«Swissmedic muss effizienter und transparenter werden»

16. November 2007, 20:36 – Von Annetta Bundi und Philipp Mäder

Der neue Direktor will die Abläufe beim Heilmittelinstitut Swissmedic verbessern. Die Kritik von Parallelimporteuren und Komplementärmedizinern weist Schnetzer aber zurück.

Mit Jürg Schnetzer sprachen Annetta Bundi und Philipp Mäder

Sie sind seit drei Monaten Direktor von Swissmedic. Verstehen Sie nun, warum diese nie aus der Kritik gekommen ist?
Aufgabe von Swissmedic ist es, die Sicherheit der Heilmittel zu gewährleisten. Diese Aufgabe hat Swissmedic stets erfüllt. Nun wirft man ihr vor, sie sei zu wenig effizient und transparent.

In welchem Zustand haben Sie Swissmedic angetroffen?
Bei meinem Dienstantritt war eine starke Anspannung unter den Mitarbeitenden vorhanden. Sie haben unter dem gelitten, was die Medien schrieben. Denn jeder breitete genüsslich seine Ressentiments aus. Aber es gibt auch eine grosse Bereitschaft zur Veränderung. Swissmedic muss effizienter und transparenter werden.

Wenn die Reorganisation von Swissmedic ein Marathonlauf ist: Bei welchem Kilometer sind Sie angekommen?
Der grösste Teil der Strecke liegt hinter uns. Wir haben die Schwachstellen erhoben und die zur Verbesserung erforderlichen Schritte eingeleitet. Erste Resultate wird man sehen, wenn wir ab nächstem Jahr die neuen Prozesse umsetzen.

Als vor einem Jahr die alte Führung von Swissmedic gehen musste, hiess es bereits, nun würden neue Strukturen eingeführt. Weshalb dauert das so lange?
Man darf nicht vergessen, dass Swissmedic auch seine tägliche Arbeit erledigen muss. Ich will für diese Aufgabe kritische Leute. Diese sind natürlich auch gegenüber Veränderungen kritisch.

Die externe Kritik ist nicht verstummt. Komplementärmediziner etwa monieren die Zulassungsverfahren für alternative Heilmittel nach wie vor als zu aufwändig. Zudem arbeite die Behörde zu bürokratisch.
Diese Stimmen höre ich auch. Tatsache ist, dass wir die Zulassungsverfahren stark vereinfacht und beschleunigt haben. Im Rahmen dieser Verfahren legen wir jedoch grossen Wert auf die Qualität und Sicherheit der Arzneimittel. Die Öffentlichkeit vergisst, dass auch von komplementärmedizinischen Heilmitteln beträchtliche Risiken ausgehen können. So haben wir etwa bei traditionellen chinesischen Arzneimitteln giftige Substanzen gefunden. Und beim Johanniskraut haben wir Interaktionen mit empfängnisverhütenden Produkten festgestellt.

Sind inzwischen alle traditionellen Heilmittel registriert?
Die Übergangsfristen für die Zulassung der traditionellen Heilmittel laufen demnächst aus. Von der Mehrheit der Firmen wurden die neuen Regelungen akzeptiert. Es gibt jedoch immer noch Unternehmen, die diesen kritisch gegenüberstehen. Sie kommen nun unter Druck.

Auch die Pharmaindustrie spürt bei Swissmedic noch keine Veränderungen.
Diese Kritik nehmen wir ernst. Im internationalen Vergleich sind wir aber wettbewerbsfähig. Und bei der Sicherheit der Medikamente müssen wir auf die Patienten schauen.

Eine dritte Front bilden die Parallelimporteure. Auch sie stören sich an uneinheitlichen und bürokratischen Verfahren.
Diese Kritik überrascht mich. Wir haben zahlreiche Gesuche für Parallelimporte abgeschlossen. Die Kriterien für deren Zulassung sind klar - und die Verfahren sind einheitlich definiert.

Die Industrie verhindert Parallelimporte, indem sie Patente geltend macht, die mit der Arznei nichts zu tun haben. So lehnte Swissmedic den Import eines Asthmasprays ab, weil der Dichtungsring patentiert war.
Nach geltendem Recht hat der Originalhersteller die Möglichkeit, alle Patente geltend zu machen - nicht nur solche auf den Wirkstoffen.

Wenn es um neue Präparate geht, die therapeutisch kaum einen Mehrwert bringen, reagiert Swissmedic weniger formalistisch.
Swissmedic prüft neue Arzneien auf Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit - nicht aber auf einen therapeutischen Mehrwert. Oft wird ein Medikament zunächst nur für eine oder zwei Krankheiten verwendet. Plötzlich merkt man, dass es noch weitere Wirkungen hat. Wer pauschal von Scheininnovationen spricht, verkennt das Entwicklungspotenzial vieler Arzneien.

Nach Ansicht des Preisüberwachers gibt es aber viel zu viele Scheininnovationen.
Dazu können wir nichts sagen.

