Schweiz

Wer isst, soll täglich seine CO2-Bilanz ziehen

07. Januar 2008, 19:14 – Von Bettina Mutter

Die Briten haben es und andere Ländern wollen es: Ein CO2-Label für Lebensmittel. Migros und Coop suchen nun eine Lösung. Und erstaunlich viele Politiker fordern die Etikette.

Die Klimadebatte hat die Lebensmittelregale erreicht. Seit Mitte 2007 bedrucken englische und holländische Produzenten Esswaren mit dem «carbon footprint», einer CO2-Etikette. Sie schreiben auf Kartoffeln, Tomaten, Orangen oder Backwaren, wieviele Gramm CO2 bei Anbau, Ernte und Transport pro 100 Gramm anfallen.

Die britische Regierung prüft, ob sie das neue Klima-Label vorschreiben will. Das österreichische Lebensministerium plant dessen Einführung und schreibt: «Der CO2-Rucksack von Lebensmitteln ist ein Problem, weil er massiv zum Klimawandel beiträgt». Mittels «CO2-Rechner» rechnet der britische Saft-Hersteller «Innocent» seinen Kunden sogar vor, dass ein Innocent-Drink lediglich 8 Prozent jener täglich erlaubten Menge von 22 Kilogramm CO2 entspreche, die ein Mensch mit Lebensmitteln verbrauchen dürfe.

«Weniger Fleisch, mehr Gemüse» meldete das Schweizer Bundesamt für Umwelt Ende 2006 zunächst. Das sei klimaschonend. Doch jetzt schwappt die Diskussion um das Label zur Förderung klimaverträglichen Essens in die Schweiz über. Während bisher ausschliesslich die Tonnen von CO2 ausgewiesen werden, die bei Flugzeugen, Kraftwerken und Autos zu reduzieren sind, gerät nun die Landwirtschaft unter Druck. 2007 sorgte Moritz Leuenberger mit seinem Vorschlag für Aufsehen, die Bauern für die von Kühen ausgestossenen Treibhausgase zur Kasse zu bitten. Eine Kuh ist etwa so schädlich wie ein kleines Auto, das jährlich 180 000 Kilometer zurücklegt. Der Bauernverband konterte, zuerst müsse der Verkehr seine Probleme in den Griff bekommen.

Bauernlobby sieht ihre Chance

Es verwundert darum nicht, dass die blosse Forderung, den für die Produktion von Lebensmitteln nötigen CO2-Aufwand auszuweisen, im Nationalrat auf offene Ohren stösst. Der Bundesrat soll eine solche Vorschrift zumindest für unverarbeitete Nahrung erlassen können. Das fordert der zurückgetretene CVP-Nationalrat Pierre Kohler. Er argumentiert in seiner parlamentarischen Initiative, ein umweltverträglicher Konsum sei nur dann möglich, «wenn vollständige Informationen über den Energieverbrauch» vorliegen.

Die hohe Zahl von 79 Nationalräten unterstützt die Idee, die gesamte Bauernlobby macht mit. Die Idee gefällt auch den Landwirten aus der SVP, welche allzu ökologischen Anliegen in der Regel ablehnend gegenüber stehen. Denn sie könnte ihnen nützen. Die meisten Importprodukte - sofern sie in die Schweiz geflogen werden - weisen nämlich alleine wegen des hohen CO2-Ausstosses von Flugzeugen eine besonders schlechte CO2-Bilanz aus. Regionale Produkte - sofern sie nicht in beheizten Treibhäusern produziert werden - schneiden hingegen gut ab. «So könnte die Etikette lokale Produkte und Saisonprodukte aufwerten», argumentiert Kohler.

Auch SVP-Nationalrat und Bauer Toni Brunner, Präsident der parlamentarischen Umweltkommission (Urek), findet Kohlers Vorstoss darum gut. Er wird derzeit in der Urek diskutiert. Deren Vizepräsident, der FDP-Nationalrat und Direktor des Bauernverbandes Jacques Bourgeois, sagt, dass ein solches Label für die Schweizer Bauern «wohl gut wäre».

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Ein aufgedruckter CO2-Ausweis stellt nämlich wegen der meist schlechteren CO2-Bilanz von Importware eine Art Grenzschutz für Schweizer Produkte dar. «Der Bundesrat dürfte sich im klaren sein, dass so ein Label hilfreich wäre», so Bourgeois. Auch die Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz, SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga bewertet die Idee als «sehr interessant» und fordert «eine aussagekräftige Lösung». Bourgeois und Sommaruga sind sich nämlich einig, dass eine CO2-Etikette sich nicht auf Transportweg und die Transportart beschränken darf. Sie müsse nach britischem Vorbild umfassender sein. Aber sie soll so ausgestaltet werden, dass sie «der gesamten Umwelt- und Klimabelastung gerecht wird», sagt Sommaruga.

Leuenberger prüft Öko-Label

Hier knüpft Umweltminister Moritz Leuenberger an. Er lässt derzeit prüfen, wie Vorschriften für eine solche «Öko-Etikette» beschaffen sein müssten, dass etwa auch die Pestizid-Belastung ausgewiesen würde. «Es soll nicht nur CO2 betrachtet werden», sagt Sprecher André Simonazzi. Im Dezember 2006 hatte der Bundesrat zu einem ähnlichen Vorstoss noch geschrieben: «Lebensmittel mit einer CO2-Kennzeichnung zu versehen, ist nicht praktikabel». Nun machen andere Länder es vor.

Und die Schweizer Grossverteiler ziehen bereits nach. Migros-Sprecher Urs-Peter Naef erklärt, die Migros habe zur «footprint»-Frage bereits eine Arbeitsgruppe eingesetzt. «Man wird von uns hören». Coop-Sprecher Karl Weisskopf verweist auf das bereits eingeführte Label «by air», mit dem Coop exotische Früchte, Gemüse und per Flug importiertes Fleisch kennzeichnet. «Wir bleiben dran», so Weisskopf. Auch er sagt wie Leuenberger, Bourgeois und Sommaruga: «Wir finden, es gehört nicht nur CO2 auf das Label».

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