auch Katja Ruff vom St. Galler Amt für Berufsbildung. Grenzgänger-Lehrlinge seien im Kanton sowieso Einzelfälle. Deren Zahl schätzt sie auf rund 15, wovon die meisten aus dem Fürstentum Liechtenstein. Zwar besuchten viele Liechtensteiner Lehrlinge die Berufsschule im St. Gallen. Weil sie in einem heimischen Betrieb die Lehre absolvieren, sind sie aber keine Grenzgänger. Gar keine Zahlen sind aus Genf zu erfahren. Es gebe Lehrlinge aus Frankreich, wie viele wisse man aber nicht, heisst es beim Kanton.
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