Schweiz

Der fröhliche Bergbauer auf dem Gipfel des Polit-Olymps

11. Januar 2008, 22:54 – Von Hannes Nussbaumer

Er ist die Frohnatur der SVP. Künftig ist er auch ihr Präsident: Toni Brunner, Bauer, St. Galler, Nationalrat. Doch die Begeisterung ist nicht überall total.

Es war am späten Abend des 22. Oktober 1995, als ein Jüngling von 21 Jahren mit blonden Haaren und weissem Kopfverband ins Wahlstudio des Schweizer Fernsehens in St. Gallen stolperte. Das Fernsehpublikum erfuhr zweierlei: erstens, dass dem jungen Mann soeben im Spital eine Platzwunde genäht worden war – bedauerlicherweise hatte ihn in der berüchtigten Degustationshalle 7 der Olma eine Faust am Kopf getroffen. Zweitens, dass der Bursche fortan den Kanton St. Gallen im Nationalrat vertreten werde. Es war der erste Auftritt des Jungbauern Toni Brunner aus Ebnat-Kappel im Toggenburg.

Zwölfeinhalb Jahre später ist die Halle 7 abgebrannt, Toni Brunner aber noch immer Mitglied des Nationalrats, ausserdem Präsident der St. Galler SVP (seit 1998), Vizepräsident der SVP Schweiz (seit 2000) und Präsident der Urek, der nationalrätlichen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (seit 2007). Jetzt steht der endgültige Ritterschlag zum eidgenössischen Grosspolitiker bevor: Toni Brunner soll Präsident der SVP Schweiz werden.

Ein Bergbauer auf dem Weg zum Gipfel des Schweizer Polit-Matterhorns – und das mit Tempo Teufel. Kein Wunder: Niemand in der SVP besitzt einen derart wirksamen Karrierebeschleuniger wie Bauer Brunner. Der Toggenburger ist die SVP-Frohnatur schlechthin  immer munter, immer heiter, immer fröhlich. Nicht dass Brunners Blick auf die Welt entspannter wäre als derjenige seiner SVP-Kollegen. Auch er sieht überall masslos prassende Linke, kriminelle Ausländer und gewalttätige Jugendliche. Auch er plädiert für die harte Hand. Doch anders als seine Kollegen hat er das Talent, die harten SVP-Parolen munter scherzend zu servieren. Brunner ist ein blendender Verkäufer der Partei und seiner selbst.

«Die Personalplanung verpasst»

Was dieses Talent wert ist, zeigt sich nirgends besser als in Brunners Heimat. Vor zwölf Jahren nahm die SVP erstmals an den Wahlen ins St. Galler Kantonsparlament teil. Drei Wahlgänge später (2004) kam sie auf 24,6 Prozent und wurde – knapp hinter der CVP – zweitstärkste Fraktion. Bei den Nationalratswahlen hat die SVP die CVP bereits weit überflügelt: Brunners Partei erreichte 35,8 Prozent und gewann fünf Sitze (von insgesamt 12). Die Erfolgsstory der St. Galler SVP ist Toni Brunners Gesellenstück. Hingekriegt hat er es dank seines Naturells – und dank eines jahrelangen Extremengagements. Abend für Abend irgendwo im Kanton, in irgendeinem Rössli oder Bäumli oder Hirschen zwischen Bodensee und Bad Ragaz. 71 SVP-Ortsparteien entstanden. Brunner gab alles für seine Partei.

Ein fröhlicher Berserker – was kann sich die SVP Besseres wünschen für Ueli Maurers Nachfolge? Brunners Problem ist, dass die grandiosen Parlamentswahlen eine Kehrseite haben. Bei Majorzwahlen – ob für den Regierungs- oder Ständerat – blieb die St. Galler SVP bisher stets auf der Strecke. Brunner wohl gesinnte SVP-Exponenten erklären, es sei völlig normal, dass eine Partei Zeit brauche, bis sie Mehrheitswahlen gewinne. Doch es gibt auch die weniger Wohlgesinnten – und diese haben nach der skurrilen Nomination des SVP-Regierungsratskandidaten von dieser Woche Auftrieb. Nominiert wurde ein ganz und gar unbekannter Mann namens Stefan Kölliker, der 2004 auf der SVP-Liste im Kreis Wil für den Kantonsrat kandidiert und dabei den drittschlechtesten Platz erreicht hatte – Lichtjahre entfernt von den Gewählten.

Präsident Brunner habe «mit Sicherheit die Personalplanung verpasst», sagt SVP-Kantonsrat Bruno Gutmann. «Brunner bräuchte einen Personalchef an seiner Seite.» Kantonsratskollege Oskar Gächter sagt: «In der St. Galler SVP werden keine Kandidaten aufgebaut. Das unterlässt Brunner. Er sollte dringend ein paar gute Leute an seiner Seite haben.» Andere finden Ähnliches, aber ohne ihre Namen preiszugeben. Welche Ursache Brunners Schwäche hat, bleibt umstritten. Viele sagen, angesichts seiner enormen Inanspruchnahme durch die SVP Schweiz – 2007 war er auch noch ihr Wahlkampfleiter für die Deutschschweiz – würden ihm die Kapazitäten und auch das Interesse für die St. Galler Partei fehlen.

Daneben gibt es eine zweite Erklärung für die personalpolitischen Defizite: «Ich habe den Eindruck, dass Toni Brunner alles unternimmt, damit niemand neben ihm hochkommen kann», sagt ein St. Galler SVP-Politiker mit langer Parteikarriere. Er steht mit seinem Eindruck nicht allein.

Klare Rollen

Als Präsident der SVP Schweiz wird Brunner andere neben sich dulden müssen – den Parteiapparat, vor allem aber Christoph Blocher. Freilich verbindet Blocher und Brunner eine enge Beziehung mit klaren Rollen, sodass es dem Neo-Präsidenten nicht schwer fallen dürfte, den Alt-Bundesrat zu akzeptieren. Blocher war und ist Brunners Mentor. Er kümmerte sich um den Bauern, als dieser in zartem Alter plötzlich im Nationalratssaal stand. Es blieb ein fürsorgliches Verhältnis: Blocher wurde Mitglied im Gönnerklub der St. Galler SVP. Blocher spendierte den von Brunner dirigierten Ulrich-Bräker-Festivitäten im Toggenburg einen hölzernen Theaterbau. Et cetera.

Gut möglich, dass sich aus Sicht der SVP-Vordenker Brunner und Blocher ideal ergänzen: Der St. Galler kann kommunizieren und verkaufen. Zudem polarisiert er weniger als der Zürcher Ex-Bundesrat. Im Gegensatz zu Blocher hat sich Brunner aber nie als schlauer Stratege oder gründlicher Sachpolitiker in Szene gesetzt. Letzteres haben auch Brunners Kommissionskollegen in der Urek festgestellt: SP-Vertreter Ruedi Rechsteiner erlebt Kommissionspräsident Brunner als umsichtig und kommunikativ, solange es keine heiklen Diskussionen zu führen gilt. «Kommt es dazu, wird es schwierig, weil Brunner oft die profunde Dossierkenntnis fehlt.» Die neue SVP-Formel liegt auf der Hand: Blocher denkt, Brunner spricht.

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