Kritiker behaupten, Ihr Institut sei in der Geiselhaft der Pharmaindustrie.
Das stimmt nicht. Als Regulator prüfen wir alle Gesuche aus der gleichen kritischen Distanz. Im Rahmen von Zulassungsverfahren findet naturgemäss ein Dialog mit den Gesuchsstellerinnen statt.

Sie selber haben bisher für die Interessen der Medizinaltechnik geweibelt und Parallelimporte sehr skeptisch beurteilt.
Beim Medizinaltechnikverband Fasmed habe ich mich nicht gegen Parallelimporte gestemmt. Es entspricht der Marktlogik, die Produkte dort zu beschaffen, wo sie am günstigsten sind, und sie dann in die Schweiz einzuführen. Man kann mich nicht in die Ecke der Marktabschotter stellen.

Auch in der täglichen Arbeit scheint Swissmedic Mühe zu haben. So nimmt die Zahl der offenen Gesuche massiv zu. Weshalb?
Wir haben Rückstände. Mit den eingeleiteten Massnahmen werden wir diese bis Mitte 2008 abbauen. Es kommen jedoch in nächster Zeit viele neue Medikamente auf den Markt. Das gibt Arbeit.

Dazu kommen die Reorganisation und sinkende Bundesbeiträge. Können Sie das alles gleichzeitig bewerkstelligen?
Ich glaube schon. Die Bundesbeiträge machen rund ein Viertel des Gesamtbudgets der Swissmedic aus. Die Reduktion der Beiträge im vorgesehenen Ausmass ist in die Planung einbezogen und verkraftbar. Und wenn es begründet ist, können wir zusätzliche Mittel beantragen.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Politikern?
Offen. Unsere Kontakte mit Parlamentariern beschränken sich aber darauf, im Auftrag des Departements des Innern bei Sitzungen der Parlamentskommissionen Stellung zu nehmen zu Fragen, die die Aufgaben von Swissmedic betreffen.

Im Leistungsauftrag von Swissmedic heisst es allerdings, diese dürfe keine direkten Beziehungen zum Parlament pflegen.
Dies ist klar geregelt: Für die strategische Führung von Swissmedic ist der Institutsrat zuständig. Dies betrifft auch politische Aspekte. Grundsätzliche gesundheitspolitische Fragen fallen in die Zuständigkeit des Bundesamtes für Gesundheit.

Ihr Vorgänger blieb nur eineinhalb Jahre Direktor von Swissmedic. Sind Sie mit 53 nicht zu jung für diesen Schleudersitz?
Es wäre nur ein Schleudersitz, wenn Swissmedic mehr Ärger als Nutzen brächte. Es ist mir klar, dass meine Aufgabe eine Herausforderung darstellt und Mut erfordert. Aber Swissmedic hat im vergangenen Jahr einen nachhaltigen Veränderungsprozess eingeleitet, den ich gemeinsam mit den Mitarbeitenden zu einem erfolgreichen Abschluss führen werde.

Die Kritiker sagen, Sie seien ungeduldig.
Das verstehe ich. Man hat heute nirgends mehr Zeit.

Zur Person

Der neue Swissmedic-Chef bewegt sich seit Jahren im gesundheitspolitischen Umfeld. Jürg Schnetzer hängte der Ausbildung zum Juristen und Fürsprecher ein Nachdiplomstudium in Betriebswirtschaft an und erlangte den Master of Health Administration. Vor seinem Wechsel zu Swissmedic leitete er während mehrere Jahre die Handels- und Industrievereinigung der Medizinaltechnik (Fasmed). Zuvor war er für die Schleuniger Pharmaton und die Division Diagnostik der Haag-Streit-Gruppe tätig. Der 53-jährige Schnetzer wohnt in Bern; er ist Vater von zwei Kindern. (abi/mäd)

Swissmedic ist im Rückstand

Das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic muss immer mehr Gesuche für die Zulassung von Medikamenten prüfen: Waren es 2004 noch gut 5000 Gesuche, werden es dieses Jahr voraussichtlich doppelt so viele sein. Dies zeigen interne Unterlagen von Swissmedic, die dem TA vorliegen.

Wenig erfreulich daran ist, dass auch die unerledigte Arbeit zunimmt. Gab es letztes Jahr 2000 offene Dossiers, so sind es dieses Jahr rund doppelt so viele. Swissmedic-Direktor Jürg Schnetzer räumt denn auch Probleme ein. Er ist aber zuversichtlich, die Rückstände bis Mitte 2008 abbauen zu können (siehe Interview).

Die rund 300 Mitarbeiter von Swissmedic überprüfen einerseits die Sicherheit aller Medikamente, welche die Pharmafirmen in der Schweiz verkaufen wollen. Andererseits überwacht die öffentlich-rechtliche Anstalt des Bundes den Schweizer Markt und greift bei gefälschten Medikamenten oder unzulässigen Werbemassnahmen der Pharmafirmen ein. In den sechs Jahren ihres Bestehens stand Swissmedic immer wieder in der Kritik - von Pharma, Komplementärmedizinern und Politikern. (abi)

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