Es geschah im Studierzimmer des Dorfpfarrers
08. Februar 2008, 22:54 Von Philipp MäderEine Frau klagt an: Ein Priester habe sie als Mädchen zwei Jahre lang missbraucht. Doch Bischof Kurt Koch verweigert ihr eine Genugtuungszahlung.
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Jahrzehntelang hatte sie geschwiegen. Niemandem erzählte sie, was damals im Studierzimmer des Pfarrers passierte – immer wieder passierte, zwei Jahre lang. Doch als sie vor ein paar Jahren erneut in jenes Zimmer trat, kam alles wieder hoch: wie sie damals gelitten hatte, wie sie sich schämte und wie sie sich niemandem anvertrauen konnte.
Damals, Mitte der 40er-Jahre, war sie ein scheues, braves Mädchen, zehn Jahre alt. Heute ist sie eine elegant gekleidete Frau im Pensionsalter. Nichts Scheues ist mehr an ihr, selbstbewusst sitzt sie einem gegenüber. Sie ist bereit zu kämpfen.
Zwei Dinge verlangt sie: Dass sich Bischof Kurt Koch öffentlich dafür entschuldigt, was Priester des Bistums Basel ihr und anderen Opfern angetan haben. Und dass das Bistum für ihr erlittenes Leid 20'000 Franken an die Opferhilfeorganisation Weisser Ring überweist. «Ich habe genug von salbungsvollen Worten», sagt sie. «Jetzt will ich Taten sehen.» Und: «Ich schweige nicht mehr.»
Ihre Geschichte erzählt die Frau, nennen wir sie Maria Sterck, ganz und gar nüchtern: Sie wuchs in einem kleinen Dorf im Thurgau auf. Als sie zehn war, bekam das Dorf einen neuen Pfarrer. Weil Marias Vater als Kirchenpfleger in der Pfarrei tätig war, musste sie der Haushälterin des Pfarrers zur Hand gehen. Danach nahm sie dieser jeweils ins Studierzimmer. Sie musste sich auf seine Knie setzen, er zog ihr die Hosen runter und berührte sie an den Geschlechtsteilen. Mehrmals pro Woche, zwei Jahre lang. Als sie mit einer Lungenentzündung zu Hause im Bett lag, kam der Pfarrer zu Besuch und griff unter die Bettdecke.
Erst als Maria zwei Jahre später in die Sekundarschule im Nachbardorf kam, ging sie nicht mehr ins Pfarrhaus. Die Übergriffe waren zu Ende. Einmal sei der Pfarrer noch mit dem Velo an ihrem Haus vorbeigefahren, sagt Frau Sterck. Er habe am Gartenzaun angehalten und gefragt, ob sie ihn nicht mehr gern habe.
Pfarrer schwängert junge Frau
Sterck sagt, sie sei nicht das einzige Opfer des Pfarrers gewesen: Kurze Zeit später sei eine damals 19- oder 20-jährige Frau gegen ihren Willen schwanger geworden. Eines Tages dann sei der Pfarrer plötzlich verschwunden. Der damalige Bischof habe ihn in ein Kloster gesteckt. Sterck meint, sie habe sich danach noch mehr geschämt, weil sie nicht wusste, ob jemand von ihrem Missbrauch erfahren hatte.
Sich jemandem anvertrauen sei im damaligen katholischen Umfeld unmöglich gewesen. «Solche Sachen waren etwas Grusiges, über das man nicht spricht.» Sterck fürchtete zudem die Reaktion des Vaters, falls alles auskommen würde. «Man lernte damals, dem Pfarrer zu gehorchen. Doch es war eine verlogene Welt.» Sie habe nur eine Waffe gehabt, erzählt Frau Sterck, ihre Schreibfeder. Mit dieser kratzte sie den Namen des Pfarrers aus dem Poesiealbum. In dieses hatte er, während der Zeit der Übergriffe, ein drohendes Jesuskind gezeichnet und dazu geschrieben: «Quält dich ein heimlich Sehnen / Tiefverschwiegner weh / Sprich zu ihm in Tränen / Herr dein Wille gescheh!»
«Wer war wohl das neue Opfer?»
Sechzig Jahre hatte Frau Sterck geschwiegen. Doch nachdem alles wieder hochkam, wandte sie sich 2004 an Bischof Kurt Koch, der heute für das Bistum Basel verantwortlich ist. Zu diesem gehört auch der Thurgau. In einem Brief schilderte Frau Sterck ihre Geschichte. Besonders wütend zeigte sie sich darüber, dass der Pfarrer nach einigen Jahren wieder in einer anderen Pfarrei, in Flühli im Entlebuch, zum Einsatz kam. «Wer war wohl dann das neue Opfer?», fragte sie Koch.
