Moskau einfach - 40 Stunden fast ohne Fahrgäste
30. Dezember 2007, 20:15 Von Thomas KnellwolfNeu verkehren Schlafwaggons zwischen der Schweiz und der Hauptstadt Russlands. Die stolzen Kondukteure bedienen nur wenige Passagiere.
«Fährt dieser Zug nach Kaiseraugst?» Der Schaffner mit der golden bestickten Uniform zuckt mit den Schultern. Nicht weil Sergei Grenow nach zwei Jahrzehnten bei den Russischen Staatsbahnen die Antwort auf die Frage zweier Schweizer Teenagerinnen nicht wüsste. Sondern weil er kein Deutsch versteht. Kichernd ziehen die Mädchen weiter. Sergei Grenow bleibt kerzengerade stehen.
Freitagabend, 18.04 Uhr. Der Zug auf Gleis 4 des Basler Hauptbahnhofs rollt los. Er hält in Städten wie Offenburg und Fulda, Konin und Kutno, Terespol und Wjasma, aber nicht in Kaiseraugst. Nach 39 Stunden und 55 Minuten Fahrt und zweimaligem Umhängen soll die Zugkomposition im Bahnhof Belorusskaja in Moskau einfahren.
Seit dem 22. Dezember ist die Bahnreise aus der Schweiz nach Russland täglich ohne Umsteigen möglich. Nach fast 14 Jahren Unterbruch (siehe Kasten). Das Nachtzugunternehmen City Night Line schreibt, die 30 Schlafplätze seien bereits in den ersten Tagen «schon recht gut belegt». Die Buchungslisten zeigen aber ein anderes Bild. Am Freitag, an dem es überdurchschnittlich viele Reservationen gab, machen nur acht Fahrgäste die Reise mit.
Nur für Kleinkinder billiger
In Basel SBB steigt gar niemand ein. Aber im Badischen Bahnhof steht eine junge Frau auf dem Perron. Sie trägt ein weinendes Kleinkind, einen grossen Rucksack und einen noch grösseren Koffer. Alesia Kolesawa, Konstanzer Germanistikstudentin, will ihren Sohn ihrer Familie in Minsk zeigen. 440 Franken kostet sie die Fahrt in die weissrussische Hauptstadt und zurück. Dreimal weniger als ein Flug ab Frankfurt am Main samt Zugbillett vom Bodensee.
Kleinkinder fahren gratis mit der Eisenbahn. Für alle Älteren ist der Zug nicht viel billiger als das Flugzeug. Die Fahrt Basel - Moskau retour kostet im Schlafwagen rund 700 Franken. Zusätzlich zum Visum für Russland müssen Schweizer, die mit der Bahn reisen, ein Transitvisum für Weissrussland organisieren.
Flugangst, viel Gepäck, Nostalgie
«Die meisten unserer Kunden sind Russen und Weissrussen», sagt Waleri Parfionow, der zweite Kondukteur, «mit Flugangst und mit viel Gepäck.»
Karlsruhe, 20.18 Uhr. Auch die vierköpfige Familie, die zusteigt, fährt für Winterferien in die alte Heimat Weissrussland. «Früher benutzten viel mehr Touristen aus Westeuropa unsere Züge», erzählt Waleri. Früher, als Fliegen noch viel kostete. Früher, als in der DDR Rotarmisten zustiegen.
Nostalgische Landsleute bevorzugten manchmal noch heute den Zug, weiss Sergei. Die Schlafabteile mit rotem Teppich und pastellgrünem Interieur versprühen Sowjetcharme. Sie sind ebenso karg wie komfortabel.
«Sei gelobt, Volk der Gewinner», steht auf den Kaffeetassen, die an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern sollen. Seine Familie, erzählt Waleri, stehe seit über hundert Jahren im Dienst der Russischen Staatsbahnen. Sein Urgrossvater und sein Grossvater waren bereits im zaristischen Russland Eisenbahner, der Vater in der UdSSR. Kondukteure wie Waleri, der seit 30 Jahren auf Achse ist, waren zu Sowjetzeiten privilegierte Leute, da sie in den Westen reisen durften.
Frankfurt am Main, 22.17 Uhr. Die drei letzten Passagiere für heute steigen zu. Der eine Schaffner legt sich schlafen, der andere wacht.
«Eine kurze Reise» sei seine erste Fahrt in die Schweiz gewesen, sagt Waleri. In die Mongolei seien sie jeweils fast doppelt so lange unterwegs. Wenn er zehn Tage von zu Hause weg sei, vermisse er seine Familie. «Aber wenigstens bleibt dann keine Zeit zum Streiten», sagt er und lacht. Früher habe er auf seinen Fahrten oft seinen Sohn mitgenommen. Dieser, mittlerweile 22-jährig, führt nun als Schaffner die Familientradition der Parfionows in fünfter Generation weiter.
Um 4 Uhr früh kommt der Schlafwagen in Berlin an, am Samstagmittag pünktlich in Warschau.
Brest, Samstag, 19.30 Uhr. An der polnisch-weissrussischen Grenzen steht und steht der Zug. Nicht einmal die Kondukteure erfahren, weshalb. Frauen steigen zu, verkaufen Esswaren. Alesia Kolesawa, die Germanistikstudentin aus Konstanz, gönnt sich ein Poulet und ein Stück Kuchen. Ihr kleiner Denis spielt mit Sergei und Waleri. Dann geht es weiter.
Eineinhalb Stunden Verspätung
Minsk, Sonntag früh, 2.05 Uhr. Die acht Fahrgäste steigen in der weissrussischen Hauptstadt aus. Trotz der zweieinhalb Stunden Verspätung sei die Reise sehr angenehm gewesen, sagt Alesia Kolesawa. «Wir hatten die besten Schaffner der Welt.» Sergei und Waleri winken. Noch elfeinhalb Stunden bis Moskau.%perl>
Ein Zug mit Geschichte
Bereits in den 70er- und 80er-Jahren brachten Züge mit dem Doppelhammer-Symbol Passagiere und geheime Diplomatenpost wöchentlich aus der UdSSR nach Bern und Genf. Auf der Rückfahrt transportierten sie westliche Konsumgütern. 1988, im Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer, schickte der Kreml gar einen russischen Lastwagen mit dem Direktzug in die Schweiz. Zu zwischenstaatlichen Spannungen kam es, als die Schweizer Behörden die ungewöhnliche Fracht partout nicht als diplomatisches Gepäck akzeptieren wollten. 1994 wurde die direkte Eisenbahnverbindung Schweiz Russland eingestellt. (tok)
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