Die Jeanne dArc der Kantone im Zentrum der politischen Macht
12. Dezember 2007, 21:55 Von Daniel FoppaEveline Widmer-Schlumpf hat den Politbetrieb auf den Kopf gestellt und blieb dabei im Hintergrund. Das ist bezeichnend für die Bündnerin, die seit Jahren als Bundesratskandidatin gilt.
«Eveline Widmer-Schlumpf ist eine sehr valable Kandidatin, eine der kompetentesten Politikerinnen des Landes.» Das sagte SVP-Chef Ueli Maurer, als seine Partei im Vorfeld der Nationalratswahlen 2003 laut über einen zweiten Bundesratssitz nachdachte. Es war nicht das erste Mal, dass die Bündner Finanzdirektorin als Bundesrätin gehandelt wurde. Seit sie 2000 als Anwärterin für die Nachfolge Adolf Ogis im Gespräch war – und abgewunken hat –, galt sie wiederholt als Kandidatin. Normalerweise schaden solche Spekulationen den Wahlchancen. Bei Widmer-Schlumpf offenbar nicht. So soll die SVP-Spitze kurz vor den Wahlen 2007 mit dem Gedanken gespielt haben, die Bündnerin als Sprengkandidatin aufzustellen, um einen SP-Bundesratssitz zu erobern. Aufgegangen ist gestern jedoch der Plan von Mitte-Links, und das Parlament hat 20 Jahre nach dem Rücktritt von Bundesrat Leon Schlumpf dessen 51-jährige Tochter gewählt. Der Vater zeigte sich von der Wahl überrascht. Auch Stunden danach hatte er noch keine Gelegenheit gehabt, mit der Tochter zu sprechen. «Ich hoffe, sie hat sich an einen ruhigen Ort zurückgezogen», sagte er.
Politik in die Wiege gelegt
Eveline Widmer-Schlumpf hat wiederholt geschildert, wie ihr die Politik gleichsam in die Wiege gelegt worden sei. Und dabei betont, ihr Ursprung liege bei den Bündner Demokraten – jener sozial-liberalen Partei, die 1971 in der SVP aufging. Als Teenager demonstrierte Widmer-Schlumpf für das Frauenstimmrecht, und 1998 wurde sie als erste Frau Bündner Regierungsrätin. Seither gilt die Mutter dreier Kinder im Alter von 24, 22 und 18 Jahren als Vorzeigefrau für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch ein Bundesratsamt sei mit der Familie vereinbar, sagte die mit einem Bauingenieur verheiratete Anwältin vor einem Jahr dem «Tages-Anzeiger». Das sei «eine Frage der Einteilung und der Organisation».
Eine Linke ist Widmer-Schlumpf deswegen noch lange nicht. Die SVP-Frau betreibt eine klar bürgerliche Politik. Sie brachte die Bündner Finanzen ins Lot, obwohl sie mit der Forderung nach höheren Steuern im Parlament scheiterte. Ihr Einvernehmen mit Christoph Blocher – dessen Ems-Chemie in unmittelbarer Nähe von Widmer-Schlumpfs Wohnort Felsberg steht – ist gut, ihre Kritik am populistischen Parteikurs zurückhaltend. Im Gespräch wirkt Widmer-Schlumpf kontrolliert und ambitioniert. Sie könne gut zuhören, heisst es, doch von einer einmal gefassten Meinung rücke sie kaum mehr ab.
Widmer-Schlumpfs Kompromisslosigkeit half ihr im Kampf gegen das Steuerpaket. Sie war die treibende Kraft hinter dem ersten Kantonsreferendum der Schweiz. Dabei suchte sie nicht den hektischen Auftritt in der Öffentlichkeit, sondern argumentierte ruhig und nüchtern – aber knallhart in der Sache. Das Volk lehnte das Steuerpaket ab, und Finanzminister Hans-Rudolf Merz hatte das Nachsehen. Seither unternimmt er kaum etwas, ohne die seit 2001 von Widmer-Schlumpf präsidierte Finanzdirektoren-Konferenz zu konsultieren. Auch beim Kampf um die Verteilung der Goldreserven oder beim Ringen um das Stationierungskonzept der Armee erwies sich die Bündnerin als beharrliche Kämpferin für die Sache der Kantone. Es ist zum grossen Teil ihr Verdienst, dass die Kantone heute selbstbewusster in Bern auftreten. Für manche Parlamentarier ein Grund mehr, die zielstrebige Frau zu wählen.
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