Dreijährige und Eltern in der Pflicht
25. Februar 2008, 22:57 Von Thomas KnellwolfBasel will nicht nur Kleinkinder zu 150 Deutschstunden verpflichten, sondern verlangt auch von deren Eltern viel.
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Am Rheinknie ist es das Tagesthema: das obligatorische Sprachtraining für die «Binggis», die Basler Kleinkinder. Der Stadtkanton zwingt künftig mit spielerischen Methoden seine Dreijährigen mit schlechten Kenntnissen der Landessprache zum Deutschlernen. Während die Kantone Zürich und die Stadt St. Gallen Pilotprojekte mit Sprach-Spielgruppen durchführen, will Basel-Stadt solche Einrichtungen ohne Versuchsphase flächendeckend einführen.
Am Montag gab das Erziehungsdepartement bekannt, dass jährlich rund 500 Knirpse im Programm «Mit ausreichenden Deutschkenntnissen in den Kindergarten» gefördert werden sollen. Ein Drittel der Basler Dreijährigen müsste zwei Halbtage pro Woche in staatlich unterstützten Privat-Spielgruppen absolvieren. Kostenpunkt für den Kanton pro Kind und Jahr: rund 3000 Franken. Ihm falle «der eindeutige Eingriff in die Elternrechte» schwer, sagte der liberale Erziehungsdirektor Christoph Eymann. Doch: «Der Skandal und die wirkliche Diskriminierung der betroffenen Kinder besteht nicht in der Verpflichtung zum Besuch der Sprach-Spielgruppen, sondern in der realen Beschneidung ihrer Berufs- und Bildungschancen.» Dutzende von Untersuchungen belegen gemäss Eymann, dass Kinder ohne genügend Sprachkenntnisse beim Schuleintritt ihre ganze Laufbahn lang eine Zwei auf dem Rücken hätten.
Auch Eltern müssen mitziehen
Vor rund einem halben Jahr hatten sich im Basler Grossen Rat die SP, die FDP, die Grünen und die EVP für Vorkindergärten im Kanton stark gemacht. Ein solches Angebot für jedes Kind garantiert der deutsche Staat. Gegen die Absicht stemmten sich die SVP und Eymanns Liberale. Eine CVP-Vertreterin forderte in der Debatte gar einen obligatorischen Vorkindergarten, ähnlich wie in Frankreich.
Basel, das den zweijährigen Kindergarten ab vier Jahren kennt, sieht nun von einer obligatorischen Erweiterung ab. Hingegen plant es eine «umfassende Frühförderung von null- bis vierjährigen Kindern». Sowohl bei den Sprach-Spielgruppen als bei der geplanten umfassenden Gesundheitsvorsorge ab Geburt sollen fremdsprachige Eltern eng einbezogen werden dem kantonalen Integrationsmotto «Fördern und Fordern» entsprechend. Festgehalten werden die jeweiligen Ziele für die Familien in Integrationsvereinbarungen. Erste solche Verträge zwischen dem Kanton und Einwanderern werden im Frühling unterschrieben.
Basel-Stadt wendet künftig auch ein Mittel an, wie es die Stadt Bern schon kennt. Eltern, die bei der Erziehung und bei der Integration überfordert sind, werden künftig zweimal pro Woche von erfahrenen Müttern mit Zusatzausbildung besucht und im Alltag begleitet. Dies erklärte der Basler Integrationsdelegierte Thomas Kessler am Rande der gestrigen Medienkonferenz. Gemäss dem Experten, dessen Dienste auch andere Kantone und verschiedene Parteien beanspruchen, geht es bei den Besuchen um Themen wie Ernährung, weniger Fernsehkonsum der Kleinen, Betreuung in Krippen, aber auch um den gemeinsamen Besuch eines Spielplatzes.
«Je früher, desto besser»
Bei nationalen Vertretern linker und bürgerlicher Parteien stösst das Basler Projekt der Sprach-Spielgruppen auf gutes Echo. Für die Zürcher Nationalrätin Kathy Riklin von der CVP gilt bei der Sprachförderung für fremdsprachige Kinder der Ansatz «je früher, desto besser»: «Für die Integration ist es eine grosse Chance, wenn Kleinkinder Deutsch lernen, sobald sie lernfähig und wissbegierig sind.» «Integration ab Geburt oder ab Zuzug der Migranten macht Sinn», findet FDP-Generalsekretär Guido Schommer. Der Basler SVP-Nationalrat Jean-Henri Dunant hält es hingegen für «falsch, wenn der Staat versucht, Kinder zu normen». In die gleiche Kerbe schlägt sein Zürcher Partei- und Ratskollege Christoph Mörgeli: «Der Staat kann nicht alle Aufgaben von der Wiege bis zur Bahre übernehmen – das werden auch einmal die Basler merken.»




