Sie forderte, nach Rücksprache mit der Opferhilfe des Kantons Thurgau, «eine angemessene finanzielle Genugtuung» von rund 20 000 Franken. Gleichzeitig machte sie klar, dass sie dieses Geld nicht als Schweigegeld verstehe – denn geschwiegen habe sie lange genug: «Darum schweige ich heute nicht mehr, ich spreche öffentlich darüber.»
Auf ihr Drängen hin konnte Frau Sterck schliesslich mit Bischof Koch persönlich reden. Das Gespräch verlief aus Sicht von Frau Sterck sehr unbefriedigend. Koch habe sie nicht ernst genommen, sagt sie heute. «Auf meine Argumente ging er gar nicht ein.»
Zwar teilte das Bistum Frau Sterck nach dem Treffen schriftlich mit, dass es Bischof Koch Leid tue, was passiert sei. Von einer Genugtuung wollte dieser aber nichts wissen. «Eine Geldzahlung ist kein gangbarer Weg», liess er ausrichten. Und dies, obwohl die Richtlinie der Schweizer Bischofskonferenz die Möglichkeit von finanzieller Zuwendung an Opfer ausdrücklich vorsieht. Solche Zahlungen gibt es immer wieder. So auch bei den jüngst bekannt gewordenen Fällen in der Westschweiz, wo die Opfer zum Teil Geldleistungen in der Höhe von bis zu 100 000 Franken erhielten.
Das Bistum Basel argumentierte jedoch, das müsse «unweigerlich als Zahlung eines Schweigegeldes ausgelegt werden». Ein Vorwurf, den Sterck in einem Brief ans Bistum umgehend zurückwies: «Bischof Koch verwechselt etwas Wesentliches, wenn er von Schweigegeld spricht. Denn ich schweige ja nicht mehr.» So betont Sterck auch jetzt, sie habe mit mehreren Leuten in ihrem Dorf über die Übergriffe gesprochen.
Als der «Tages-Anzeiger» Roland-Bernhard Trauffer, Generalvikar des Bistums Basel, am Donnerstag zum ersten Mal telefonisch mit dem Fall konfrontierte, lachte dieser darüber, dass jemand erst 60 Jahre später an die Öffentlichkeit geht. Gestern dann nahm er nach dem Studium des Dossiers des betreffenden Priesters offiziell Stellung. Laut Trauffer findet sich darin «nicht der leiseste Hinweis» auf sexuelle Übergriffe des Priesters. Den Fall der schwangeren jungen Frau stellt Trauffer aber anders dar: «Der Pfarrer ging mit dieser 24-jährigen Blauringleiterin eine Liebesbeziehung ein. Er zeugte mit ihr ein Kind.» Der Pfarrer war da 39 Jahre alt.
Allerdings räumt Trauffer ein, nur aus einem späteren Brief des Pfarrers auf eine Liebesbeziehung zu schliessen. Frau Sterck hingegen betont, vor wenigen Jahren noch mit der betreffenden Frau gesprochen zu haben. Diese habe Jahrgang 1928 und ihr versichert, dass sie sich nicht gegen die Autorität des Priesters habe wehren können. Laut Trauffer wurde dem Priester auferlegt, ins Kloster zu gehen, um zu entscheiden, ob er die Beziehung weiterführen oder Priester bleiben wolle. «Weil er sich für das Priesteramt entschied, setzte ihn der Bischof als Vikar in Flühli ein.»
Frau Stercks Erzählung hält Trauffer für glaubwürdig. Und bereits nach dem Treffen von 2004 schrieb das Bistum an Frau Sterck: «Sie haben anschaulich und nachvollziehbar geschildert, unter welchen Belastungen und Ängsten Sie als Kind deswegen standen.» (Siehe Ausriss.) «Eine subjektiv schlüssige Version ist noch keine objektiv bewiesene Tatsache», sagt Trauffer dazu. Deshalb könne der Bischof weder Geld zahlen noch sich öffentlich im Namen der Kirche entschuldigen. «Das wäre ein klares Schuldeingeständnis, ohne die Wahrheit zu kennen. Die Unschuldsvermutung bis zum Erweis des Gegenteils sollte doch auch für die katholischen Kirche gelten.»
«Glaube ja, Kirche nein»
Tatsächlich wird Sterck die Übergriffe wohl nie beweisen können. Denn weil sie jahrzehntelang schwieg, gibt es keine Unterlagen. Der Pfarrer selbst starb 1996. Dass Stercks Aussagen glaubwürdig seien, fand aber auch die Opferhilfe des Kantons Thurgau. Sie wandte sich trotz fehlender Beweise ebenfalls ans Bistum Basel und empfahl, Schmerzensgeld zu zahlen.
Obwohl Maria Sterck bis heute weder eine Entschuldigung gehört noch eine Genugtuung erhalten hat, ist sie noch immer Mitglied der katholischen Kirche. Deren Gottesdienste besucht sie aber nicht mehr. Heute sagt sie: «Glaube ja, Kirche nein.»
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